Hintergrund

Arosa vertreibt Hausarzt

Touristische Berggebiete leiden unter starkem Ärztemangel. Oft ist die Grundversorgung nur mangelhaft sichergestellt. Dass dies zum Teil auch selbst verschuldet ist, zeigt der Fall eines Hausarztes aus Arosa.

Wer sich beim Wintersport verletzt, muss je nach Ferienort mit langen Wegen rechnen: Eine Patientin mit Schleudertrauma beim Hausarzt.

Wer sich beim Wintersport verletzt, muss je nach Ferienort mit langen Wegen rechnen: Eine Patientin mit Schleudertrauma beim Hausarzt. Bild: Keystone

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Wer sich diesen Winter beim Schneesport verletzt, muss je nach Ferienort mit langen Wegen rechnen, um behandelt zu werden. Weil sich der Hausärztemangel in den Bergregionen immer mehr zuspitzt, müssen viele Touristen auf die Notfallstationen der Spitäler ausweichen. Diese werden immer voller, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des Gesundheitsobservatoriums zeigt.

Zwischen 2007 und 2011 ist die Zahl der Konsultationen um 26 Prozent auf 4400 pro Tag gestiegen. Besonders die abgelegenen Bergregionen sind stark vom Hausärztemangel betroffen. Auch touristische Gebiete wie Arosa oder Vals. Dies liegt am Attraktivitätsverlust des Berufes, der Überzeit und den Pensionierungen. Aber nicht nur, wie der Fall des jungen Hausarztes Aldo Fischer zeigt, der zwei Jahre in Arosa praktizierte. «Ich habe intensiv versucht, die Gemeinde und den Tourismusverband über die akuten Missstände aufzuklären – und stiess nur auf stures Unverständnis», sagt Fischer. Darum hat der 41 Jahre alte Arzt letzten April seine Praxis aufgelöst und ist mit seiner Frau und den zwei Söhnen im Kleinkindalter in den Kanton St. Gallen gezogen.

Über 180 Notfalldienste pro Jahr

Weil in den nächsten Jahren viele Ärzte in den Bergregionen pensioniert werden, wären die Gemeinden eigentlich auf «junge» Ärzte wie Fischer angewiesen. Denn wegen des tiefen Taxpunktwertes in Graubünden und der hohen Arbeitsbelastung finden Hausärzte in der Region keinen Nachwuchs. Eine Möglichkeit, dieser Problematik entgegenzuwirken, wäre, gewisse Annehmlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen, hat sich Fischer intensiv an runden Tischen bemüht, Lösungen zu finden – erfolglos. «Für die leeren Praxisräume musste ich einen Mietzins von 5000 Franken zahlen», sagt er. Nur dank einem Darlehen sei es ihm möglich gewesen, die laufenden Kosten zu decken. Von der Gemeinde kein Entgegenkommen.

Auch auf den Wunsch nach einem Betreuungsangebot für Kleinkinder wurde nicht eingegangen. Dies verunmöglichte es Fischer auch, wie vorgesehen junge Ärztinnen mit Kindern in die geplante Gruppenpraxis zu holen. Hinzu kam die massive Überzeit. «Auf zwei Praxen verteilt, mussten wir 365 Tage Notfalldienst pro Jahr abdecken.» Laut Gesetz wäre er zu einem Tag pro Woche verpflichtet gewesen. Nun wird die Praxis von Fischer, die er der Gemeinde verkauft hat, von Aushilfen genutzt.

Für die kommende Wintersaison rechnet er mit massiven Problemen für das Skigebiet Arosa. Wegen der neuen Verbindungsbahn in die Lenzerheide werde es mehr Übernachtungen, aber auch mehr Tagestouristen geben. Für das verbleibende Hausärzte-Ehepaar, das sich in einer Praxis eine Hundert-Prozent-Stelle teilt, bedeute dies noch mehr Überstunden und noch mehr Nachtdienste. «Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen in der kommenden Saison», sagt Fischer. Die meisten Verletzten und Kranken müssten wegen der fehlenden medizinischen Versorgung den 45 Minuten langen und kurvenreichen Weg ins Kantonsspital Chur auf sich nehmen. Zudem seien die Touristen medizinisch gesehen immer «älter, kränker und anspruchsvoller». Dies liege daran, dass die Preise der Hotellerie in Arosa im oberen Segment angesiedelt sind. Die kaufkräftige Kundschaft sei deshalb meist älter – und unfallanfälliger.

Gemeinde zu allem bereit, um Ärzte zu holen

Auf die Kritik angesprochen, bestätigt Lorenzo Schmid, Gemeindepräsident von Arosa: «Wir haben hier einen Ärztemangel.» Die Gemeinde habe das Problem aber schon vor einigen Jahren erkannt. Deswegen seien Praxisräume gekauft und vermietet worden. Die medizinische Versorgung werde für diesen Winter mit einem Einsatzplan und der Einstellung von Aushilfsärzten sichergestellt. Die Idee, Ärztinnen mit Kindern in den Ort zu holen, ist für Schmid neu. Er kann sich aber die Bereitstellung eines Betreuungsangebotes vorstellen, denn «die Gemeinde sei in Zukunft zu fast allem bereit, um Ärzte nach Arosa zu holen».

Erstellt: 14.11.2013, 17:44 Uhr

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