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GastkommentarWir wollen keine Coronakratie!

Wie es in der Pandemiekrise weitergehen soll, dürfen wir nicht dem Bundesrat und ein paar Virologen überlassen. Ein verantwortlicher Umgang mit der Seuche ist uns zuzutrauen. Ein zweiter Lockdown wäre verheerend.

Es braucht mehr Mitsprache beim weiteren Vorgehen: Bundesrat Alain Berset, rechts, und Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit.
Es braucht mehr Mitsprache beim weiteren Vorgehen: Bundesrat Alain Berset, rechts, und Daniel Koch, Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten im Bundesamt für Gesundheit.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Endlich erfolgt die lang ersehnte Öffnung – zu zögerlich, zu wenig durchdacht, aber immerhin. Aber wir dürfen nur kurz aufatmen, denn schon jetzt müssen die Verantwortlichen damit beginnen, sich auf den möglichen «Worst-Case», die zweite Welle, vorzubereiten. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass nach einigen Monaten die Zahl der Covid-19-Virus-Infizierten wieder ansteigt. Die Spanische Grippe kam sogar in drei Wellen.

Dieser Fall ist vorzubereiten, solange wir keine Herdenimmunität aufweisen und keine Impfung zur Verfügung steht. Beides kann unter Umständen noch Jahre dauern. Wir werden das Coronavirus in der Schweiz nicht ausrotten können.

Auf keinen Fall dürfen die Wirtschaft und das normale Leben ein zweites Mal in einer panischen Reaktion geschlossen werden.

Auf keinen Fall dürfen die Wirtschaft und das normale Leben ein zweites Mal in einer panischen Reaktion geschlossen werden. Eine solche Stotterstrategie hätte den endgültigen sozialen und wirtschaftlichen Niedergang des Erfolgsmodells Schweiz zur Folge.

Vermutlich ist den meisten das Ausmass der ökonomischen und gesellschaftlichen Schäden nicht einmal ansatzweise klar. Wer glaubt, dass ein Hilfspaket hier und eine Finanzspritze da den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang abwenden werden, der irrt. Es wird Jahre dauern, bis wir die schwerwiegenden Folgen des ersten Lockdown halbwegs verdaut haben.

Der Bundesrat hat – demokratisch wenig abgestützt – das grösste soziale und wirtschaftliche Experiment seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen.

Der Bundesrat hat – demokratisch wenig abgestützt – das grösste soziale und wirtschaftliche Experiment seit dem Zweiten Weltkrieg beschlossen. Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizern werden dafür mit Arbeitslosigkeit, Vernichtung der Existenz, Verlust der Zukunftshoffnung, sozialem Abstieg, Depression, Suizid und anderen Kollateralschäden bezahlen. Daher darf es einen zweiten Lockdown nicht geben!

Aber was ist zu tun, wenn eine zweite Welle kommt?

Mündige Bürger benehmen sich verantwortungsvoll

Erstens – darauf darf man vertrauen – benehmen sich mündige Bürger verantwortungsvoll. Wir wissen mittlerweile, wie wir uns angesichts der Gefahr bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Sport und in der Freizeit zu verhalten haben. Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte müssen gemäss dem Verhältnismässigkeitsprinzip auf das Mindestmass beschränkt werden. Statt die Bewegungsfreiheit von allen zu limitieren, müssen nur die Risikogruppen und die frisch Angesteckten eine selbstverantwortliche Quarantäne befolgen.

Die Einführung eines temporären, anonymisierten Tracking über Handydaten und Apps ist zu prüfen. Natürlich: Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten kann, muss ohne Lohneinbusse daheimbleiben können. Und auch selbstverständlich: Dichtes Zusammensitzen in Restaurants oder Bars, grosse Veranstaltungen mit Hunderten oder Tausenden Teilnehmern werden auf längere Frist nicht möglich sein. Dies ist zu ertragen.

Schutz und Test ermöglichen

Zweitens müssen Eidgenossenschaft und Privatwirtschaft die notwendigen Schutz- und Testmöglichkeiten beschaffen, damit wir nicht die gleichen unwürdigen Verhältnisse erleben wie bei der ersten Welle. Es muss sichergestellt sein, dass wir uns alle schützen, repräsentativ und systematisch testen können und endlich glaubwürdiges Zahlenmaterial erhalten, welches den Durchseuchungsgrad der Bevölkerung und die Sterblichkeit verlässlich wiedergeben.

Drittens müssen bei einer zweiten Welle die Spitäler weiter normal arbeiten können, aber die aufgebauten Zusatzkapazitäten nützen. Armee und Zivilschutz müssen sich überlegen, wie sie dabei das Gesundheitssystem vorausblickend effizient unterstützen können. Weitere Massnahmen können wir gestützt auf die Erfahrungen anderer Staaten – wie vor allem Südkorea und Schweden – vorbereiten. Dabei müssen wir wohl jeweils den regionalen Besonderheiten der Schweiz Rechnung tragen. Das Tessin muss anders agieren als St. Gallen.

Es hat sich leider gezeigt, dass Regierung und Wissenschaft sich im Blindflug befinden.

All diese Entscheide darf man aber nicht den Bundesräten und einigen Virologen überlassen. Es hat sich leider gezeigt, dass Regierung und Wissenschaft sich im Blindflug befinden. Sie geben es leider nur vereinzelt zu. Wir wollen keine Diktatur der Virologen oder des Bundesrates. Das Parlament muss die Massnahmen der zweiten Welle vorbereiten; und wir alle müssen dabei die Politik kritisch begleiten. Es geht um die Zukunft von uns allen. Jetzt werden unglaublich gravierende Entscheide gefällt, und da wollen wir Schweizer auch die demokratische Mitsprache. Wir sind keine Coronakratie!