Interview

«... bis nicht mindestens eine Frau unter den Kandidaten war»

Erstmals machen sich Schweizer Konzerne gemeinsam für eine Frauenquote stark. Promotorin Petra Jantzer spricht über Ziele und erzählt von einem Beispiel eines hartnäckigen Frauenförderers.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Jantzer, Ihr Verein Advance will den Anteil Frauen in Führungspositionen bis 2020 auf 20 Prozent verfünffachen. Neun Firmen sind bereits Mitglied. Woher stammt der Ausgangswert von 4 Prozent?
Das ist ein schweizweiter Durchschnittswert. Einige unserer Mitgliedsfirmen wie Ikea Schweiz liegen deutlich darüber, einige sind darunter.

Wie stark sich die Gründungsmitglieder verbessern müssen, ist also gar nicht klar?
Wir kennen diesen Wert natürlich, aber den zu kommunizieren, war uns in einem ersten Schritt nicht wichtig. Der Durchschnitt unserer Mitgliedsfirmen liegt zwar nicht bei 4 Prozent, aber im Grundsatz ist dieser Wert repräsentativ.

Was können Sie zum Zielwert von 20 Prozent sagen? Wie genau wird der gemessen?
Ziel ist es, das weibliche Management bis zum mittleren Kader hin zu stärken. Dort sollen die Damen für die Teppichetage ja dann herkommen. Dort braucht es sogar mehr als 20 Prozent Frauen, damit die jungen Frauen hochwachsen können.

Aber wie wird das Topmanagement definiert?
Die Definitionen unterscheiden sich von Organisation zu Organisation. Darum gilt das Ziel von 20 Prozent primär für den engsten Kreis. Also für alle, die direkt an den Firmenchef rapportieren. Das lässt sich problemlos messen. Auf allen anderen Stufen muss der Anteil dann mindestens genauso hoch sein, wenn nicht noch höher.

Und sind bei den Mitgliedsfirmen die Schweizer Organisationen oder die Konzerne Mitglied?
Bei den ausländischen Konzernen wie Ikea sind es die Länderorganisationen. Bei einigen Schweizer Konzernen wie der Credit Suisse und der Swiss Re ist es die Gruppengesellschaft.

Sie sind grundsätzlich gegen Frauenquoten. Wieso führen Sie jetzt trotzdem eine Quote ein?
Es ist keine Quote im eigentlichen Sinn. Es ist eine freiwillige Verpflichtung, die die Firmen eingehen. Sie rufen verschiedene Initiativen und Programme ins Leben, um das Potenzial der Frauen zu entwickeln. Das Ziel von 20 Prozent ist rechtlich nicht verbindlich.

Würde Ihr Anliegen durch die Verbindlichkeit nicht gestärkt?
Wir wollen nicht, dass die Firmen zwei, drei Frauen in Randpositionen anheuern, um eine Quote zu erfüllen. Uns geht es darum, die Unternehmen gesund zu machen, was die Frauenfrage betrifft. Wir wollen, dass sie ihre Kultur und ihre Bewertungskriterien bei der Wahl von Talenten ändern. Nur so erzielen wir einen dauerhaften Effekt.

Es gibt mittlerweile so viele Frauennetzwerke und Initiativen. Verzetteln sich die Frauen?
Advance ist die erste Organisation in der Schweiz, bei der die Firmen ein Netzwerk bilden und nicht die Frauen. Das hat Vorteile: Etwa, dass die Firmen so voneinander lernen können oder dass die Firmenchefs hinter der Frauenförderung stehen müssen. Das ist der wohl grösste Hebel.

Wie stellen Sie sicher, dass sich die Firmen tatsächlich bemühen?
Wir werden zum Beispiel jährlich überprüfen, wo die Unternehmen stehen und ob sich die Frauenanteile verändern. Und wir schauen uns an, ob die Förderprogramme funktionieren. Darüber hinaus planen wir konkrete Forschungsprojekte. Etwa zur Frage, ob Teilzeitarbeit direkte Auswirkungen hat auf die Mitarbeiterbewertung und auf den Fortschritt in der Karriere. Dazu gibt es bislang keine Daten.

