Zum Hauptinhalt springen

Neuer Direktor zur Herzklinik«Wir haben das Tal hinter uns gelassen»

Nach den heftigen Turbulenzen im vergangenen Jahr zeigt sich der neue Direktor der Herzchirurgie am Unispital zuversichtlich.

Paul Vogt hat im vergangenen Sommer die Leitung der krisengeschüttelten Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich übernommen.
Paul Vogt hat im vergangenen Sommer die Leitung der krisengeschüttelten Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich übernommen.
Foto: PD

Paul Vogt trat sein Amt mitten in der Krise an: Der 63-Jährige übernahm im vergangenen Sommer die Herzchirurgie des Zürcher Universitätsspitals (USZ). Sein Auftrag: wieder Ruhe reinbringen in die krisengebeutelte Klinik. Diese war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Im Fokus: der damalige Direktor Francesco Maisano, dem vorgeworfen wurde, wissenschaftliche Publikationen geschönt und Interessenkonflikte verschwiegen zu haben (lesen Sie hier mehr dazu).

Eine Untersuchung zeigte zudem, dass an der Klinik bestimmte Leistungen falsch abgerechnet wurden. Wegen der Affäre trennte sich das Spital von Maisano, auch Spitalratspräsident Martin Waser gab seinen Rücktritt bekannt.

«Ungemütlicher, als ich erwartet hatte»

«Ehrlich gesagt, war die Situation ungemütlicher, als ich erwartet hatte», räumt Paul Vogt jetzt in einem Interview mit der NZZ ein. Bei seinem Amtsantritt sei er auf eine nicht mehr funktionsfähige Herzchirurgie gestossen, die viel zu wenig Patienten hatte.

«Viele Zuweiser hatten schon vorher das Vertrauen verloren und aufgehört, ihre Patienten in die USZ-Herzklinik zu schicken.» Laut Vogt kam es zu einem Patientenrückgang von 30 bis 50 Prozent, es seien fast nur noch Notfälle operiert worden. «Das ganze Team war verunsichert, und nicht wenige waren untereinander zerstritten.»

Um die Situation zu stabilisieren, sei es zuallererst darum gegangen, die Behandlungsqualität für die Patienten zu verbessern. So habe er jene Schritte eingeleitet, die unmittelbar einen positiven Effekt auf die Qualität gehabt hätten: verbesserte Protokolle im Operationssaal, Vereinfachungen komplizierter Verordnungen, strikte Anwendung eines Protokolls zur Vermeidung von Wundinfektionen. «So konnten wir die gegenüber dem Schweizer Durchschnitt doppelt so hohe Infektionsrate fast eliminieren», sagt Vogt.

Nach dem Entscheid des Spitalrats, sich vom damaligen Direktor zu trennen, sei im Team auch mehr Ruhe eingekehrt.

«Eine seriöse Adresse»

Gebessert hat sich laut Vogt auch das Verhältnis zwischen den Abteilungen Chirurgie und Kardiologie, die jahrelang im Streit gelegen waren. «Kardiologie und Herzchirurgie wurden zu einer Abrechnungseinheit zusammengelegt», sagt Vogt. So spiele es nun keine Rolle mehr, ob der Patient über die Kardiologie oder über die Herzchirurgie in das universitäre Herzzentrum eintrete. «Der medizinische Aspekt rückt wieder in den Vordergrund.»

Zur Zukunft der Herzchirurgie am Unispital zeigt sich Vogt zuversichtlich. Zwar gebe es «noch viel zu tun». Dennoch: «Das Universitäre Herzzentrum ist für Patienten und Zuweiser eine seriöse Adresse», ist er überzeugt. «Wir haben das Tal hinter uns gelassen.» Ziel sei es, «die Herzchirurgie wiederaufzubauen und sie dahin zu bringen, wo sie national und international hingehört.»

Universitätsspital Zürich: Weil ihre Operationen immer wieder verschoben werden müssten, sind laut Klinikdirektor Vogt viele Herzpatienten nervlich am Ende.
Universitätsspital Zürich: Weil ihre Operationen immer wieder verschoben werden müssten, sind laut Klinikdirektor Vogt viele Herzpatienten nervlich am Ende.
Foto: Urs Jaudas

«Zu viele Spezialisten, zu wenig Patienten»

Angesprochen zu den Gründen für die häufigen Konflikte zwischen einzelnen Kliniken an Spitälern, wird Vogt deutlich: «Es gibt zu viele Spezialisten und zu wenig Patienten, und das betrifft wohl am ehesten die invasiv tätigen Fächer. Ein Patient wird nicht behandelt, weil er unbedingt behandelt werden muss, sondern weil er finanziell lohnend behandelt werden kann.»

Das setze Fehlanreize und führe zu einer ungesunden Konkurrenz um Patienten. Gestoppt werden könne das nur mit einer adäquaten Qualitätskontrolle. Derzeit sei man zusammen mit der Gesundheitsdirektion daran, ein einfaches, aber effektives Modell für eine solche Qualitätskontrolle zu erarbeiten.

Patienten «nervlich am Ende»

Schliesslich äussert sich Vogt auch zur Belastung der Herzchirurgie durch die Pandemie. So hätten viele Eingriffe verschoben werden müssen, oft auch ganz kurzfristig, weil auf den Intensivstationen neue Covid-Patienten aufgenommen werden mussten. «Es gab Patienten, die dreimal zu einem geplanten Eingriff ins Spital eingetreten sind und die wir dreimal wieder nach Hause schicken mussten.»

Viele Patienten seien deshalb nervlich am Ende, so der Klinikdirektor. Weil die Covid-Fallzahlen derzeit sänken, habe sich die Situation etwas entspannt, aber: «Die Lage bleibt unberechenbar, immer wieder fällt auch Personal aus, weil es positiv getestet wurde.»

8 Kommentare
    Christine Beyer

    Es ist erfreulich, wenn die bis jetzt getroffenen Massnahmen erste Erfolge zeigen. Eine langfristige Erholung und das Schaffen von neuem Vertrauen dauern jedoch länger als nur ein paar Monate. Es liegt ja nicht nur an den Ärztinnen und Ärzten, welche in der Herzchirurgie arbeiten, sondern am gesamten System im USZ. Inwiefern tatsächlich ein transparenter Umgang mit gravierenden Fehlern, wo die Sicherheit von Patientinnen und Patienten gefährdet wurde - inklusive entsprechender, offener Kommunikation nach aussen - erfolgen, wird sich zeigen.

    Und ein weiteres Kapitel ist der Umgang mit Leistungen bzw. Honoraren, die nicht korrekt abgerechnet wurden. Auch diesbezüglich muss eine nachhaltige, für Aussenstehende (Patientinnen/Patienten, Krankenkassen) transparente Abrechnungsform implementiert sowie kommuniziert werden.

    Mal schauen, inwiefern sich bezüglich dieser beiden Themenbereiche langfristig etwas verändert und wie die Bevölkerung darüber in Kenntnis gesetzt wird.