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Berichte über Herz-OP Wie krank ist Kim Jong-un wirklich?

Der nordkoreanische Diktator befinde sich nach einem Eingriff am Herzen in «ernsthafter Gefahr», melden verschiedene Medien. Was ist dran an den Berichten?

Muss er den Hut nehmen? Über den Gesundheitszustand von Nordkoreas Machthaber wird schon lange gemutmasst.
Muss er den Hut nehmen? Über den Gesundheitszustand von Nordkoreas Machthaber wird schon lange gemutmasst.
Foto: Getty Images

Was ist geschehen?

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un soll sich nach einer Operation in «ernsthafter Gefahr» befinden, berichtete der US-Nachrichtensender CNN am Dienstagmorgen mit Verweis auf Quellen mit geheimdienstlichem Wissen. Was das konkret bedeutet, geht aus dem Bericht jedoch nicht hervor. Die Information sei glaubwürdig, die Schwere des gesundheitlichen Schadens jedoch schwer einschätzbar, sagte ein US-Regierungsbeamter gegenüber CNN.

Die in Südkorea ansässige, aber auf nordkoreanische Nachrichten spezialisierte Zeitung «Daily NK» hatte bereits Stunden zuvor berichtet – mit Verweis auf eine einzige Quelle in Nordkorea –, dass Kim sich am 12. April einer Herzoperation unterzogen habe und sich seither in einer Villa im Mount Kumgang Resort in Hyangsan an der Ostküste der Halbinsel erhole. Von Komplikationen beim Eingriff war keine Rede. Im Gegenteil: Ein Teil der für die Operation einberufenen Ärzte aus Pyongyang sei inzwischen wieder nach Hause zurückgekehrt, da Kims gesundheitlicher Zustand als stabil angesehen worden sei.

Wie glaubwürdig sind die Berichte?

In der Zwischenzeit haben sich Offizielle verschiedener Länder zu Wort gemeldet. Das Präsidialamt im südkoreanischen Seoul hegt Zweifel an den US-Berichten. Es könne nicht bestätigt werden, dass es Anzeichen für ernste Probleme mit der Gesundheit Kim Jong-uns gebe, teilte dieses am Dienstag mit. «Auch gibt es keine ungewöhnlichen Aktivitäten in Nordkorea» – eine gemäss «New York Times» inzwischen zur Standardfloskel verkommene Antwort der Regierung auf Gerüchte aus dem Nachbarland.

Ähnlich äusserten sich jedoch auch südkoreanische Regierungsbeamte gegenüber der Nachrichtenagentur Yonhap. «Es wurden keine ungewöhnlichen Anzeichen gefunden, die das angebliche Gesundheitsproblem untermauern könnten», sagte ein hochrangiger Präsidialbeamter. «Nordkoreas Arbeiterpartei, das Militär und das Kabinett zeigen keine besonderen Anzeichen wie zum Beispiel einen Notfallalarm.» Man nehme an, dass Kim sich zusammen mit engen Mitarbeitern in einer Provinzregion irgendwo in Nordkorea aufhalte. Näheres wollte der Regierungsbeamte jedoch nicht bekannt geben.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters dementierten auch verschiedene chinesische Geheimdienstmitarbeiter die Berichte aus den USA zu Kims angeblich kritischer Gesundheitsverfassung.

Unterstützung erhalten die US- und südkoreanischen Medien wiederum von anderen Quellen innerhalb der südkoreanischen Regierung. Es gebe zwar verschiedene Theorien zu Kims Gesundheitszustand, sagte ein Geheimdienstmitarbeiter gegenüber der «South China Morning Post». «Aber es scheint richtig zu sein, dass er sich am 12. April einer kardiovaskulären Operation unterzogen hat ... und dass er sich nun in grosser Gefahr befindet.»

Nordkorea äusserte sich nicht zu den Berichten. Zwar zelebriert das Land um seine Herrscher seit je einen Führerkult, doch kontrolliert die kommunistische Führung Informationen über Kim Jong-un und seine Familie äusserst streng.