Werden die Ergebnisse veröffentlicht?
Grundsätzlich planen wir, die Entwicklung des durchschnittlichen Frauenanteils aller Mitgliedsfirmen zu veröffentlichen. Aber wenn es um einzelne konkrete Firmen geht, brauchen wir dafür natürlich erst deren Zustimmung.

Macht Sie das als Organisation nicht unglaubwürdig, wenn Sie die Werte der Mitgliedsfirmen nicht bekannt geben?
Aktuell haben wir neun Mitglieder, bis Ende Jahr sind es hoffentlich 15. Ich verstehe, dass keines davon sich ganz unten auf einer Rangliste sehen will. Unser Ziel wäre es, die Daten zu veröffentlichen, aber versprechen kann ich das nicht.

Ist die Post eines dieser zukünftigen Mitglieder? Immerhin ist Postchefin Susanne Ruoff an der Gründungsveranstaltung aufgetreten.
Frau Ruoff hat sich sehr interessiert gezeigt und wir sind im Gespräch über eine Mitgliedschaft. Diese trifft übrigens auch noch auf zwei, drei andere, sehr prominente Schweizer Unternehmen zu, mit denen wir gerade verhandeln. Ich kann aber noch keine Namen nennen.

Gibt es konkrete Sachen, die Frauen lernen können, um ihre Chancen auf eine Karriere zu verbessern?
Das Problem ist, dass Frauen anders kommunizieren und sich anders verhalten. In einem von Männern dominierten Umfeld kann das ein Problem sein. Da kann man den Frauen mit praktischen Tipps helfen – wie sie kommunizieren sollen, wie sie klar formulieren, was sie möchten und was sie nicht möchten.

Und was müssen die Unternehmen verändern?
Viele Firmen sagen, dass ihre Evaluationssysteme komplett geschlechtsneutral sind – was oftmals nicht stimmt. Zum Beispiel, weil ein Faktor wie Teilzeitarbeit in so einem Bewertungsbogen gar nicht vorkommt. Wichtig sind auch die Kriterien, anhand derer Talent beurteilt wird und wie man Beförderungsentscheide trifft. Da gibts typischerweise sehr viel zu tun.

Und wie können Chefs einen konkreten Beitrag leisten?
Sie können sich für mehr Ausgewogenheit einsetzen. Ich habe gestern mit dem Chef einer lokalen Schweizer Firma gesprochen, mittelgross, aus dem Agrarbereich. Er hat erzählt, dass er für eine bestimmte Führungsposition eine Stelle neu zu besetzen hatte. Der Personalchef hat ihm mehrere Vorschläge präsentiert – alles Männer. Er weigerte sich, eine Entscheidung zu fällen, bis nicht mindestens eine Frau unter den Kandidaten war. Was nicht heisst, dass man sich am Ende auch für die Frau entscheiden muss.

Erstellt: 06.09.2013, 15:09 Uhr

Zur Person

Petra Jantzer ist Vizepräsidentin der Vereinigung Advance, deren Mitglieder sich verpflichten, den Anteil Frauen in der obersten Führungsetage bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern. Sie ist Partnerin bei der Beratungsfirma McKinsey. Gründungsmitglieder von Advance sind ABB, Credit Suisse, GE Capital, Ikea, McKinsey, PWC, Sandoz, Siemens und Swiss Re. Demnächst kommt die Post dazu.

Artikel zum Thema

Ikea-Chefin: Offensive für mehr Frauen im Topmanagement

Simona Scarpaleggia, Chefin von Ikea Schweiz, setzt ambitionierte Ziele, was Frauen in Schweizer Chefetagen anbelangt – und hat dafür neun Schweizer Konzerne um sich geschart. Mehr...

Das Drama der (zu) klugen Frauen

Hintergrund Bereits für Mädchen ist eine hohe Intelligenz ein Hindernis im Leben. Und im Erwachsenenalter läufts dann oft besonders dumm. Mehr...

Lohngleichheit vor gleichem Rentenalter

Politblog Politblog Das Rentenalter für Frauen zu erhöhen, ist in Ordnung – sobald Frauen gleich viel verdienen wie Männer. Eine Carte Blanche. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...