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Politik und InterieurWie sich Staatsoberhäupter vermöbeln

Boris Johnson wünscht sich neue Möbel für die Downing Street. Ein Blick in die Amtszimmer politischer Entscheidungsträger zeigt: Einige könnten eine Neugestaltung ganz gut vertragen. Ein paar Beispiele.

Eine Einrichtung wie aus dem Möbelhaus? Boris Johnson möchte seinen Schreibtisch und noch mehr loswerden.
Eine Einrichtung wie aus dem Möbelhaus? Boris Johnson möchte seinen Schreibtisch und noch mehr loswerden.
Foto: Andrew Parsons (Keystone)

Boris Johnson ist unzufrieden mit seinen Möbeln. Der Premier würde gerne, so schreibt das britische Magazin Tatler, seine Dienstzimmer in der Londoner Downing Street ein bisschen umgestalten. Seine Verlobte Carrie Symonds soll die jetzige Einrichtung als «John-Lewis-Albtraum» bezeichnet haben. Doch nur 30'000 Pfund (etwa 35'000 Euro) stehen den Johnsons jährlich für die Inneneinrichtung zur Verfügung. Ob das reicht? Schon ist von einer möglichen Spendenaktion die Rede. Ein Blick in die oftmals fürchterlich holzvertäfelten Amtszimmer politischer Entscheidungsträger.

Wladimir Putin, Russland

Die meiste Zeit verbringt Russlands Präsident nicht im Kreml, sondern 30 Kilometer entfernt in Nowo-Ogarjowo. Wladimir Putin hat das Anwesen vor Jahren zu seinem Amtssitz erklärt, es liegt hinter hohen Mauern in einem Wäldchen. Viel bekommen die Menschen in Russland davon nicht zu sehen, meist zeigen die Bilder den Präsidenten während seiner Videokonferenzen im Arbeitszimmer. Putin sitzt dann hinter seinem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz, auf dem stehen ein Bildschirm, eine Schreibtischlampe, einige beige Telefone. Überhaupt scheint alles in Putins Arbeitsumgebung in Beige und Dunkelbraun gehalten zu sein, die Fenster sind verhangen, die bilderlosen Wände cremefarben vertäfelt, die Sessel im selben Farbton bezogen, der Raum unpersönlich und erdrückend.

Beige und dunkelbraun: Russlands Präsident Wladimir Putin bevorzugt ein eher schmuckloses Arbeitszimmer im Wäldchen von Nowo-Ogarjowo.
Beige und dunkelbraun: Russlands Präsident Wladimir Putin bevorzugt ein eher schmuckloses Arbeitszimmer im Wäldchen von Nowo-Ogarjowo.
Foto: Mikhail Klimentyev (Getty Images)

Als das Staatsfernsehen kürzlich zum ersten Mal hinter die Tür neben Putins Schreibtisch schauen durfte, war das beinahe eine Sensation. Der Raum, in dem der Präsident angeblich zwischen seinen Konferenzen entspannt, wirkt ähnlich steril wie das Büro. Dort stehen ein weisses Sofa und Sessel, ein Fernseher hängt an der Wand, beige Wände, dunkle Holztüren. Ganz in der Ecke konnte die Kamera eine Topfpflanze erhaschen. Was diesem Amtssitz fehlt ist Grün – und auch jede andere Farbe.

Silke Bigalke

Angela Merkel, Deutschland

Coole Partylocation mit Blick  auf den Reichstag: Angela Merkel an ihrem Schreibtisch im Bundeskanzleramt in Berlin.
Coole Partylocation mit Blick auf den Reichstag: Angela Merkel an ihrem Schreibtisch im Bundeskanzleramt in Berlin.
Foto: Marcus Brandt (AP/Keystone)

Als Angela Merkel noch Kohls Mädchen war, hat sie erzählt, dass sie früher gelegentlich bei Partys an der Bar gestanden und Drinks gemixt hat. Betritt man viele Jahre später das Büro der Bundeskanzlerin an einem späten Wintertag und sieht, wie die Lichter der Stadt durch die breiten Fenster leuchten, wie grosszügig der Raum ist und in einer Fensterecke die übergrossen Schachfiguren stehen – Bauern, Turm, König, Dame -, kommt ein verrückter Gedanke: Was für eine grossartige Location zum Feiern das wäre. Rückte man das ohnehin sparsame Mobiliar an die Wände und improvisierte aus dem grossen Besprechungstisch mit den vielen Erfrischungsgetränken, Gläsern und Tassen eine Bar – man könnte die Musik laut drehen und die Nacht durchtanzen. Angela Merkel mixte White Russians, niemand würde die Polizei rufen, man würde auf den Reichstag schauen, 16 irre Jahre vorüberziehen lassen und irgendwann vom ersten Sonnenstrahl überrascht werden. Wie geplant kämen später die Umzugswagen. Und die Maler. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger wird sich ohnehin neu einrichten.

