Bedrängt, aber nicht besiegt

Argentinien ist erneut in die Falle der Zahlungsunfähigkeit geraten. Geschlagen gibt sich die zweitgrösste Volkswirtschaft Südamerikas deswegen noch nicht.

«Wir werden uns den Geiern nicht unterwerfen»: Argentiniens Wirtschaftsminister Axel Kilicoff verlässt in New York die Verhandlungen. (30. Juli 2014)

«Wir werden uns den Geiern nicht unterwerfen»: Argentiniens Wirtschaftsminister Axel Kilicoff verlässt in New York die Verhandlungen. (30. Juli 2014) Bild: AFP

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Die argentinische Delegation verliess das Büro des Vermittlers Daniel Pollack erhobenen Hauptes. Nie werde man sich den «Geiern» unterwerfen, sagte Wirtschaftsminister Axel Kilicoff anschliessend in der argentinischen Gesandtschaft in New York. Die Versuche der US-Hedgefonds, die volle Rückzahlung der Schulden zu erwirken, sei eine Erpressung, meinte er und fügte einen Seitenhieb auf die Ratingagentur Standard and Poor’s hinzu, die zuvor das Land als teilweise zahlungsunfähig erklärt hatte. «Wer vertraut den Ratingagenturen? Wer glaubt schon, sie seien unparteiische Schiedsrichter des Finanzsystems?»

Noch ist nicht klar, wie lange der technische Bankrott dauern und wie tief er gehen wird. Weitere Gespräche seien nicht ausgeschlossen, hiess es in Buenos Aires. Kilicoff selber verwies auf eine mögliche privatwirtschaftliche Lösung. Gemeint ist eine Offerte eines Syndikats argentinischer Banken. Sie wollen den widerspenstigen US-Hedgefonds deren Staatspapiere abkaufen und somit den Weg zu einer gütlichen Einigung ebnen. Ob indessen die Spekulanten rund um Milliardär Paul Singer zu einem solchen Deal bereit sind, ist ebenso offen wie die Frage, ob Argentinien von sich aus grössere Konzessionen angeboten hat, bevor sich die Streitparteien gestern Abend im Zorn trennten. Die Regierung in Buenos Aires könnte nun versuchen, die Zahlungsunfähigkeit als Druckmittel zu gebrauchen und alle Gläubiger – nicht nur die Hedgefonds – noch Wochen und Monate hinzuhalten.

Rumpeln an den Märkten

An den Finanzmärkten werden heute heftigere Reaktionen erwartet. Insbesondere argentinische Staatsanleihen dürften grössere Verluste erleiden, nachdem sie noch am Mittwoch in der Hoffnung auf eine Lösung stark gestiegen waren. Auch die argentinische Währung dürfte unter Druck geraten, könnten wegen des Bankrotts doch fast die ganzen Währungsreserven aufgebraucht werden. Dies kann die Regierung nur vermeiden, wenn sie den Peso ein weiteres Mal abwertet. Die Folgen für die Märkte in Europa, Asien und den USA dürften hingegen weniger drastisch ausfallen.

Zum einem zeichnete sich der Rückschlag seit Tagen bereits ab. Und zum anderen ist Argentinien heute wirtschaftlich nicht mehr die Grossmacht in Südamerika, die sie beim letzten Bankrott 2001 war. Damals etwa machten die Staatsanleihen des Landes rund 20 Prozent aller Schuldscheine der Schwellenländer aus; heute sind es nur mehr gerade 1,3 Prozent.

Zunehmende Aggressionen

Bedrohlich ist die Aussicht, dass Argentinien nur das letzte Beispiel einer wachsenden Zahl von Angriffen von Hedgefonds auf hoch verschuldete Länder ist. Eine Untersuchung von Ökonomen der Universitäten Berlin, München und Harvard vom Mai dieses Jahres zeigt, dass die Zahl solcher Streitigkeiten massiv zugenommen hat. In den letzten zehn Jahren wurde rund die Hälfte aller Umschuldungspläne durch «Geier-Fonds» vor Gericht angefochten und verhindert oder stark verteuert. In den achtziger Jahren war dies erst für fünf Prozent der Fall.

Dabei schrecken die Spekulanten nicht vor harschen Methoden zurück. Paul Singer und seine Mitspekulanten etwa versuchten, argentinische Kriegsschiffe, Öltanker sowie Reserven der Sozialversicherungen zu beschlagnahmen. Ohne Erfolg zwar, aber die Folgekosten waren enorm, Argentinien erlitt wegen des Rechtsstreit Rückschläge im internationalen Handel und hat es bis anhin nicht geschafft, neue Darlehen auf den Auslandmärkten aufzunehmen.

Kritik an der Treibjagd

Solche aggressiven Taktiken von US-Fonds seien zu einer eigentlichen Treibjagd auf geschwächte Länder verkommen, fasst die Studie zusammen. Sie empfiehlt deshalb, das US-Rechtssystem auf seine internationale Verträglichkeit zu überprüfen. Die EU ist in diesem Punkt schon einen Schritt voraus.

Nach der Griechenland-Krise erliess sie eine Richtlinie, wonach die Mitgliedländer ihre längerfristigen Kreditaufnahmen so gestalten, dass eine Zweidrittel-Mehrheit der Gläubiger genügt, um die Schulden umzustrukturieren. Im Fall Argentinien konnten zwei Hedgefonds mit einem Anteil von nur sieben Prozent der Schuldpapiere das Land in die Ecke treiben. Einen definitiven Sieg haben die Spekulanten bisher nicht feiern können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2014, 06:52 Uhr

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