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«Wir lassen uns nicht brechen»

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff zeigt sich von der 1:7-Schlappe gegen Deutschland geschockt. Was sie in die Zukunft gerichtet sagt.

Ungläubiger Blick: Brasilien-Fan während des Spiels in den Strassen von Rio de Janeiro. (8. Juli 2014)
Ungläubiger Blick: Brasilien-Fan während des Spiels in den Strassen von Rio de Janeiro. (8. Juli 2014)
Keystone
Regen und Tränen fliessen in Rio de Janeiro ineinander.
Regen und Tränen fliessen in Rio de Janeiro ineinander.
Reuters
Das tut weh im Kopf: Ein Mädchen in São Paulo kann nicht glauben, was es sieht.
Das tut weh im Kopf: Ein Mädchen in São Paulo kann nicht glauben, was es sieht.
Keystone
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«Wie alle Brasilianer bin ich sehr, sehr traurig über die Niederlage. Es tut mir immens leid für uns alle, für die Fans und unsere Spieler», twitterte sie nach dem Spiel in Belo Horizonte.

«Aber wir lassen uns nicht brechen. Brasilien, schüttel den Staub ab und steh wieder auf», ermutigte sie ihre Landsleute.

Am Sonntag wird sie nach dem Final in Rio de Janeiro den Pokal dem WM-Sieger übergeben. Wie sehr hatten sie und mit ihr 200 Millionen Brasilianer gehofft, dass die Trophäe an die Seleção geht.

Für Rousseff stehen Wahlen an

Rousseff steht im Oktober dieses Jahres eine Wahl ins Haus. Sie will sich vom Volk für weitere vier Jahre als Präsidentin wiederwählen lassen. Ihre Partei hat sie bereits nominiert. Vor vier Jahren musste sie in eine Stichwahl.

«Das ist Sport. Das ist Fussball. Aber es ist schwer, auf diese Weise zu verlieren», sagte Brasiliens bekanntester TV-Moderator Galvão Bueno. Das historische 1:7 gegen Deutschland – die höchste Halbfinal-Niederlage der gesamten WM-Geschichte – könnte sich nach dem «Maracanaço» von 1950, der WM-Final-Niederlage Brasiliens gegen Uruguay, zu einem weiteren nationalen Trauma entwickeln. Auch Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff zeigte sich geschockt.

«Ich bin Brasilianer mit viel Stolz, mit viel Liebe»

In Rio de Janeiro zog sich der ansonsten strahlend blaue Himmel pünktlich zum Spielbeginn zu. Dunkle Wolken verdüsterten den Horizont, doch da hatten die 20'000 Fans am FIFA-Fan-Fest noch keine böse Vorahnung. «Eu sou Brasileiro com muito orgulho, com muito amor», sangen sie aus voller Kehle. «Ich bin Brasilianer mit viel Stolz, mit viel Liebe.» Doch die Gesänge wurden schon nach dem ersten Tor schwächer und nach jedem weiteren der sieben Treffer immer leiser, ehe sie dann verstummten. Dass Deutschland ein schwieriger Gegner sein würde, das war den meisten brasilianischen Fans bewusst.

Und dass es ohne den verletzten Superstar Neymar und den gesperrten Abwehrpatron und Captain Thiago Silva noch komplizierter werden würde, auch das hatten die meisten geahnt. Ein solch kollektiver Zusammenbruch war aber für unmöglich gehalten worden. Die Truppe um Ersatz-Captain David Luiz war völlig überfordert und desorientiert. Der Auftritt war peinlich von A bis Z. Ein Star-Ensemble wurde in seine Einzelteile zerlegt. Die Hilflosigkeit der Brasilianer war erschreckend. Sie zeigte sich auch darin, dass die Seleção mit Schauspieleinlagen Penaltys suchte, als sie bereits hoffnungslos im Hintertreffen lag. Die Deutschen ihrerseits nutzten die ihnen gebotenen Räume kaltblütig aus.

«Wie lange wird es wohl dauern, bis er sich davon erholt?»

Einige brasilianische Fans hatten das Estádio Mineirão bereits zur Pause beim Stand von 0:5 verlassen. Sie wollten sich die Schmach in der zweiten Halbzeit ersparen. Von jenen, die geblieben waren, weinten viele hemmungslos. Und nicht wenige liessen ihrem Frust freien Lauf. Diese verschmähten ihre Mannschaft oder pfiffen sie gnadenlos aus. Besonders Fred, die erneut sackschwache Sturmspitze, bekam sein Fett weg. Sein Trainer Luiz Felipe Scolari wechselte ihn direkt nach dem 0:6 aus, wohl in der Hoffnung, der deutsche Torjubel würde die brasilianischen Hasstiraden überdecken. Ein völlig aufgelöster David Luiz entschuldigte sich hinterher beim Publikum. Grotesk war, wie er nach dem Schlusspfiff am Boden kniete und seine Hände gen Himmel richtete – als wolle er bei Gott eine Beichte ablegen für die Darbietung seines Teams.

«Das war ein Tag der Demütigung», sagte TV-Kommentator Galvão und liess ein Bild von einem herzzerreissend weinenden brasilianischen Jungen einblenden. «Wie lange wird es wohl dauern, bis er sich davon erholt?», fragte Galvão. In anderen Kreisen herrschte Ratlosigkeit. Rivaldo sagte im ZDF: «Es ist schwierig, dafür eine Erklärung zu finden. Dass Neymar und Thiago Silva gefehlt haben, muss man beachten, aber es ist keine Entschuldigung für diese Leistung. Wir hatten wohl zu früh geglaubt, dass wir gewinnen würden. So etwas ist kaum zu akzeptieren.» Der Ex-Stürmer Ronaldo, der beim TV-Sender Globo als Co-Kommentator fungierte und von Miroslav Klose als WM-Rekordtorschütze abgelöst wurde, sprach von einem sehr traurigen Tag. Aber er übte sich auch in Zweckoptimismus: «Wir sind die einzigen Fünffach-Weltmeister. Wir können stolz sein, Brasilianer zu sein.» Und selbst Luiz Felipe Scolari erklärte: «Das Leben geht weiter.» Am Samstag wird er mit seinen Brasilianern an der Heim-WM noch das Spiel um Platz 3 bestreiten (müssen).

si/cpm

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