Cerstin Gammelin

Joe Biden, USA

590 Kilo Holz aus einem britischen Expeditionsschiff: Der Schreibtisch von US-Präsident Joe Biden (im Bild mit Vizepräsidentin Kamala Harris) im Weissen Haus.
590 Kilo Holz aus einem britischen Expeditionsschiff: Der Schreibtisch von US-Präsident Joe Biden (im Bild mit Vizepräsidentin Kamala Harris) im Weissen Haus.
Foto: Doug Mills (Getty Images)

Als Jackie Kennedy 1961 ins Weisse Haus einzog, war sie entsetzt. Das Gebäude, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika arbeitet und wohnt, sah ihrer Meinung nach aus, als sei es «mit Möbeln aus dem Billigkaufhaus eingerichtet». Eine ihrer ersten Umdekorierungsentscheidungen war daher, den sogenannten Resolute Desk ins Oval Office schaffen zu lassen. Seitdem sitzen die US-amerikanischen Präsidenten an diesem Schreibtisch, einem 590 Kilo schweren, wuchtigen und vermutlich kugelsicheren Trumm aus Eichenplanken, die einmal zum Rumpf des britischen Expeditionsschiffs HMS Resolute gehörten. Jeder neue Präsident darf sich bei seinem Amtsantritt aussuchen, ob er lieber blaue oder gelbe Vorhänge in seinem Büro haben will, ob der Teppich eher cremefarben oder navyblau sein soll, wie die Sofas bezogen werden sollen, die vor dem Kamin stehen, und welche Bilder er an den Wänden hängen haben will. Der Schreibtisch aber bleibt. Daran hat sich auch jetzt nichts geändert, als Donald Trump aus dem Oval Office aus- und Joe Biden eingezogen ist. Biden hat nur den kleinen roten Knopf entfernen lassen, den Trump auf der Schreibfläche hatte anbringen lassen. Wenn er darauf drückte, brachte ein Diener ihm eine Cola. Wenn Jackie Kennedy das gewusst hätte.

Hubert Wetzel

Sebastian Kurz, Österreich

Ein «Zigarrenkistl» mit wenig Gestaltungsmöglichkeiten: Sebastian Kurz im Wiener Bundeskanzleramt.
Ein «Zigarrenkistl» mit wenig Gestaltungsmöglichkeiten: Sebastian Kurz im Wiener Bundeskanzleramt.
Foto: Joe Klamar (Getty Images)

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hat für seinen Arbeitsbereich einen berühmten Raum im Wiener Bundeskanzleramt gewählt: das Kreisky-Zimmer. Benannt nach dem im Nachbarland legendären Sozialdemokraten Bruno Kreisky, der dort mehr als ein Jahrzehnt verbrachte und es eher abfällig als «Zigarrenkistl» bezeichnete. Tatsächlich ist der nach dem Zweiten Weltkrieg designte Raum holzvertäfelt braun und dunkel, da kann man nicht viel machen. Aber Kreisky hat in Österreich nun mal Kanzler-Sonderstatus, das war Sebastian Kurz sicher bewusst, als er anders als seine Vorgänger 2017 das «Kistl» bezog. Das Zimmer hat Symbolkraft. Um diese zu unterstreichen, hängt Kreisky auch als Fotografie an der Wand. Als Intarsien zudem die Wappen Österreichs und der Bundesländer. Sonst ist der Arbeitsbereich modern eingerichtet, stets perfekte Inszenierungsgrundlage, wenn der junge Kanzler mal wieder per Videokonferenz mit der Welt spricht – und seine Fotografen wie zufällig im richtigen Moment auf den Auslöser drücken.

