Zum Hauptinhalt springen

Schweizer DokumentarfilmWie ist es, in Ägypten verlobt zu sein?

Die Regisseurin Julia Bünter begleitet in «Fiancées» drei Frauen auf dem Weg zur Hochzeit. Ein Spiessrutenlauf durch Traditionen und eigene Wünsche. Am Ende reicht es nicht für alle.

Randa musste ihre Hochzeit wegen steigender Preise mehrmals verschieben. Nur ein Problem, das die junge Frau aus Kairo managen muss, bevor ihr neues Leben losgehen kann.
Randa musste ihre Hochzeit wegen steigender Preise mehrmals verschieben. Nur ein Problem, das die junge Frau aus Kairo managen muss, bevor ihr neues Leben losgehen kann.
Foto: Screenshot «Fiancées»

Behutsam sticht die Nadel durch den weissen Stoff. Weisse Spitze findet ihren Weg an die Taille und die Ärmel des Brautkleides. Passend dazu probiert Randa ein weisses Kopftuch an. Randa, 23, selbstständige Fotografin, wohnt in Kairo und heiratet bald Abdelrahman. Auch Marize und Ramy und Batool und Bassam wollen heiraten.

Die Schweizer Regisseurin Julia Bünter hat die drei Frauen auf ihrem Weg Richtung Ehe begleitet. In ihrem Dokumentarfilm «Fiancées» taucht das Publikum ab in die ägyptische 20-Millionen-Metropole Kairo, in einen Dschungel aus Traditionen, Moderne und eigenen Wünschen, durch den ihre Protagonistinnen und deren Partner täglich navigieren, auch oder gerade wenn sie sich auf die Hochzeit vorbereiten.

Randa ist bereits Monate vor dem Fest nervös. Denn in der Hochzeitsnacht wird sie ihr Ehemann zum ersten Mal nackt sehen. Wie dieser Moment wohl sein wird? Marize möchte mit ihrem zukünftigen Mann Ramy – beide sind Christen – einen Kurs besuchen, in dem Paare offen über Sex sprechen können. Sie möchte nicht so tun, als sei sie unerfahren, damit andere nichts Falsches denken.

Die Muslima Randa weiss bereits jetzt: Sie will verhüten. Sie und Abdelrahman wollen sich nach der Hochzeit erst drei Jahre kennen lernen und dann Kinder bekommen. «Man heiratet nicht aus Spass», entgegnen zwei Frauen aus ihrem Umfeld. Die Ehe sei die Grundlage der Familie, Kinder seien wichtig. Zudem sei es gottgewollt, dass der Mann über die Frau, die natürlich jungfräulich in die Ehe eintritt, bestimme. Randa findet das ungerecht. Später sagt sie, dass sie verstehe, welchen gesellschaftlichen Zwängen ihr Vater ausgesetzt sei und dass er seine Tochter kontrolliere aus Angst, was die Nachbarn sonst denken könnten. «Das Problem wird dadurch gelöst, dass ich bald heirate.» Die Spannungen zwischen ihr und ihrem Vater würden verschwinden.

Die Eltern reden mit

Zwischendurch Aufnahmen von Kairos Strassen, berüchtigt für ihr Chaos. Man sieht sie als Sinnbild für den Spiessrutenlauf, die eine Liebe und Erwartungen von allen Seiten mit sich bringen können.

Doch nicht nur die Frauen ringen mit Traditionen und Normen, die ihren Vorstellungen von Freiheit zuwiderlaufen. Schauspieler Bassam muss mit Batools Vater über die Bedingungen verhandeln, nach welchen die Ehe geschlossen werden soll. Dem Vater dauert alles zu lange. Schon drei Jahre seien sie verlobt. Wieso zögert Bassam? Dieser versucht derweil, seine Verlobte davon zu überzeugen, eine Wohnung in einem Aussenquartier von Kairo zu kaufen, dort ist es günstiger. Batool stapft wenig begeistert durch die Sandhügel, zwischen denen der Rohbau steht. Sie fürchtet, dort zu vereinsamen.

Bassam zeigt Batool, wo sie als verheiratetes Paar wohnen sollen. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel. Die Location gefällt ihr überhaupt nicht.
Bassam zeigt Batool, wo sie als verheiratetes Paar wohnen sollen. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel. Die Location gefällt ihr überhaupt nicht.
Foto: Screenshot «Fiancées»

Julia Bünters Film ist ein intimes Porträt dreier Beziehungen. Die Kamera läuft, wenn von der gemeinsamen Zukunft geträumt wird. Diese kann für alle erst richtig beginnen, wenn die jungen Paare verheiratet sind. Vorher wohnen sie bei ihren Eltern. «Hast du genügend Unterhosen?», fragt Ramys Mutter selbstverständlich, als der 32-Jährige seinen Koffer für die Hochzeitsreise packt.

