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Anweisungen durchs TelefonWie Mancini die Squadra Azzurra aus dem Homeoffice dirigiert

Der italienische Nationaltrainer hat Corona und führt seine Mannschaft deshalb aus der Ferne. Es gab ein lockeres 4:0. Ist Charisma gar überbewertet?

Normalerweise steht er am Spielfeldrand, wegen seiner Corona-Erkrankung war Roberto Mancini zum Zusehen gezwungen.
Normalerweise steht er am Spielfeldrand, wegen seiner Corona-Erkrankung war Roberto Mancini zum Zusehen gezwungen.
Foto: Claudio Villa (Getty Images)

Vielleicht muss man die Bedeutung von Charisma einmal etwas relativieren. Von dieser angeborenen Aura, die einen Leader so sagenhaft umweht, dass alle rundherum inspiriert, eingeschüchtert, jedenfalls beeindruckt sind. Braucht sie wirklich Präsenz? Von Roberto Mancini, dem Commissario tecnico der italienischen Nationalmannschaft, heisst es, er habe tonnenweise Charisma. Sein Erfolg als Trainer liefert dazu den statistischen Beleg.

Seit mehr als zwei Jahren – oder zwanzig Spielen – sind die Azzurri ungeschlagen. Und das ist vor allem deshalb recht bemerkenswert, weil Mancini seit seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren fast jeden Italiener einmal mitspielen liess, der einem Ball etwas abgewinnen kann. Er experimentiert ständig, setzt auch Spieler ein, die in ihren Teams keinen Stammplatz haben, und solche, an die niemand vor ihm gedacht hatte. 32 gaben in seiner Amtszeit ihr Debüt. Das klappt nur, wenn einer Aura hat.

Nun sass Mancini während des Freundschaftsspiels der Italiener gegen Estland am Mittwochabend aber mit Covid-19 auf dem Sofa in seiner Wohnung in Rom und steuerte alles aus der Ferne – am Telefon. «Tele-Poker», schreibt die «Gazzetta dello Sport», wobei Poker natürlich ein etwas schiefes Bild ist gegen die Nummer 107 im Ranking der Fifa: Estland spielte mit seinen Besten, um einer «kolossalen Peinlichkeit» vorzubeugen, wie es ihr Coach vor der Begegnung gesagt hatte, war aber in keiner Weise auf der Höhe der Aufgabe. Italien gewann 4:0, wie es sich gehört.

Mancini war in ständigem Kontakt

Interessanter noch als das Spiel war aber die Nachverfolgung der Kommandokette, vom Sofa in Rom auf den Rasen des Stadio Artemio Franchi in Florenz. Mancini war im ständigen Kontakt mit zwei Leuten vor Ort, nämlich mit seinem Assistenten Fausto Salsano, der das Spiel von der Tribüne aus verfolgte, aus der Höhe also, und mit Gianluca Vialli auf der Spielerbank, seinem früheren Kameraden zu Aktivzeiten bei Sampdoria Genua und nun Delegationschef der italienischen Nationalmannschaft. Beide mit Knopf im Ohr. Vialli redete parallel auch noch mit Salsano und gab dann die Instruktionen des Chefs auf dem Sofa zu Hause weiter an Alberico «Chicco» Evani, den Vize Mancinis, der an dessen Stelle am Spielfeldrand stand.

So kam das Wort des Commissario im Homeoffice zu den Spielern – ohne Blicke, ohne Stimmfarbe, ohne Charisma, nur nackte Anweisungen. «Italia telecomandata», schreibt der «Corriere della Sera», ferngesteuertes Italien.

Der italienische Deutsche war Matchwinner

Matchwinner war einer von Mancinis Entdeckungen: Vincenzo Grifo, Mittelfeldspieler vom SC Freiburg, 27. Geboren in Pforzheim, Vater Sizilianer, Mutter Apulierin, vierter Einsatz für Italien. Grifo traf gleich zweimal: einmal schön mit sattem Distanzschuss aus zwanzig Metern, einmal per Penalty. Der Trainer mag ihn sehr, und Grifo mag den Trainer. In der Euphorie nach dem Spiel sagte er: «Ich spiele zwar in Deutschland, aber mein Herz schlägt zu hundert Prozent für Italien.»

Die Presse nennt Grifo einen «Oriundo tedesco» – Oriundo, so ruft man normalerweise Südamerikaner mit mehr oder weniger vagen Verwandtschaften in Italien, die weit weg aufwachsen, fast ohne Beziehung zur Heimat ihrer Vorfahren, und dann wegen ihres überdurchschnittlichen Talents interessant werden für die Azzurri. Der Brasilianer José Altafini und der Argentinier Omar Sívori waren wohl die berühmtesten.

Grifo stand Italien immer näher, geografisch und emotional. Als er dann zum ersten Mal aufgeboten wurde und ihn in Italien noch niemand kannte, erzählte er den italienischen Medien eine schöne Geschichte, die ihm alle Herzen öffnete. In jener Sommernacht 2006, als Italien in Deutschland Weltmeister wurde, habe er mit seinen Freunden bis in die Morgenstunden gefeiert, sagte er. Er war damals 13, am Leib trug er das Trikot von Andrea Pirlo.

War das wirklich nötig?

Estland war eine andere Nummer. Für Italien aber war der Sieg wichtig. Man ringt noch um eine bessere Platzierung im Ranking der Fifa, damit man dann am 7. Dezember, wenn in Zürich die Gruppen für die WM in Katar 2022 ausgelost werden, in den ersten Topf kommt.

Dennoch gab es auch in Italien viel Kritik an diesem Freundschaftsspiel – war es wirklich nötig? In diesen Zeiten dann noch? Vor allem die Vereine der Serie A sind enerviert, sie fühlen sich ausgepresst. Fast in jedem Club gibt es Corona-Fälle, alte und neue, auch prominente. Manche Mannschaften stecken in der Quarantäneblase. Mancini musste fast fünfzig Spieler aufbieten, um dann am Ende eine Mannschaft zusammenzubringen, die einigermassen den Standards entspricht. Nur ein Stammspieler war von Beginn weg dabei: Emerson Palmieri dos Santos, 26, geboren in Santos, Brasilien, vor zwei Jahren eingebürgert. Ein «Oriundo» aus der Ferne.

1 Kommentar
    Claudio Mennillo

    Also die dritte wenn nicht gar die vierte Garnitur der Squadra Azzurra. Hat schon jemand einmal von Pellegri, Pessina, Soriano etwas gehört oder gelesen ?