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Psychologie der KommunikationWieso selbst billige Propaganda wirkt

Eine neue Studie erklärt den «Third Person Effect»: Manipulierende Aussagen verfangen offenbar, weil Menschen überzeugt sind, dass alle anderen daran glauben.

Die Macht des falschen Konsens: Propaganda-Poster in Shanghai.
Die Macht des falschen Konsens: Propaganda-Poster in Shanghai.
Foto: Johannes Eisele (AFP)

Achtung, Achtung, es ergehen die folgenden Mitteilungen! Die Volksrepublik China ist die grösste Demokratie der Welt, in keinem anderen Land der Erde leben so viele Menschen in Freiheit, Selbstbestimmung und Glückseligkeit. Grosszügigkeit, Menschlichkeit und Fortschritt offenbaren sich auch in den herausragenden Erfolgen des chinesischen Raumfahrtprogramms. In unendlicher Güte sind andere Nationen eingeladen, eines Tages die geplante chinesische Raumstation mit zu nutzen. Ein Angebot, das in Kontrast zur Niedertracht fremder Länder steht, die China die Partizipation an der Internationalen Raumstation ISS verwehrten. Ende der Durchsage.

Wie (hoffentlich) unschwer zu erkennen ist, handelt es sich um Mitteilungen, die mit dem Begriff «Propaganda» beschrieben werden dürfen. Die Beispiele stammen aus einer aktuellen Studie der Politikwissenschaftler Haifeng Huang und Nicholas Cruz, die im Fachjournal «Political Behaviour» erschienen ist. Die beiden Wissenschaftler der University of California in Merced haben Beispiele wie diese knapp 900 Probanden aus China vorgelegt, um Antworten auf eine grosse Frage zu erhalten: Auf welchem Weg beeinflusst Propaganda?

Dabei beobachteten sie eine Art Bandeneffekt: Die Teilnehmer der Studie glaubten vor allem, dass ihre Mitmenschen solchen Meldungen vertrauten. Und, vereinfacht gesagt, wenn alle anderen selbst den wildesten Behauptungen des Regimes Glauben schenken, dann hält man selbst lieber den Mund, um nicht in die Schusslinie zu geraten.

Fake News als Signal der Macht

«Bisher hat Forschung vor allem danach gefragt, wie Propaganda direkt auf die politischen Präferenzen und Meinungen eines Individuums wirkt», sagen Huang und Cruz. Die Forschungsliteratur fokussiert sich dabei auf zwei Hauptstränge: Propaganda wird als Versuch unmittelbarer Beeinflussung der Meinungen der Untertanen eines Regimes analysiert. Ein zweiter Strang betrachtet solche Art der Agitation eher als Signal der Stärke, das indirekt wirkt. Wenn ein Regime ungerührt den offensichtlichsten Unfug behaupten kann, verfügt es auch über die Macht, Leben und Erleben der Menschen zu reglementieren – da muckt man lieber nicht auf.

In der aktuellen Studie analysierten die Politikwissenschaftler Propaganda nun durch eine weitere Linse. Dabei griffen sie auf einen theoretischen Rahmen zurück, der als «Third Person Effect» bezeichnet wird, und der unter anderem in der Medienwirkungsforschung etabliert ist. So zeigen sich viele Menschen überzeugt, dass sie selbst zwar vor negativen Effekten zum Beispiel durch Fake News, Gewaltcomputerspiele, Pornografie oder Social Media gefeit, andere Menschen dadurch hingegen verwundbar seien.

Wenn ein Regimegegner der Überzeugung ist, mit seiner Haltung isoliert zu sein, erstickt das jeden Protest im Keim.

Ein ähnliches Muster offenbarte sich nun in der Studie von Huang und Cruz: Die Probanden glaubten, dass die anderen Teilnehmer den vorgelegten Aussagen eher glauben würden, als sie selbst das taten. Ein totalitäres Regime erreicht auf diese Weise die vermutlich gewünschte Wirkung: Es kreiert Unsicherheit über die Haltung der Mehrheit und verhindert so die Entstehung von Protestbewegungen. Denn wenn ein Regimegegner der Überzeugung ist, mit seiner Haltung isoliert zu sein, erstickt das jeden Protest im Keim.

Ähnliche Ergebnisse existieren aus der Forschung zu Konformität und Polarisierung in Gruppen: Es kommt häufig vor, dass in Teams ein falscher Konsens über die geteilte Meinung herrscht, der von wenigen lauten Stimmen dominiert wird. Gerne ist das der Fall, wenn es sich um moralisch aufgeladene Themen handelt. Ein aktuelles Beispiel aus der Arbeitswelt wäre etwa das Gendern von Sprache: In Gruppendiskussionen herrscht dann etwa der Eindruck vor, alle seien dafür. Spricht sich dann einer öffentlich dagegen aus, kann er sich sicher sein, anschliessend im Privaten Zustimmung von den vielen Stummen zu bekommen: «Gut, dass du es gesagt hast, ich habe mich das nicht getraut.» Oft haben wir ein falsches Bild davon, was in den Köpfen der anderen vorgeht – und das kann Folgen haben.

33 Kommentare
    Sacha Meier

    Die Kosten von Propaganda stehen selten zu dessen Wirkung. Nur die Kunden der Werbeindustrie glauben, teurere Werbekampagnen hätten einen höheren werbepopagandistischen Effekt. Das Wichtigste bei der Propaganda ist die Authentizität, sowie die Vermittlung von Zufriedenheits- und Geborgenheitsgefühlen. Genau darun sind Kim Jong-Un und Xi Jin-Ping so erfolgreich, mit ihrer Propaganda, dass die ihre Völker im besten aller möglichen Staatssysteme leben würden. Beide stellen das Wir-Gefühl in den Vordergrund - und auch die Partei, die als Wohlfühloase für Geborgenheit sorgt. Und auch die Economy 4.0, deren Kerngedanke darin liegt, dass der Normalbürger nichts mehr besitzen soll, sondern alle Besitztümer «as a Service» gegen Zahlung von regelmässigen Nutzungsgebühren beanspruchen soll, findet immer regeren Zuspruch. Nicht nur bei der Software, sondern bei ganzen Rechenzentren, ICT-Ausrüstungen von Firmen und auch bei den Privaten. So wollte etwa Apple herausfinden, wie weit sie beim iPhone 12 gehen kann, dass wegen absichtlichen Hürden nur noch durch Apfelreparaturinstitute repariert werden darf. Die Mehrheit der Kunden findet das sogar gut - und findet im Sicherheitsargument Geborgenheit. Und auch die Strafverfolgungsbehörden liessen sich überzeugen. Darum ist heute in den USA etwa eine illegale Apfelreparatur gemäss dem DMCA ein Verbrechen, weil dazu eine kommerzielle Verschlüsselung zur (Paarung von Ersatzteilen) in umsatzschädigender Absicht geknackt werden muss.