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Strategie gegen Corona-PandemieWie sollen Massentests in Schweizer Firmen in der Praxis funktionieren?

Wer kann mitmachen, sind die Tests weiterhin freiwillig, und gibt es überhaupt genügend Testmaterial? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Nasenabstriche für den PCR-Test sind unangenehm. Die Massentests können jedoch auch mit den neuen Spucktests gemacht werden.
Nasenabstriche für den PCR-Test sind unangenehm. Die Massentests können jedoch auch mit den neuen Spucktests gemacht werden.
Foto: Xurxo Lobato (Getty Images)

Wie funktioniert der Massentest in einem Unternehmen?

Firmen, die bei den Tests teilnehmen wollen, werden von den kantonalen Behörden über das Vorgehen instruiert. Beim Kanton Graubünden, der schon seit letztem Dezember Massentests durchführt, läuft das so: Alle Mitarbeitenden führen einen Spucktest durch und füllen einen Onlinefragebogen aus über ihr Mobilitäts- und Kontaktverhalten sowie ihren Gesundheitszustand. Daraus wird berechnet, wie häufig sich die Mitarbeitenden künftig testen lassen müssen. Stark exponierte Personen können täglich getestet werden. Für das Modell interessiert sich die Spitalgruppe Hirslanden. Das Unternehmen will das Konzept auch anderen Kantonen anbieten. Mit zehn Kantonen laufen derzeit Verhandlungen.

Können sich auch Mitarbeitende im Homeoffice testen lassen?

Nein. Kantone, die bereits Massentests durchführen, priorisieren bis jetzt jene Mitarbeitenden, die kein Homeoffice machen können. Aus einfachem Grund: Wer im Homeoffice arbeitet, hat ein geringeres Risiko, sich mit Corona zu infizieren.

Was passiert, wenn ein Test positiv ausfällt?

Die positiv getestete Person muss in eine zehntägige Isolation gehen und wird ärztlich und behördlich (Contact-Tracing) begleitet. Wurde der Massentest nur mit einem Antigen-Schnelltest durchgeführt, muss das Testergebnis noch mit einem PCR-Test überprüft werden, denn diese Tests sind am präzisesten. (Hier ein Überblick über die verschiedenen Testmethoden.)

Antigen-Schnelltests sind weniger präzise als PCR: Schnellteststationen im Februar 2021 in Villars-sur-Ollon im Kanton Waadt.
Antigen-Schnelltests sind weniger präzise als PCR: Schnellteststationen im Februar 2021 in Villars-sur-Ollon im Kanton Waadt.
Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Müssen engste Arbeitskolleginnen und -kollegen ebenfalls in Quarantäne?

Der Bundesrat will die Quarantäneregeln lockern, wie das der Kanton Graubünden bereits eingeführt hat. Mitarbeitende, die mit einer Infizierten im engen Kontakt standen, werden sofort erneut getestet. Fällt der Test negativ aus, können sie am Arbeitsplatz bleiben. Für die Unternehmen ist das ein wichtiger Faktor, weil so die Zahl der Ausfälle minimiert werden kann.

Gibt es überhaupt genügend Tests?

Aktuell sind ausreichend Covid-19-Tests vorhanden. Dies gilt sowohl für PCR-Tests – die sowohl anhand von Spuck- wie von Nasenabstrich-Proben funktionieren – wie auch für Schnelltests. «Im Moment halten sich Angebot und Nachfrage die Waage», sagt eine Roche-Sprecherin. Ausser Roche gibt es noch zahlreiche weitere Anbieter, deren Tests für die Schweiz schon validiert sind.

Und woher beziehen die Firmen das Testmaterial?

Das Bundesamt für Gesundheit bestellt selbst keine Tests. Bis jetzt organisierten Firmen die Beschaffung der Tests selber. Das tut beispielsweise der St. Galler Anlagebauer Bühler, der sein Personal seit Anfang März testet. Künftig dürften die Firmen das über die Kantone machen, wie das schon im Kanton Graubünden der Fall ist. Der Kanton hat Verträge mit Labors und Lieferanten von Testmaterial geschlossen und löst die Bestellung für testwillige Firmen und Schulen aus. Das Testmaterial wird per Post gesendet. Ausgewertet werden die Tests in Labors. Für die Firmen sind die Tests gratis – der Bund finanziert sie.

Im Graubünden kennt man die Massentests schon gut: Ein Mann macht einen Schnelltest im Dezember 2020 in Zuoz.
Im Graubünden kennt man die Massentests schon gut: Ein Mann macht einen Schnelltest im Dezember 2020 in Zuoz.
Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Wie gross ist die Bereitschaft der Firmen mitzumachen?

Wie man am Beispiel Graubünden sieht, ist sie gross. Als der Kanton sich vor einiger Zeit bereit erklärte, die Kosten für die Tests zu übernehmen, stieg die Zahl der interessierten Firmen deutlich. Coop macht bei den kantonalen Massentests mit. Credit Suisse lässt schon heute Mitarbeitende, die aus betrieblichen Gründen weiterhin zwingend vor Ort arbeiten müssen, kostenlos testen. Dass das Interesse der Wirtschaft an Massentests gross ist, zeigte sich auch am Druck, den die grossen Wirtschaftsverbände in letzter Zeit in der Öffentlichkeit auf den zögerlichen Bundesrat ausübten. Ausgerechnet der Pharmakonzern Roche hält allerdings nichts von den Massentests: Die Firma, die auch Covid-Tests herstellt, testet Mitarbeitende zwar schon jetzt gratis – aber nur, wenn sie Symptome haben oder in Kontakt mit einer positiv getesteten Person standen. «Das Konzept hat sich bislang bewährt», sagt eine Sprecherin.

Gibt es einen Testzwang für die Mitarbeitenden?

Wie für die Firmen sind die Massentests auch für die Mitarbeitenden freiwillig. Das gilt auch für die Massentests an den Schulen.

Und wie ist es mit den Selbsttests?

Zusätzlich zu den Massentests in Firmen will der Bundesrat allen fünf Gratis-Selbsttests pro Monat für zu Hause abgeben. Der Haken daran: Momentan gibt es noch keine zertifizierten Selbsttests in Europa, wie eine BAG-Sprecherin sagt. Um das Verfahren zu beschleunigen, müssen die Hersteller einen Sonderantrag bei Swissmedic stellen. Normalerweise hat die Zulassungsbehörde nichts mit den Covid-Tests zu tun; ihre Prüfung und Validierung läuft über andere Firmen. Swissmedic kann jedoch im Pandemiefall die Tests frühzeitig freigeben. «Realistisch ist voraussichtlich Anfang April», erklärt die BAG-Sprecherin.

10 Kommentare
    Peter Meier

    Ein Jugendlicher aus dem Bekanntenkreis konnte sich letzte Woche bereits impfen lassen - in einem serbischen Warenhaus mit Sputnik. Bei uns diskutiert man im März 2021 über das "wie" des Testens. In anderen Ländern war dies ab Dezember 2020 Traktandum. Weshalb habe ich das Gefühl, wir seien besonders "patschifig", rätoromanisch für phlegmatisch?