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Bilanzprüfer EY blieb passivWirecard-Skandal: Whistleblower warnte schon vor vier Jahren

Im Fall um die betrügerischen Vorgänge beim deutschen Zahlungsabwickler Wirecard gerät nun auch die Buchprüfgesellschaft EY ins Zwielicht. Sie soll Hinweise auf einen Betrug missachtet haben.

Fahndungsbild in einer Berliner U-Bahn-Station von Ex-Wirecard-Finanzchef Jan Marsalek.
Fahndungsbild in einer Berliner U-Bahn-Station von Ex-Wirecard-Finanzchef Jan Marsalek.
Foto: Clemens Bilan (EPA/Keystone)

Im Mai 2016 geht bei der Wirtschaftsprüfungsfirma EY eine beunruhigende Nachricht ein. Ein Mitarbeiter von EY selbst hat sie geschrieben und warnt darin, dass Führungskräfte des deutschen Finanzdienstleisters Wirecard womöglich in einen Betrug verwickelt seien und dass ein Wirtschaftsprüfer von EY bestochen werden sollte.

Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die der Mitarbeiter bereits vier Jahre vor dem Kollaps von Wirecard äusserte und die EY noch in Bedrängnis bringen könnten. Immerhin haben die Wirtschaftsprüfer auch in den Folgejahren die Bilanzen von Wirecard für einwandfrei befunden.

Mitarbeiter warnte vor undurchsichtigen Geschäften

2016 aber löst die Nachricht zunächst eine forensische Untersuchung bei Wirecard aus, die den Namen Project Ring bekommt. So geht es aus einem bisher geheimen «Informationsband» der Sonderprüfung der Revisionsfirma KPMG hervor.

Den offiziellen Teil der Sonderprüfung hatte KPMG bereits im April vorgestellt. Im Anhang, der bisher nicht bekannt war, beschreibt KPMG Beobachtungen, die sie gemäss Auftrag nicht prüfen sollte, allerdings für zu wichtig hielt, um sie unter den Tisch fallen zu lassen.

Die «Financial Times» hatte darüber zuerst berichtet. Laut KPMG kreidete der Mitarbeiter 2016 eine Übernahme in Indien an, bei der Wirecard über einen Fonds drei Firmen für 340 Millionen Euro kaufte. Führungskräfte, so legte er nahe, seien direkt oder indirekt am Fonds beteiligt und könnten so vom teuren Zukauf profitiert haben.

Auch hegte er den Verdacht, dass die Umsätze der Firmen aufgebläht wurden, um den Kaufpreis zu treiben, der an diese Kennzahlen gekoppelt war. Ein EY-Mitarbeiter sollte zudem mutmasslich bestochen werden.

Trotz Warnung segnete EY alles ab

Die EY-Untersuchung Project Ring startete noch 2016 und förderte mehrere Beobachtungen zutage, etwa, dass einige Umsätze womöglich aufgebläht seien. Laut KPMG beendete allerdings Ex-Finanzchef Jan Marsalek 2018 höchstselbst die Untersuchung – vorzeitig und ohne Abschlussbericht.

Im Jahresabschluss von Wirecard 2017 finden die Erkenntnisse entsprechend kurz Erwähnung, doch seien diese nicht ausreichend berücksichtigt worden, notiert KPMG. Am Ende gab es für Wirecard erneut ein uneingeschränktes Testat durch EY.

Darüber hinaus ist der Bestechungsversuch laut KPMG offenbar nur intern bei EY untersucht worden. Ein Verhalten, das KPMG kritisch sieht, gerade weil ein EY-Mitarbeiter im Mittelpunkt stand. Man hätte noch einen unabhängigen Dritten hinzuziehen sollen. EY sieht die Vorgänge anders: Der EY-Mitarbeiter habe sich mit der Meldung an «etablierte Vorgehensweisen» gehalten.

«Die Vorwürfe wurden sowohl vom Unternehmen als auch von den Prüfungs- und Forensikteams von EY Deutschland untersucht», heisst es. «Die Feststellungen wurden mehrfach von EY Deutschland an den Vorstand und den Aufsichtsrat von Wirecard berichtet und angemessen dokumentiert.» Und weiter teilt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit: «Auf der Grundlage der uns zur Verfügung stehenden Informationen sind wir der Ansicht, dass die Mitarbeiter von EY ihre Prüfungshandlungen professionell und mit bestem Wissen und Gewissen durchgeführt haben.» Mehr könne man wegen der «Verschwiegenheitspflicht» nicht sagen.

9 Kommentare
    Gerhard Engler

    Der Fall erinnert an Enron vor fast 20 Jahren. Damals hat Arthur Andersen die Buchhaltung nicht korrekt geprüft. Arthur Andersen wurde in der Folge aufgelöst. Mal sehen, ob es mit EY ähnlich läuft.