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Verbreitungsweg von CoronaWird das Virus auch beim Sprechen übertragen?

Die Hinweise mehren sich, dass Sars-CoV-2 nicht nur durch Husten und Niesen übertragen werden kann. Was gegen die Infektion durch Reden hilft.

Könnte das Virus auch über die Luft im Supermarkt übertragen werden? Am besten schützt laut Experten ein Tuch vor dem Mund.
Könnte das Virus auch über die Luft im Supermarkt übertragen werden? Am besten schützt laut Experten ein Tuch vor dem Mund.
Foto: DPA

Aus Menschensicht gibt es fiese Viren – und ganz fiese Viren. Trotz des ganzen Elends, das das neue Coronavirus Sars-CoV-2 gerade über den Planeten bringt, bestand bis jetzt noch eine leise Hoffnung, dass es sich zumindest in einem Aspekt um einen leichter beherrschbaren Erreger handeln könnte: was seinen Verbreitungsweg betrifft. Doch diese Hoffnung wird gerade mehr und mehr zerstreut. Zunehmend gehen Fachleute davon aus, dass Sars-CoV-2 nicht nur durch Husten und Niesen von einem Menschen zum anderen springen kann, sondern auch durch Sprechen. Diese Befürchtung stützen jetzt Forscher der US National Institutes of Health (NIH) im New England Journal of Medicine. Sie gingen der Frage nach, ob Menschen auch beim einfachen Sprechen potenziell ansteckende Feuchtigkeit ausstossen.

Beim Husten und Niesen bilden sich immer Tröpfchen – das haben Menschen regelmässig zu spüren bekommen, als sie noch nicht in ihre Ellenbeugen husteten, sondern in ihre Hände. Diese durch Husten und Niesen verstreuten Tropfen sind in der Regel relativ gross. Stammen sie von einem Infizierten, dann enthalten sie mehr Viren als feine Tröpfchen. Dennoch haben die grossen Tröpfchen aus menschlicher Perspektive auch einen Vorteil: Sie sinken wegen ihres Gewichts relativ schnell zu Boden. Besonders winzige Tröpfchen trocknen dagegen zwar schneller aus, aber dafür bleiben sie als «Aerosol» lange in der Luft stehen.

Wenn Viren das Eintrocknen der Tröpfchen recht gut überstehen, können sie demnach auch durch winzige Tröpfchen übertragen werden. Dass dies für Sars-CoV-2 gilt, dazu hatten Forscher zuletzt immer mehr Daten präsentiert. Die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA hatte deshalb bereits Anfang April vor der Übertragung durch Aerosole gewarnt, das Berliner Robert-Koch-Institut formulierte vorsichtiger, eine solche Übertragung sei «unter gewissen Umständen» möglich.

Ein Stück Tuch vor dem Mund hält die Tröpfchen zurück

Die Experimente von den NIH zeigen nun, wie viele Tröpfchen unterschiedlicher Grösse sich schon beim normalen Sprechen bilden. Die Forscher hatten Menschen gebeten, den gut gemeinten, aber feuchtigkeitsanfälligen Wunsch «stay healthy» («bleib gesund») auszusprechen. Ein Laser zeigte, dass Probanden dabei jede Menge Tröpfchen unterschiedlicher Grösse produzierten – je lauter sie sprachen, desto mehr. Auch ruhig und mit normal lauter Stimme zu sprechen, könne demnach dazu beitragen, die Viren zu verbreiten, folgert das Team. Aber es lieferte auch einen Lichtblick: Sobald die Testpersonen ein Tuch vor dem Mund trugen, war es vorbei mit der feuchten Aussprache.

Der Biologe Matthew Meselson von der Harvard-Universität interpretiert die Daten als Warnung: «Aerosole könnten eine Bedrohung selbst bei erklecklichem Abstand und in geschlossenen Räumen sein», schreibt er in einem Kommentar und empfiehlt, Masken zu tragen und für eine gute Durchmischung der Raumluft zu sorgen.

Ob ein Mensch durch Sprechen wirklich einen anderen anstecken kann, ist mit der virusfreien Studie von den NIH trotzdem nicht bewiesen. Schon gar nicht bedeuten die Daten, dass Sprechen im Freien eine Gefahr ist. Der Corona-Experte Christian Drosten von der Charité ging bereits Anfang April davon aus, dass die Luftübertragung von Sars-CoV-2 möglich ist. «Diese Tröpfchen stehen in der Raumluft», sagte er im Podcast von NDR-Info, aber gab zugleich Entwarnung: Viele Supermärkte und öffentliche Räume sorgten für einen guten Luftaustausch, «sodass man nicht unbedingt in der ängstlichen Vorstellung leben muss, dass die Luft jetzt überall voller Virus ist».