Leila Al-Serori

Mette Frederiksen, Dänemark

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in ihrem Büro.
Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in ihrem Büro.
Foto: Liselotte Sabroe (imago images/Ritzau Scanpix)

Die Skandinavier haben's leichter: Damit sie sich nicht so oft neu einrichten müssen, haben sie schon vor hundert Jahren begonnen, ihr Mobiliar so zu gestalten, dass es auf alle Zeiten hinweg seine moderne Eleganz behält. Und so hat sich die heute 43-jährige Mette Frederiksen im haargenau gleichen Ensemble eingerichtet, in dem auch ihre Vorgänger Dänemark regierten. Die Tischleuchte schuf Poul Henningsen in den 1920er-Jahren, die Hans-Wegner-Stühle hatte sich auch schon John F. Kennedy fürs Weisse Haus angeschafft, und die Verona-Deckenlampen sind aus den 1970ern. Öfter ausgetauscht werden lediglich die Gemälde an der Wand hinten, aber vielleicht könnte man beim nächsten Mal den nicht ganz so vorteilhaft gealterten Schreibtisch gleich mit ins Lager schicken.

Kai Strittmatter

Emmanuel Macron, Frankreich

Je mehr schwarz, desto güldener leuchtet das Gold: Emmanuel Macron hat sich im Élysée auch innenarchitektonisch verdient gemacht.
Je mehr schwarz, desto güldener leuchtet das Gold: Emmanuel Macron hat sich im Élysée auch innenarchitektonisch verdient gemacht.
Foto: Ian Langsdon (Getty Images)

Die Franzosen haben das Arbeitszimmer ihres Präsidenten im vergangenen Jahr recht gut kennengelernt. Seine grossen Pandemie-Ansprachen hielt Emmanuel Macron vom Schreibtisch aus, und der steht im goldenen Salon. Früher wurde dieser Raum des Élysée-Palasts von berühmten Frauen bewohnt, erst von Madame de Pompadour, im 19. Jahrhundert dann von der Kaiserin Eugénie. In der fünften Republik lösen sich dort nun die Männer ab. Ohne jemals zu renovieren. Von 1940 an bröckelte der «Salon doré» 70 Jahre lang vor sich hin, Risse wurden in Blattgold und Wänden gesichtet. Im Sommer 2020 nahm Macron dann 930'000 Euro in die Hand und ordnete eine Generalüberholung an. Maler, Bildhauer, Tischler, Schlosser und Bronzeschmiede wurden mobilisiert, um den Verfall aufzuhalten.

Zusätzlich fügte Macron noch Neues hinzu. Statt am verspielt-geschwungenen Tischchen mit Goldverzierung arbeitet der Präsident nun an einem Möbel, das so lang ist, dass es fast wirkt wie ein tiefer Tresen. Für Tisch, Lampen (jenseits des Kronleuchters) und Stühle setzt Macron auf Schwarz. Dies unterstreiche, so das Élysée, «die Leuchtkraft des Dekors». Sprich: Das Gold wirkt noch güldener. Zu diesem Konzept passt auch das Gemälde von Pierre Soulages, das Macron aufhängen liess. Es ist vollständig schwarz, beziehungsweise «outrenoir», jenseits von schwarz, wie es in Soulages' Werk heisst.

Nadia Pantel

Mark Rutte, Niederlande

Drinnen Kassettenwände, draussen Demonstrantengeschrei: Der Arbeitsplatz des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte. (14. Dezember 2020)
Drinnen Kassettenwände, draussen Demonstrantengeschrei: Der Arbeitsplatz des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte. (14. Dezember 2020)
Foto: Bart Maat (Getty Images)

Mark Rutte hat sein Büro im Torentje, einem achteckigen «Türmchen» (so die Übersetzung), im Binnenhof. Das ist ein verwinkelter Gebäudekomplex in Den Haag, in dem früher die Grafen von Holland wohnten. Erbaut im 14. Jahrhundert. Dass hier fast alles aus Holz ist, versteht sich von selbst: Tür, Kassettenwand, Regal, Schreibtisch, Fenster, Besucherstühle. Ganz offensichtlich passt Rutte, drahtig, geschniegelt und gescheitelt, Ex-Unilever-Manager, nicht in diese Umgebung. Aber er ist viel zu schlau, daran etwas zu ändern. Ein Hauch Gediegenheit, und sei sie geliehen, tut seinem Image gut. Nur eines sollte er dringend erwägen: eine ordentliche Dreifachverglasung der Turmfenster. Bei seiner jüngsten TV-Ansprache war Geschrei von Wutbürgern zu hören, die draussen protestierten. Das muss nicht sein.

Thomas Kirchner

9 Kommentare
    Markus Moreno

    Einzig Macron, Putin und Biden sind Staatsoberhäupter, alle anderen nicht!