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GastkommentarWir sollten pessimistischer werden

Mit sonnigem Optimismus unterschätzen wir lauernde Grossrisiken. Das muss sich ändern.

Weil man zu wenig vorbereitet war, fehlt es nun an allem: In Nairobi werden Schutzmasken gegen die Epidemie rationiert.
Weil man zu wenig vorbereitet war, fehlt es nun an allem: In Nairobi werden Schutzmasken gegen die Epidemie rationiert.
Foto: Getty

Die Welt war nicht vorbereitet auf die Corona-Pandemie, einige Staaten noch weniger als andere, keiner aber so, wie er hätte vorbereitet sein sollen. Dabei war immer mit einer Pandemie zu rechnen. Expertinnen und Experten haben schon so oft gewarnt, die Frage sei nicht ob, sondern wann so etwas über uns hereinbrechen werde.

Dabei gibt es ja durchaus Grossrisiken, auf die wir gut vorbereitet sind. So geben etwa sämtliche Staaten sehr viel Geld aus, um auf mögliche Kriege vorbereitet zu sein. Allein die kleine Schweiz wendet dafür jedes Jahr knapp 5 Milliarden Franken* auf – und dies, obwohl kaum jemand glaubt, dass uns in Europa ein Krieg bevorsteht. Anders beim neuen Coronavirus.

Selbst als es losging, wurde die Gefahr von prominenter Seite verharmlost.

Selbst als es losging, wurde die Gefahr von prominenter Seite verharmlost. Die Pandemie wurde mit der Grippe verglichen, die möglichen Auswirkungen wurden heruntergespielt. Jetzt herrscht ein bedrohlicher Mangel an Masken für das Gesundheitspersonal (und die Bevölkerung), an Ventilatoren, Beatmungsgeräten, Betten und Material zum Durchführen der Covid-19-Tests. Diese Dinge retten Menschenleben, und sie fehlen, weil etliches von dem versäumt worden ist, was hätte getan werden sollen.

Längst hätte man entsprechende Vorräte anlegen und für das Vorhandensein der erforderlichen Materialien sorgen sollen. Das hätte etwas gekostet, allerdings bedeutend weniger, als wir jedes Jahr für die Armee ausgeben, und so gut wie nichts im Vergleich zu den Kosten, die die Pandemie erzeugen wird. In der Schweiz lag ein Pandemieplan vor, trotzdem hat man die Gefahr nicht ernst genug genommen und nicht vom ersten Tag an konsequent durchgegriffen.

Dieser Optimismus im Umgang mit Grossrisiken lässt sich rational nicht rechtfertigen.

Wieso aber war man nicht ausreichend vorbereitet? Es ist kein böser Wille, der dafür verantwortlich ist. Es liegt vielmehr an einer allzu optimistischen Einstellung gegenüber Grossrisiken. Dieser Optimismus lässt sich rational nicht rechtfertigen. Man hört die warnenden Stimmen und denkt, das wird schon gut gehen.Aber wie wir inzwischen wissen, ging und geht es nicht gut. Der Optimismus verflog auch nicht, als es losging. Viele dachten, das Ganze sei vor allem ein Problem der Chinesen, und noch lange hielt sich der Vergleich mit der alljährlichen Grippe.

Wieso war man zu optimistisch? Es ist angenehm zu glauben, dass es schon gut gehen wird. Es ist angenehm, sich nicht mit den Problemen zu beschäftigen, die komplex sind: schwierige gesellschaftliche, politische und auch ethische Probleme, mit denen wir nun konfrontiert sind. Politikerinnen und Politikern ist es unangenehm, auf solche Probleme aufmerksam zu machen. Lieber suggeriert man, dass alles gut gehen wird.Wir sollten unsere Haltung überdenken und pessimistischer werden.

Wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen.

Wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen. Aber wir dürfen dabei nicht in einen passiven Pessimismus verfallen, der die Zukunft ausschliesslich düster sieht und nahelegt, dass da nichts zu machen sei. Denn zugleich sollten wir alles dafür tun, das Schlimmste bestmöglich im Zaum zu halten.

Das ist kein Gebot der Moral, sondern der Klugheit. Sie fordert einen vernünftigen Umgang mit Risiken, die eine Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen. Das ist eine der wichtigen Lektionen, die uns die gegenwärtige Pandemie lehrt.

* Die Höhe der Militärausgaben der Schweiz war durch einen Redigierfehler in einer früheren Version des Textes zu hoch angegeben worden.