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Corona-Interview mit EpidemiologinKann man dem sinkenden R-Wert trauen?

In der Schweiz lassen sich viel zu wenig Menschen testen. Trotz sinkender Fallzahlen sei es deshalb unklar, ob es sich bereits um eine Trendwende handle, sagt Emma Hodcroft.

Wer auch nur leichte Symptome wie Halsschmerzen oder schwachen Husten hat, soll einen Corona-Test machen.
Wer auch nur leichte Symptome wie Halsschmerzen oder schwachen Husten hat, soll einen Corona-Test machen.
Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Das Bundesamt für Gesundheit will mit einer neuen Kampagne die Bevölkerung zum Covid-Test motivieren. Müssen sich nun wirklich alle mit den mildesten Symptomen testen lassen?

Wir müssen alle auch mit nur leichten Symptomen ermuntern, sich testen zu lassen, auch Leute, die mit einer positiv getesteten Person zusammen waren, aber noch keine Symptome haben. Denn die hohe Positivitätsrate in der Schweiz zeigt eindeutig, dass wir zu wenig testen. Wir haben deshalb kein klares Bild über die effektiven Fallzahlen. Bei der aktuell hohen Positivitätsrate führt jeder Rückgang der durchgeführten Tests automatisch zu einem Rückgang der Fallzahlen. Die aktuelle Abnahme der Fallzahlen kann zum Teil auch darauf zurückzuführen sein, dass weniger getestet wird.

Nun haben wir seit ein, zwei Wochen sinkende Fallzahlen. Heisst das, dass wir noch gar keine Trendwende haben?

Ich gehe davon aus, dass die vom Bundesrat und den Kantonen getroffenen Massnahmen tatsächlich Wirkung zeigen. Die Fallzahlen gehen zurück, insbesondere in den Kantonen mit sehr strengen Massnahmen wie Genf oder Waadt. Aber es gibt grosse Unterschiede zwischen den Kantonen. Solange in der Schweiz nicht mehr getestet wird, ist es schwierig, die tatsächliche Situation genau zu kennen. Wir laufen nach wie vor Gefahr, Entwicklungen zu verpassen. Und die Fallzahlen in der Schweiz müssen rasch runtergehen, weil die Zahl der Patienten in den Spitälern auf hohem Niveau stagniert oder teilweise noch ansteigt.

Wir müssen also viel mehr testen, bevor wir aufgrund sinkender Fallzahlen den Menschen wieder mehr Freiheiten einräumen können?

Die geltenden Massnahmen müssen unbedingt beibehalten werden, solange wir nicht mehr testen und wir verlässlich tiefe Fallzahlen haben. Das wird erst der Fall sein, wenn wir dank mehr Tests ein klareres Bild erhalten oder wenn die Fallzahlen wieder ein so tiefes Niveau erreichen, dass die Positivitätsrate deutlich tiefer ist.

Empfehlen Sie Massentests, wie sie einige Länder durchgeführt haben?

Eine ganze Bevölkerung zu testen, ist sehr teuer und erfordert eine grosse Organisation. Wir müssen nicht alle auf einmal testen, sondern wir müssen einfach mehr testen als jetzt.

«Die geltenden Massnahmen müssen unbedingt beibehalten werden, solange wir nicht mehr testen und wir verlässlich tiefe Fallzahlen haben.»

Viele mit nur leichten Symptomen haben wohl keine Lust zum Testen, weil sie die Konsequenzen eines positiven Resultats fürchten: Isolation und Quarantäne für die Angehörigen. Wie wollen Sie diese Hürde überwinden?

Wir müssen den Leuten klarmachen, dass sie das Virus weiterverbreiten könnten und dass jemand dann sehr schwer erkranken kann. Es ist nicht der Test, der einen positiv macht. Man muss den Leuten vermitteln, dass der Gang zum Test ein Dienst an der Gesellschaft ist. Die Leute müssen aber auch sicher sein können, dass der Test gratis ist.

Wer Symptome hat, muss nicht bezahlen. Kontaktpersonen ohne Symptome erhalten aber beispielsweise im Kanton Zürich vom Contact-Tracing die Auskunft, sie sollten aufgrund der hohen Fallzahlen auf einen Test verzichten.

Auch alle, die mit einer positiv getesteten Person nahen Kontakt hatten, sollten sich unbedingt gratis testen lassen können, selbst wenn sie keine Symptome haben. Die Unsicherheit über die Kosten des Tests ist ein Problem. Ich lese in den sozialen Medien immer wieder von Leuten, die sich fragen, ob ihre Symptome stark genug sind, damit der Test bezahlt wird. Solche Zweifel müssen durch Information der Behörden ausgeräumt werden.

Die Reproduktionszahl R zeigt, wie viele Personen ein Infizierter ansteckt, und dieser R-Wert liegt in der Schweiz wieder bei 0,7. Das ist so tief, dass die Fallzahlen rasch sinken sollten. Kann man diesem Wert trauen?

Wir müssen in der jetzigen Situation sehr vorsichtig sein bei der Interpretation des R-Werts und vor allem aufpassen, dass wir den geschätzten R-Wert nicht auf die ganze Schweiz übertragen. Denn wie gesagt: Es gibt grosse regionale Unterschiede. In einigen Westschweizer Kantonen ist der R-Wert dank der strikten Massnahmen nun wieder deutlich unter 1 gesunken. Aber in Basel-Stadt beispielsweise liegt der R-Wert bei 1, und die Fallzahlen steigen.

Basel-Stadt schliesst deshalb die Restaurants, aber in Basel-Landschaft bleiben sie offen. Ist solch kleinräumiges Vorgehen sinnvoll?

Das zeigt eine Schwäche des föderalistischen Systems. Die Kantone sollten regional zusammenarbeiten. In einer so verflochtenen Region wie den beiden Basel sollten wohl gleiche Massnahmen gelten. Aber regional differenzierte Massnahmen sind durchaus möglich, denn wir sehen auch in einem relativ kleinen Land wie der Schweiz grosse regionale Unterschiede im Infektionsgeschehen.

6 Kommentare
    Franz Schulte Kilchberg

    Entweder ist der Streubereich der Testergebnisse gegenwärtig derart gross, dass das Resultat nicht signifikant ist, oder die dritte Welle ist schon da: Bereits am 26.11.20 und am 27.11.20 lagen die "Fallzahlen" wieder über den Durchschnittswerten der jeweiligen Vorwoche. Die Methodik, mit welcher die "Fallzahlen" ermittelt werden, machen die Fallzahlen als Entscheidungsgrundlage für die zeitnahe Feinsteuerung der Massnahmen gegen eine Ansteckung unbrauchbar. Würfeln wäre zuverlässiger. Seit das BAG Herrn Koch mit seinem Zählrahmen pensioniert hat, wurde alles noch schlimmer.