Die Kamera läuft aber auch, wenn es kriselt. Etwa, wenn man vom Rücksitz eines Autos aus zuhört, wie Randa Abdelrahman fragt, wieso er nicht mal zwei Stunden pro Woche Zeit habe, mit ihr was zu unternehmen. Es ist nicht die einzige Stelle, an der Bünter zeigt, dass ihr Film weit über Kairoer Beziehungsprobleme hinausgeht. Manche Gefühle und Konflikte sind universal, auch wenn die Rahmenbedingungen verschieden sind.

Sie wertet nicht, sie beobachtet

Letztere bewertet Bünter nicht in «Fiancées», sie beobachtet. Ab und zu sprechen die jungen Frauen und Männer direkt mit ihr. Man erfährt nicht viel über die jungen Leute, knapp ihr Alter und ihre Berufe. Doch all das verstärkt den Eindruck, dass man für 80 Minuten einfach in die Leben dieser Paare fällt, eintaucht, mitgeht, mithört, mitfühlt.

Das Schauspielerpaar Batool und Bassam begleitete Regisseurin Julia Bünter über zwei Jahre hinweg. Marize und Ramy über einige Wochen. Doch sie habe viel Zeit investiert, auch ohne Kamera, um das Vertrauen der Paare zu gewinnen, schreibt Bünter. Auch habe sie bewusst Paare ausgewählt, die nicht arrangiert, sondern aus Liebe heiraten – ein gemeinsamer Identifikationspunkt für westliches wie arabisches Publikum.

Einigen Kritikerinnen war der Film zu langsam. Doch man kann die vermeintlichen Längen als zusätzliche Authentizität interpretieren. Auch Beziehungen kennen Flauten, leben oft von Normalität statt ständiger Verliebtheit und Aufregung. Und so heiraten am Ende auch nicht alle drei Paare.

Die Christin Marize beklagt sich, dass in ihrer Gemeinschaft Sex tabuisiert wird. Bis zur Hochzeit bei den Eltern zu wohnen, finden sie und ihr Zukünftiger hingegen normal.
Die Christin Marize beklagt sich, dass in ihrer Gemeinschaft Sex tabuisiert wird. Bis zur Hochzeit bei den Eltern zu wohnen, finden sie und ihr Zukünftiger hingegen normal.
Foto: Screenshot «Fiancées»

Es habe sie betroffen gemacht, so Bünter, zu sehen, wie harsch die sozialen Normen rund um eine Ehe seien und wie gewaltvoll sie auf die einzelnen Personen einwirkten. Trotzdem habe sie nicht den Eindruck, dass die jungen Ägypterinnen und Ägypter die Notwendigkeit des Heiratens als Last empfänden, von der sie sich gerne befreien würden. Bünter möchte auch nicht von einem «clash of civilizations» sprechen. Gehe es ums Heiraten, übe auch die Gesellschaft in der Schweiz sozialen Druck aus.

Auch wenn die Ehe in der Schweiz nicht dasselbe Gewicht habe wie in Ägypten, bleibe es für viele Menschen ein Ideal, als Paar erfolgreich zu leben, so Bünter. «Und auch hier ist die Familie ein zentrales Element der Gesellschaft.» In der Schweiz hätten wir manchmal den Eindruck, dass, weil wir in einer Demokratie leben, alles in Ordnung sei und es dadurch keine Ungleichheiten gebe. «Gleichzeitig denken wir oft, dass in Ägypten oder in der arabischen Welt im Allgemeinen Frauen unterdrückt werden, dass es keine Debatte gibt. In beiden Fällen ist die Realität komplexer.»

Den grössten Unterschied zwischen der ägyptischen und der Schweizer Gesellschaft in Sachen Heiraten sieht Bünter in den Auswirkungen, die mit der Ehe einhergehen. In Ägypten sei es sehr schwierig, allein oder zu zweit zu leben, ohne verheiratet zu sein. Die jungen Leute würden direkt vom Haus ihrer Eltern ins Eheheim gehen. «Es gibt kein Dazwischen.» Die Ehe biete daher Zugang zu Unabhängigkeit und Sexualität. Dies sei in der Schweiz nicht der Fall.

Julia Bünters Dokumentarfilm «Fiancées» läuft ab dem 23. Juli in Deutschschweizer Kinos. Die Vorpremiere findet heute Mittwochabend 22. Juli um 20:30 Uhr im Kino Kosmos in Zürich statt, in Anwesenheit der Regisseurin. Mehr Informationen finden Sie auf http://fianceeslefilm.ch