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Kanon der QuarantäneWie man Gottes Hand korrigiert

Joseph Roth hat mit «Hiob» den biblischen Stoff in die Moderne versetzt. Der arme Thora-Lehrer Mendel Singer verliert alles, sogar seinen Glauben. Da greift der Autor ein.

Schriftsteller Joseph Roth (hier im Jahr 1926) war der grosse Chronist des untergehenden k.u.k. Kaiserreichs. Er starb 1939 im Exil.
Schriftsteller Joseph Roth (hier im Jahr 1926) war der grosse Chronist des untergehenden k.u.k. Kaiserreichs. Er starb 1939 im Exil.
Foto: PD

Der Hiob des Alten Testaments hatte sieben Söhne und drei Töchter, ausserdem 7000 Schafe, 3000 Kamele, 500 Joch Rinder und 500 Eselinnen. Er war «gottesfürchtig und mied das Böse», und doch wird ihm Gott alles nehmen und ihn überdies mit einem schrecklichen Aussatz schlagen.

Joseph Roths Hiob, Mendel Singer, ist ein ohnehin schon armer Mann, Thora-Lehrer Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf irgendwo im Osten. Seine beiden ältesten Söhne wird ihm der Krieg nehmen, seine Frau der Kummer, seine Tochter der Wahnsinn. Und Mendel, dieser fromme Jude, der sein Glück immer im Gebet gefunden hatte, hadert nicht nur mit Gott wie sein biblischer Vorgänger, er zürnt ihm, er sagt sich von ihm los, lästert ihn gar und ist kurz davor, seinen Gebetsmantel zu verbrennen.

Und da geschieht es: Menuchim, sein Jüngster, ein armseliger Krüppel, ein lallender Epileptiker, den Mendel bei seiner Emigration in die USA zurückgelassen hat, taucht plötzlich dort auf, geheilt, gut gewachsen, ein schöner Mann, ein erfolgreicher Musiker. Und Mendel «ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Grösse der Wunder», so der letzte Satz des Romans.

Joseph Roth schrieb ihn 1930, als er selbst Wunder bitter nötig gehabt hätte. In dem Jahr begann seine schizophrene Frau eine Odyssee durch verschiedene Sanatorien; 1940 wird sie im Rahmen der «Vernichtung unwerten Lebens» ermordet. Da war Roth schon ein Jahr tot, gestorben in einem Pariser Armenspital, er hatte sich aus Verzweiflung über den Gang der Welt und sein Exil-Elend zu Tode gesoffen.

«Hiob» wurde Joseph Roths erfolgreichstes Buch

Sein «Hiob», der «Roman eines einfachen Mannes», sollte sein erfolgreichstes Buch werden. Es ist in einem kunstvollen Legendenton gehalten, in kurzen, einfachen Sätzen, die dem gleichen Muster folgen wie in einer Litanei. Diese Sprache, mehr noch als die genau gesetzten Details, beschwören eine Welt herauf, die zerstört und dahin ist, die Welt des osteuropäischen Judentums.

Und Roth, der säkulare Jude (der wegen seiner Frau gleichwohl einen Wunderrabbi konsultierte), vergegenwärtigt mit seinem Mendel Singer eine Geisteshaltung, die sich in Gottes Hand gut aufgehoben weiss, bis sich diese Hand als böse Kralle erweist.

Es ist das uralte Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes. Joseph Roth hat es in einen Roman in Legendenform gegossen, der uns aus einer Hütte im galizischen Schtetl bis nach New York führt, in eine Suite im Hotel Astor. Er hat Gottes Hand korrigiert – mit seiner Schreibhand.