Apotheker verzeichnet Rekord an nicht lieferbaren Medikamenten

Enea Martinelli listet penibel nicht lieferbare Arzneimittel auf.

Enea Martinelli listet fehlende Medikamente auf. Foto: Keystone

Enea Martinelli listet fehlende Medikamente auf. Foto: Keystone

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«Ein neuer Rekord» – dies twitterte der Spitalapotheker Enea Martinelli am Sonntagabend bezüglich der Lieferengpässe bei Medikamenten. Seine Liste, die als eine der umfassendsten der Schweiz gilt, verzeichnet derzeit 455 fehlende Medikamente. «Es ist bald einfacher, eine Liste mit Medikamenten zu erstellen, die lieferbar sind», so Martinelli, der für die Spitalgruppe Frutigen, Meiringen, Interlaken arbeitet.

Seit September 2015 führt er die Engpässe auf seiner privaten Website drugshortage.ch akribisch auf. Derzeit betrifft es vor allem Adrenalin, das als Notfallmedikament für Allergiker (Bienen- und Wespenstiche) benötigt wird, den Impfstoff für Tollwut sowie das Herzmedikament Isoptin.

Fehlende Medikamente seien insbesondere für die Apotheker, Ärzte und Spitäler mit einem administrativen Mehraufwand verbunden. Den Patienten könnten dagegen meist Alternativen empfohlen werden. Doch hätte deren Einsatz teilweise weitreichende Folgen: «Im schlimmsten Fall besteht ein Ersatzmedikament aus einem neuen Wirkstoff und muss deshalb neu eingestellt werden», sagt Martinelli. Dies bedeute für den Patienten zusätzliche Arztbesuche und somit zusätzliche Kosten.

Mangel seit zwei Jahren

Der Lobbyverband Interpharma steht Martinellis Liste kritisch gegenüber: Es würden nicht Engpässe im eigentlichen Sinne aufgeführt. Die Versorgung könne weiterhin sichergestellt werden. So beinhalte die Auflistung auch Medikamente, die zwar nicht umgehend, aber innert zwei bis drei Tagen geliefert werden könnten oder von denen einzig eine Packungsgrösse oder Dosierung fehle, schreibt Sprecherin Sara Käch auf Anfrage. «Es ist im Interesse aller am Medikamentenmarkt beteiligten Partner, Engpässe wenn irgend möglich zu vermeiden.» Deshalb unterstütze die Branche die Meldeplattform des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL).

Diese beschränkt sich auf die Auflistung lebenswichtiger Medikamente, die knapp werden. Dazu gehören mehrheitlich Antibiotika, Impfstoffe, Chemotherapien und starke Schmerzmittel wie Morphin. Lieferunterbrüche werden erst dann erfasst, wenn sie länger als 14 Tage dauern. «Engpässe sind kein neues Phänomen, sondern beschäftigen uns bereits seit zwei Jahren», sagt Monika Schäublin vom BWL.

2017 betrug die Zahl der Meldungen 77, dieses Jahr sind es bereits 84. Doch: «Trotz vermehrten Meldungen bleibt die Anzahl parallel offener Engpässe mit rund 20 bis 30 in den vergangenen Jahren in etwa gleich», so Schäublin. Bezüglich der kurzfristigen Versorgungsstörungen, wenn ein Medikament nur wenige Tage fehlt, habe es gar einen Rückgang zum Vorjahr gegeben. Im Schnitt dauert ein Engpass rund vier Monate. Bei den Antibiotika verfügt die Schweiz über Pflichtlager und kann so einen Engpass während einiger Monate überbrücken. 2017 wurden diese Lager 17-mal angezapft.

Wenn Patente ablaufen

Seit zwei Jahren möchte der Bund auch für Impfungen solche Lager aufstellen, doch ist hier die Nachfrage schneller gewachsen als die Produktion. «Diese Pflichtlager sind deshalb nicht gefüllt», sagt Schäublin.

Die Gründe für die Engpässe sind vielfältig: Viele Medikamente seien meist schon älter und würden für Hersteller kaum mehr rentieren. Dies, da nach Ablauf der Patente Nachahmerprodukte mit tieferen Preisen auf den Markt kämen. «Diese Medikamente werden an wenigen Standorten – mehrheitlich in Asien – hergestellt», sagt Schäublin. «Wenn dann ein solcher Monopolist kurzfristig ausfällt, hat dies weitreichende Folgen.»

Das war beispielsweise 2016 der Fall, als ein Brand eine chinesische Wirkstofffabrik zerstört oder der Wirbelsturm Maria über Puerto Rico die Produktion lahmgelegt hatte. Dies spürte die ganze Pharmabranche, sagt auch Spitalapotheker Martinelli.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.11.2018, 23:33 Uhr

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