Tatsache ist: Die Lage ist trotz aller Zweifel unklar. Die nordkoreanische Regierung hat Informationen zu Kims Gesundheitszustand stets unter Verschluss gehalten. Eine offizielle Bestätigung vonseiten Pyongyangs werde höchstwahrscheinlich ausbleiben, stellt die Expertin Jean H. Lee vom amerikanischen Wilson Center auf Twitter klar. «Nordkorea räumte niemals einen Schlaganfall oder ein Koma beim Vater Kim Jong-il ein. Wir erhielten die Informationen von einem französischen Arzt, welcher eigens nach Pyongyang eingeflogen wurde, um den Machthaber zu behandeln.»

Es bleibt also nichts weiteres übrig, als den nächsten öffentlichen Auftritt Kims abzuwarten. Denn wenn man eines weiss, dann, dass sich der Machthaber gerne in Szene setzt.

Wie steht es um Kims Gesundheit?

Es ist bereits länger bekannt, dass Kim an Übergewicht leidet und Kettenraucher ist. Seit vergangenem August leidet der 36-Jährige offenbar auch an einer Entzündung von Blutgefässen beim Herzen, berichtete ein Informant aus Nordkorea der «Daily NK». Seine Verfassung habe sich allerdings durch seine regelmässigen Ausflüge auf den Berg Paektusan (wir erinnern uns: Kim als tapferer Bezwinger im edlen Mantel auf dem Rücken eines Schimmels) und die vielen Besuche militärischer Einrichtungen und politischer Veranstaltungen verschlechtert. «Das Paektu-Gebirge hat einen niedrigen atmosphärischen Druck, was keine geeignete Umgebung für häufige Besuche oder längere Aufenthalte ist, wenn Sie mit Blutdruckproblemen oder Entzündungen der Blutgefässe zu kämpfen haben.»

Weiss sich in Szene zu setzen: Ein vom staatlichen Nachrichtensender KCNA veröffentlichtes Bild zeigt Kim Jong-un hoch zu Ross im Peaktu-Gebirge.
Weiss sich in Szene zu setzen: Ein vom staatlichen Nachrichtensender KCNA veröffentlichtes Bild zeigt Kim Jong-un hoch zu Ross im Peaktu-Gebirge.
Foto: Keystone

Herzprobleme sind kein rares Phänomen in der Kim-Dynastie. Im Gegenteil: Kims Grossvater, Kim Il-sung, starb an einem Herzinfarkt, sein Vater an einem Herzversagen.

Kims Abwesenheit an der Zeremonie zum Gedenken an seinen 1994 gestorbenen Grossvater am 15. April löste jüngst Spekulationen zu seinem Gesundheitszustand aus. Nach Angaben des Vereinigungsministeriums in Seoul war es das erste Mal seit seiner Machtübernahme Ende 2011, dass er einen Besuch des Mausoleums am Geburtstag Kim Il-sungs verpasste, wo die einbalsamierten Leichen des Grossvaters und seines Vaters Kim Jong-il liegen. Eine Erklärung aus Pyongyang dazu gab es nicht.

Schon im Oktober 2014 verschwand Kim für rund 40 Tage von der Bildfläche. Gerüchte um den Gesundheitszustand verbreiteten sich auch damals, aber auch ein Putsch wurde nicht ausgeschlossen. Schliesslich tauchte der Machthaber wieder auf – mit einem Gehstock. Der südkoreanische Geheimdienst nahm damals an, dass Kim wegen einer Zyste im rechten Sprunggelenk operiert und deshalb verschwunden gewesen sei.

Wer übernimmt, wenn Kim ausfällt?

