2000 Wohnungen auf Airbnb – und keine für Einheimische

Interlaken hat genug: Der Touristenort macht Vermietern von privaten Unterkünften mit einem Verbot einen Strich durch die Rechnung.

Einheimische freuts, Touristen weniger: Interlaken geht gegen Vermieter von Zweit­wohnungen vor. (Screenshot Airbnb)

Einheimische freuts, Touristen weniger: Interlaken geht gegen Vermieter von Zweit­wohnungen vor. (Screenshot Airbnb)

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Kevin S.* freute sich über ein florierendes Nebengeschäft. Früh erkannte er das Potenzial von Airbnb. Vor zwei Jahren erwarb er in Interlaken BE eine Wohnung und vermietete sie über die Onlineplattform. Das Geschäft lief so gut, dass der Kaufmann zwei weitere Wohnungen in der Region zukaufte und ebenfalls tageweise vermietete. Der Klein-Hotelier nutzte einen Trend, der in der Schweiz 2012 begonnen hatte und bis heute anhält.

Doch nun machte die ­Gemeinde professionellen Vermietern von Zweitwohnungen einen Strich durch die Rechnung. Sie hat im Dezember ein vorläufiges Verbot für den Bau von Zweitwohnungen und die Umnutzung von Erst- in Zweitwohnungen erlassen.

Keine Wohnungen mehr für Einheimische

Die Gemeinde zieht damit die Notbremse. Das knapp 6000 Einwohner zählende Interlaken hatte 2014 einen Zweitwohnungsanteil von 8 Prozent, heute sind es 18. Einheimische klagen, sie fänden keine bezahlbaren Wohnungen. Denn auch in den Nachbargemeinden ist der Zweitwohnungsbestand rasant gestiegen. Unterseen und Ringgenberg haben Anfang Jahr ebenfalls mit dem Beschluss einer Planungszone dem Zweitwohnungsboom vorläufig den Riegel geschoben.

«Aufgrund neuer ­Absatzkanäle hat in den letzten Jahren die Umnutzung von Erstwohnungen zu Zweitwohnungen merklich zugenommen», schreibt die Gemeinde Ringgenberg. Sie belegt dies mit den Zahlen von Airbnb. 2014 gab es auf der Onlineplattform weniger als 200 Mietobjekte aus der Region, zwei Jahre später waren es 1000, heute sind es mehr als 2000.

Interlaken und die beiden Nachbargemeinden wollen in den nächsten zwei Jahren langfristige Massnahmen erarbeiten, um den Zweitwohnungsboom zu bremsen.

Bundesgericht stützt Airbnb-Verbot

Nicht nur im Raum Interlaken wächst der Widerstand, sondern auch in vielen anderen Regionen der Schweiz. In Genf darf eine Wohnung seit vergangenem Jahr während höchstens 90 Tagen im Jahr touristisch vermietet werden. In Bern ist es ebenfalls seit vergangenem Jahr in der Altstadt nicht mehr möglich, bestehende Wohnungen in Zweitwohnungen umzuwandeln.

Airbnb und andere Anbieter wie Home Away oder Booking.com stossen auch in ländlichen Gebieten vermehrt auf Widerstand. Etwa in der Zentralschweiz. Anfang April urteilte das Bundesgericht im Zusammenhang mit einer Klage aus Nidwalden, dass in einer Stockwerkeigentümer-Gemeinschaft die Mitgliederversammlung verbieten kann, dass ein Eigentümer seine Wohnung auf Airbnb tageweise vermietet. Dies gefährdet auch das Geschäft von Kevin S. in ­Interlaken. Eine seiner Wohnungen ist Teil einer Stockwerkeigentümer-Gemeinschaft, die sich über die ­vielen Kurzzeitgäste beklagt, da diese «die Nachtruhe des Öftern stören». Nun will die Gemeinschaft ein Verbot beschliessen.

Andere Gemeinden in Touristenregionen beobachten nervös das wachsende Angebot auf Airbnb & Co. 2012 nahm das Stimmvolk die Zweitwohnungsinitiative an. Erreicht eine Gemeinde einen Zweitwohnungsbestand von 20Prozent, dürfen keine neuen Zweitwohnungen bewilligt werden. Gesamtschweizerisch buchen immer mehr Reisende ihre Übernachtungen auf Airbnb. Gleichzeitig wächst das Angebot an Hotelbetten, Gästezimmern und Ferienwohnungen auf der Onlineplattform rasant. Über 35 000 Unterkünfte findet man in der Schweiz auf Airbnb – wöchentlich kommen neue hinzu.

Der digitale Vermittler von Schlafgelegenheiten stösst auch im Ausland vermehrt auf Widerstand. Im spanischen Ferienort Palma de Mallorca ist es Wohnungsbesitzern seit vergangenem Jahr untersagt, ihre Zimmer an Feriengäste zu vermieten. Andere Städte beschränken die Vermietungsdauer. In Amsterdam beträgt diese höchstens 60 Tage, in San Francisco sind es 90, in Paris 120 und in Tokio 180 Tage.

* Name der Redaktion bekannt

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.05.2019, 21:19 Uhr

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