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Interview mit oberstem Gesundheitsdirektor«Ich warne vor einem Testwahn»

Lukas Engelberger glaubt nicht, dass die Kantone Corona-Fälle verschleppen. Die Maskenpflicht will er nicht sofort ausweiten.

Lukas Engelberger, Chef der Gesundheitsdirektoren-Konferenz, mahnt zu Ruhe und Besonnenheit
Lukas Engelberger, Chef der Gesundheitsdirektoren-Konferenz, mahnt zu Ruhe und Besonnenheit
Foto: KEYSTONE

Herr Engelberger, der Epidemiologe Marcel Salathé kritisiert die Kantone scharf. Sie müssten beim Contact-Tracing schneller werden. Hat er recht?

Nein, die Kritik ist nicht berechtigt. Alle Kantone machen das Contact-Tracing mit grossem Engagement. Wir haben schweizweit über 1500 Personen in Isolation und über 5000 Kontaktpersonen in Quarantäne. Dazu kommen noch fast 12’000 Personen in der Einreise-Quarantäne. Das sind beeindruckende Zahlen, die zeigen, dass das System funktioniert. Herrn Salathés Wortmeldung erstaunt mich doch sehr.

Trotzdem kommt es immer wieder zu Verzögerungen, die zu neuen Ansteckungen führen dürften.

Ich glaube nicht, dass die Kantone Fälle verschleppen. Es ist halt nicht immer möglich, alle möglichen Kontaktpersonen sehr rasch zu erreichen. Wir mussten auch schon den Fahndungsdienst der Polizei beiziehen. Und angesichts der grossen Zahl an Fällen ist es nicht erstaunlich, dass einzelne Fälle nicht schnell genug abgewickelt werden können.

Manche Corona-Zentren würden am Wochenende nicht arbeiten, heisst es. Kann man sich das leisten?

Ich sehe nicht, dass Tracer und Testzentren am Wochenende nicht arbeiten würden. Dass dann weniger Fälle gemeldet werden, liegt daran, dass sich die Leute am Wochenende nicht so oft testen lassen. Die Erwartungen ans Contact-Tracing und die Kritik zielen an der Lebensrealität der Menschen vorbei.

Gemäss Angaben des Kantons Aargau kann es bis zu drei Tage dauern, ehe die Labors Tests ausgewertet haben. Was unternehmen Sie dagegen?

Ich habe keine Anhaltspunkte, dass Labors Tests verschleppen (Lesen Sie hier den Bericht zu den Vorwürfen gegen die Labore). Wir sollten damit aufhören, uns reihum in der Öffentlichkeit mit Vorwürfen einzudecken, und bei allfälligen Problemen den direkten Kontakt zu den Beteiligten suchen. Dann kann das System weiter optimiert werden.

Die Taskforce fordert eine Echtzeitüberwachung.

Das wäre ein Idealzustand. Die Leute lassen sich nicht sofort testen. Instant-Überwachung ist technisch nicht möglich. Ich weiss auch nicht, ob wir das politisch wirklich möchten.

«Ich warne vor einem Testwahn.»

Werden nicht einfach zu wenig Tests gemacht?

Ich glaube nicht, dass zu wenig getestet wird. Wir haben unter der Woche täglich um die 10’000 Tests. Und ich höre, dass sich Leute auch mit sehr leichten Symptomen testen lassen. Ich sehe derzeit kein Risiko, systematisch Fälle zu verpassen. Ich warne vor einem Testwahn. Zu viele Tests mit negativen Ergebnissen könnten zu einer falschen Sicherheit führen. Wer heute negativ getestet wird, kann nicht sicher sein, dass er es morgen auch noch ist.

Können Sie denn garantieren, dass die Kantone im Herbst nicht doch wieder die Kontrolle verlieren?

Es wäre fahrlässig, zu sagen, wir müssten uns für den Herbst keine Sorgen machen. Aber wenn sich die Leute diszipliniert verhalten, Abstandsregeln beachten und Masken tragen, können wir die Situation im Griff behalten.

In Bahnen und Bussen halten die Leute in der Westschweiz die Maskenpflicht besser ein als in der Deutschschweiz. Haben wir bei Corona einen Röstigraben?

Mein Eindruck ist, dass die Maskenpflicht im ÖV sehr gut eingehalten wird. Gerade in der Deutschschweiz sind Masken aber viel mehr ein Reizthema als in der Romandie, weil dadurch noch ganz andere Befindlichkeiten angesprochen werden.

Welche?

Die Tradition, das Gesicht zu zeigen und transparent zu sein, ist in der Deutschschweiz stark verbreitet. Masken werden rasch als Bedrohung wahrgenommen. Das sah man auch bei den Diskussionen über das Burkaverbot. Eine Maskenpflicht wird dann schnell als invasiver Eingriff der Behörden angesehen, obwohl sie ganz anders gemeint ist. Masken sind primär ein günstiges und wirksames Schutzmittel.

Ausgehend von der Romandie, führen immer mehr Kantone eine Maskenpflicht in Läden ein, aber vielerorts in der Deutschschweiz zögert man. Was unternehmen Sie gegen den Flickenteppich?

Ich würde nicht von Flickenteppich reden, sondern von lokal angepassten Massnahmen. Die Gesundheitsdirektoren-Konferenz empfiehlt den Kantonen die Maskenpflicht für Verkaufsläden im Falle steigender Fallzahlen. Doch die Kantone sind unterschiedlich betroffen. Wir sind überzeugt, dass die Massnahmen am glaubwürdigsten sind, wenn sie aus lokaler Perspektive erklärbar sind. In Appenzell Innerrhoden, wo es in den letzten Tagen null Fälle gab, wäre eine Maskenpflicht schwer vermittelbar.

Trotzdem bleibt es widersprüchlich. In Solothurn kommt das Obligatorium nächste Woche. Der Aargau, der mehr Ansteckungen hat, verzichtet weiterhin darauf.

Unterschiede sind nicht vermeidbar. Trotzdem ist eine übergeordnete Strategie erkennbar. Genf, Waadt, Freiburg, Zürich und Basel-Stadt, die Kantone mit den höchsten Fallzahlen, haben alle eine Maskenpflicht.

«Die Tradition, das Gesicht zu zeigen und transparent zu sein, ist in der Deutschschweiz stark verbreitet. Masken werden rasch als Bedrohung wahrgenommen.»

Ist die Maskenpflicht in Geschäften nicht reine Symbolpolitik? Es ist fraglich, ob sich die Leute dort anstecken.

Die Massnahme hilft sicher das Bewusstsein zu schärfen, dass Corona immer noch unter uns ist. Viel wichtiger ist aber, dass die Menschen darauf angewiesen sind, Güter des täglichen Bedarfs einkaufen zu können. In Geschäften, in denen sich die Leute an Regalen bedienen, sind die Abstandsregeln nicht immer einhaltbar. Ausserdem empfiehlt die wissenschaftliche Taskforce, in den Innenräumen mehr Masken zu tragen.

Dann müsste man aber auch für Büros eine Maskenpflicht erlassen.

Einzelne Firmen kennen dies bereits. Dafür sind primär die Arbeitgeber zuständig. Ich habe keine Zweifel, dass sie dies seriös prüfen. Wir sollten jetzt aber nicht in einen überhöhten Aktivismus verfallen.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen der Maskenpflicht in den Läden eine Chance geben. Welche Wirkung sie entfaltet, werden wir erst in ein bis zwei Wochen sehen. Sollten die Fallzahlen dann weiterhin steigen, können wir immer noch weiter gehende Massnahmen ergreifen.