Die Nachfolge Kims ist nicht abschliessend geregelt. Zwar soll der 36-Jährige zusammen mit seiner Frau Ri Sol-ju drei Kinder haben. Südkoreanischen Beobachtern zufolge fällt die Nachfolge bei einem eventuellen Ausfall des Machthabers oder seinem Tod jedoch seiner Schwester, Kim Yo-jong, zu. Diese hatte Kim noch am 11. April, kurz vor seinem Verschwinden, bei einem Parteitreffen erneut auf eine höhere Position im Führungszirkel der Arbeiterpartei befördert.

Wäre sie die Nächste auf dem «Thron»? Kim Yo-jong neben ihrem Bruder, Kim Jong-un.
Wäre sie die Nächste auf dem «Thron»? Kim Yo-jong neben ihrem Bruder, Kim Jong-un.
Foto: Getty Images

Kim Yo-jong ist derzeit Direktorin des Ministeriums für Propaganda und Agitation in Nordkorea und als solche tief in die Geschäfte ihres Bruders involviert. In der jüngeren Geschichte machte die 31-Jährige auch immer wieder selbst Schlagzeilen – zum Beispiel als Aushängeschild Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Südkorea 2018 – und tauchte regelmässig auf Fotos an der Seite ihres Bruders auf.

Als Nachfolgerin sieht der Nordkorea-Kenner Leonid Petrow sie trotzdem nicht. Gegenüber dem «Guardian» erläuterte er: «Kim Yo-jong versteht es, Kim Jong-uns Initiativen zu glätten und seine sanfte Macht zu stärken (...), aber sie wird den Hauptentscheidungsträger nicht ersetzen. Nordkorea ist ein konfuzianisches Land, in dem das Dienstalter und die Männlichkeit respektiert werden. Sie ist Kims vertrauenswürdigste Verbündete, aber nicht mehr als das.»

Ebenfalls ein potenzieller Anwärter auf das Amt:  Staatsoberhaupt Choe Ryong-hae (links) neben Kim Jong-un.
Ebenfalls ein potenzieller Anwärter auf das Amt: Staatsoberhaupt Choe Ryong-hae (links) neben Kim Jong-un.
Foto: Getty Images

Wer kommt sonst noch infrage als Anwärter auf das Amt? Experten verweisen auf Choe Ryong-hae, das offizielle Staatsoberhaupt Nordkoreas, Mitglied von Kims «Partei der Arbeit Koreas (PdAK)», die Nummer zwei im Staate Nordkorea. Was für ihn spricht: Er ist tief verwurzelt in der Politik Nordkoreas und war ein enger Vertrauter von Kims Vater. Was gegen ihn spricht: Er ist nicht Teil der Kim-Dynastie, welche seit dem Ende der japanischen Herrschaft, und damit bereits seit über 70 Jahren über das Land herrscht.

Nordkoreas Machthaber Kim hat wohl weiter volle Kontrolle

Am Mittwochabend wurde bekannt, dass das US-Militär einem General zufolge davon ausgeht, dass Nordkoreas Machthaber sein Land trotz Berichten über angebliche gesundheitliche Probleme weiterhin führt.

«Ich vermute, dass Kim Jong Un noch volle Kontrolle über die koreanischen Atomwaffen und die koreanischen Streitkräfte hat», sagte der stellvertretende Generalstabschef John Hyten am Mittwoch. Es gebe keinen Grund, von einem anderen Szenario auszugehen.

Er habe keine geheimdienstlichen Erkenntnisse, um die Berichte über Kims kritischen Gesundheitszustand zu bestätigen oder zurückzuweisen, sagte Hyten weiter vor Journalisten. Präsident Donald Trump hatte Kim am Dienstag alles Gute gewünscht, aber betont, die USA wüssten nicht, ob die Berichte über seine angebliche Krankheit zutreffend seien.

Gesicherte Erkenntnisse zur Lage in Nordkorea, das weitgehend von der Aussenwelt isoliert ist, gab es zunächst nicht. Kims Alter wird in Südkorea auf 36 Jahre geschätzt.

* Mit Material der SDA