179 Kommentare
    Lucas Wyrsch

    Selbst durch Atmung wird das Coronavirus übertragen, deshalb sind Gesichtsmasken unentbehrlich, aber viele Staaten halten nichts von einer Maskenpflicht mit verheerenden Folgen.

    Malte Mansholt vom Stern erklärte am 22. April 2020 in "Covid-19: Die fehlenden Opfer: Sterberate steigt weltweit stärker als die offiziellen Corona-Todeszahlen", dass die Todeszahlen durch das Coronavirus immer weiter steigen. Doch sie müssten wohl eigentlich noch deutlich höher liegen: Weltweit verzeichnen Länder eine deutlich höhere Rate an Todesfällen - ohne dass die Covid-19 zugerechnet werden. Die Zahl der weltweiten Covid-19-Fälle steigt unaufhörlich. Und mit ihr auch die Zahl der Menschen, die der durch den Coronavirus verursachten Krankheit erliegen. Knapp 180.000 Todesfälle werden der Pandemie Stand Mittwoch zugeordnet. Doch die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein: Um die ganze Welt vermelden Länder Steigerungen der Sterberate, die deutlich über den Werten der offiziell der Pandemie zugerechneten Toten liegen.

    Das zeigen Recherchen der "New York Times" und des "Economist". Die beiden Blätter werteten die gemeldeten Todesfälle der letzten Wochen aus und verglichen sie mit den Durchschnittsdaten der letzten Jahre. Die Analyse zeigt: In allen untersuchten Fällen liegt die Todesrate deutlich über den zu erwartenden Zahlen - und zwar auch dann, wenn man die an offiziell an Covid-19 Verstorbenen berücksichtigt.

    Mindestens 25.000 unerklärte Tote:

    Mehr als 25.000 zusätzliche Verstorbene fanden die Journalisten auf diese Weise - in nur sieben Ländern (u.a. Spanien, Frankreich und England) sowie den drei Metropolen New York City, Istanbul und Jakarta. Im besonders stark betroffenen New York lag die Sterberate etwa ganze 298% über dem zu erwartenden Wert von etwa 5'000 Toten monatlich. Doch von den 17'200 zusätzlichen Toten wurden nur 13'240 als Covid-19-Opfer gerechnet. Mehr als 4'000 zusätzlich Verstorbene werden durch die Statistik also nicht erklärt. Dabei hätten alleine diese Todesfälle die Sterberate fast verdoppelt.

    Doch wie lassen sich die vielen zusätzlichen Toten erklären? Zumindest ein Teil von ihnen dürfte nur indirekt mit der Corona-Krise zusammenhängen, vermutet die "New York Times": "Sie enthält sehr sicher auch Menschen, die wegen der überfüllten Krankenhäuser nicht behandelt werden konnten."

    Viele andere dürften allerdings tatsächlich nicht erkannte Corona-Opfer sein. Das liegt auch an den weltweit sehr unterschiedlichen Zählweisen: Viele Länder zählen nur Opfer, die im Krankenhaus verstarben, andere testen nur Verdachtsfälle nachträglich auf das Virus. Weil aber gerade bei den besonders gefährdeten älteren Menschen der Verlauf oft symptomfrei bleibt und die allgemeine Todesrate in dieser Altersgruppe ohnehin höher ist, werden sie in der Statistik oft schlicht nicht als Covid-19-Tote erfasst. Darauf deutet etwa hin, dass die Anzahl der zusätzlichen Todesfälle in Schweden im Altersbereich über 80 Jahren am höchsten ist. In Großbritannien werden laut der "BBC" knapp 4'000 Todesfälle in Altersheimen dem Virus zugeschrieben - die in der offiziellen Statistik aber nicht auftauchen.

    In anderen Fällen zeigen die Statistiken vermutlich auch, dass die Probleme zu lange verleugnet wurden. In der türkischen Metropole Istanbul sei die Zahl der Todesfälle etwa bereits Anfang März drastisch gestiegen, fanden die Analysen heraus. Dabei dürfte es sich um Patienten gehandelt haben, die sich im Februar angesteckt hatten. Das war allerdings Wochen, bevor die Türkei offiziell auch nur einen Erkrankten gemeldet hatten.