Wie ich Madonna hassen lernte

Warum Lärmkläger keine Spiesser sind.

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Autos, Flugzeuge, Baustellen, Nachbarn. Alles Lärmquellen, die zu unserem Alltag gehören und denen wir hilflos gegenüberstehen. Denn das ­Hören ist ein Sinn, der sich nicht abstellen lässt. Man kann sich zwar die Ohren zuhalten, Kopfhörer aufsetzen – aber wenn die Wärmepumpe vom Nachbargrundstück dröhnt, wird es nie richtig still. Meist gibt es bei Lärmgeschichten zwei Lager. Die Betroffenen, die sich mit Klagen und Gegen­klagen eindecken. Und die Zuschauer, die aus der Distanz amüsiert besserwisserische Kommentare abgeben und die glauben, Ratschläge wie «Der soll sich mal locker machen» oder «In der Stadt ist es halt laut» wären hilfreich.

Spiessig finden wir, wenn jemand sich auf einen Streit um Kuhglocken, Lärm vom Strassenfest oder vom Fussballfeld einlässt. Ausser man ist selber involviert. Dann versteht man sie plötzlich, die Wut. Die einen überkommt, wenn man wieder einmal nicht schlafen kann, weil der ­Salsaclub von nebenan das Leben feiert.

Ich lebte früher in einem Altbau, die Miete war günstig, die Wände ring­hörig. Die Nachbarin in der Wohnung über mir neigte dazu, nachts zu putzen und dazu laut Madonna zu hören. «Frozen» auf Endlosschleife. Schon tagsüber und einmalig abgespielt ein Ohrengraus. Um zwei Uhr morgens der wahr gewordene musikalische Albtraum. Nur träumte ich nicht, ich konnte ja nicht schlafen.

«Das Risiko wächst, je lauter die Autos durch die Strassen brausen»

Natürlich hätte ich die Nachbarin ansprechen können, sie bitten, die Lautstärke zu drosseln. Aber ich schämte mich. Ich wollte doch cool sein. Nicht die nörgelnde Füdlibürgerin, die dumme Kuh aus dem ersten Stock. Und so lag ich wach und war wütend. Auf die Nachbarin, die so rücksichtslos war. Auf die Musikindustrie, die so lausige Songs produzierte. Und auch auf mich selbst, weil ich zu gehemmt war, mich zu wehren.

Sogar wenn es still blieb, konnte ich nicht schlafen. Ich wartete gebannt auf das Intro des ver­maledeiten Songs. Irgendwann hatte ich genug ­davon, dass Madonna mir immer wieder vorhielt: «You’re frozen. When your heart’s not open.» Ja, sie schien mich in dem Lied geradezu zu ver­höhnen: «You waste your time with hate and regret.» Ich zog weg.

Immerhin: Gesundheitsschädigend war meine unfreiwillige Beziehung mit Madonna nicht. Im Gegensatz zu ständigem Strassenlärm. Eine Studie zeigt, wie er sich auf die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung auswirkt. Die Forscher kamen zum Schluss, dass das Risiko von Schlaganfällen, Bluthochdruck oder Diabetes wächst, je lauter die Autos durch die Strassen brausen. Laut Bundesamt für Umwelt ist tagsüber jede fünfte und in der Nacht jede sechste Person an ihrem Wohnort schädlichem oder lästigem Verkehrslärm ausgesetzt.

Und so versteht man vielleicht, dass die Kläger, die jetzt von Gemeinden und Kantonen Schadenersatz fordern, weder Spiesser noch Querulanten sind. Sie wollen einfach ihre wohlverdiente Ruhe.

Erstellt: 09.12.2017, 21:42 Uhr

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