Boom bei Schweizer Uhren ist vorbei

Hongkong und China, zwei der wichtigsten Absatzmärkte, entwickeln sich seit drei Quartalen rückläufig. Auch in Europa deutet wenig auf Aufschwung hin. Die Branche muss sich auf härtere Zeiten einstellen.

Interesse flaut ab: Uhren in der Horlogerie Zenith S.A.

Interesse flaut ab: Uhren in der Horlogerie Zenith S.A. Bild: TA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gemessen an der konjunkturellen Abkühlung in China und der Krise in Europa lief das Uhrengeschäft auf den ersten Blick bislang bemerkenswert gut. Richemont steigerte im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr 2012 den Umsatz um 14 Prozent auf 10,1 Milliarden Euro, der Gewinn stieg gar um 30 Prozent auf 2 Milliarden Euro. Branchenleader Swatch Group hatte im Februar ein Rekordergebnis gemeldet.

Die guten Zahlen seien aber ein Stück weit vom schwachen Euro überhöht, sagt Richemont selber. Rechnet man den Währungseffekt heraus, wird sichtbar, dass Richemonts Uhrengeschäft, das die Hälfte des Absatzes ausmacht, nur halb so stark gewachsen ist wie das Schmuckgeschäft, das gut ein Viertel zum Umsatz beiträgt. Das Uhrengeschäft ist «nach zwei herausragenden Jahren in Folge» laut Richemont-Managern nur noch «bescheiden» gewachsen.

Aussichten trüben sich ein

Auf weniger Wachstum im Uhrengeschäft muss sich nicht nur Richemont einstellen. Von den Zuwachsraten früherer Jahre kann die erfolgsverwöhnte Uhrenbranche nur noch träumen, wie Zahlen des Verbandes der Schweizer Uhrenindustrie (FH) zeigen: 22 Prozent mehr als im Vorjahr exportierte die Schweizer Uhrenindustrie 2010, um 19 Prozent nahmen die Ausfuhren 2011 zu. Im letzten Jahr halbierte sich das Exportwachstum indes auf 10,9 Prozent, im ersten Quartal 2013 wuchsen die Uhrenverkäufe in den 30 grössten Auslandmärkten nur noch um vergleichsweise kümmerliche 2,4 Prozent.

Ist der Uhrenboom vorbei? Wie stark sich die Aussichten getrübt haben, zeigen die seit drei Quartalen rückläufigen Verkäufe in Hongkong und China (siehe Grafik). Und dies mit beunruhigend zunehmender Tendenz: Im ersten Quartal des laufenden Jahres etwa gingen die Ausfuhren in die ehemalige britische Kronkolonie um 9 Prozent zurück, das chinesische Festland nahm gar über ein Viertel weniger Uhren ab als im Vorjahr. Der Einbruch ist umso gewichtiger, als Hongkong der grösste Markt für Schweizer Uhrenexporte ist, China die Nummer drei.

Touristen stützen flaues Europa

Auch bei Richemont ist das Uhrengeschäft mit China weiterhin rückläufig. Doch der Konzern argumentiert, ähnlich wie zuvor Swatch Group, der Rückgang in China und Hongkong werde zu einem rechten Teil in Europa wieder aufgefangen, da hier speziell Chinesen sich als Touristen mit Uhren eindeckten, um die Luxussteuern in der Heimat zu umgehen. Rund die Hälfte des Uhrenumsatzes in Europa wird laut Richemont mit Touristen erzielt. Dass etwa ein Uhrengeschäft in Luzern pro Tag eine Million Franken einnehme, zeige, wie gut das Touristengeschäft laufe.

Diese Entwicklung kann man auch anders interpretieren. In Europa ist die Nachfrage der Einheimischen nach Luxusprodukten von Richemont seit letztem Sommer rückläufig. Der extrem hohe Anteil der Touristen am europäischen Uhrenabsatz gleicht das teilweise aus. Mit anderen Worten: Das Geschäft in Europa liefe ohne Touristen noch viel schlechter. Und unklar bleibt, wie weit die Uhrenfirmen das Loch in China mit Touristen im Westen füllen können.

Freihandel mit China positiv

Die Geschäfte in den übrigen asiatischen Ländern liefen weiterhin gut, besonders im Schmuckgeschäft, sagt Richemont; in den USA sei der Absatz ebenfalls positiv, noch sei man wegen China «nicht übermässig beunruhigt». Doch der markante Einbruch in Hongkong und China und die weiterhin schwache Binnennachfrage im EU-Raum deuten auf in nächster Zeit nur mässige bis schwache Wachstumsaussichten hin.

Gefragt, wann China sich erholen dürfte, sagte Richemont-Präsident Johann Rupert, der sich eine einjährige Auszeit gönnt, er habe «keine Ahnung». Nach Aufschwung sieht es auch in Europa nicht aus. In den 17 Ländern des Euroraums ging der Ausstoss von Waren und Dienstleistungen von Januar bis März um 0,9 Prozent zurück. Der Euroraum steckt seit eineinhalb Jahren in einer Rezession. Südeuropa leidet an einer Depression, selbst das exportstarke Deutschland wächst kaum, Frankreichs Wirtschaft schrumpft weiter.

Grosse Uhrenfirmen kommen mit dem schwachen Wachstum dank tieferer Produktionskosten besser zu Rande. Uhrenriesen wie Richemont und Swatch Group hilft zudem ihr globales Netz mit eigenen Läden. Richemont verkaufe in den eigenen Geschäften deutlich besser als externe Grosshändler, hiess es gestern. Mit ein Grund, warum auch Richemont das Netz forciert ausbaut – nach 60 neuen Läden 2012 sollen dieses Jahr weitere 50 Geschäfte aufgehen.

Vom frisch ausgehandelten Freihandelsabkommen mit China werde Richemont ebenso profitieren wie die Kunden, hiess es gestern. Richemont erzielt in China 30 Prozent des Umsatzes.

Erstellt: 16.05.2013, 22:55 Uhr

Artikel zum Thema

Chinesen kaufen noch eine Schweizer Uhrenmarke

Die Neuenburger Corum geht in die Hände der China Haidian über. Die gleiche Gruppe kontrolliert bereits Eterna im solothurnischen Grenchen. Mehr...

Uhrenhändler wollen keine Bargeldlimite

Analyse Offenbar plant der Bundesrat, Barzahlungen über 100'000 Franken zu verbieten. Es wäre ein kleiner Schritt vorwärts im Kampf gegen die Geldwäscherei. Betroffene Branchenvertreter reagieren verstimmt. Mehr...

Das sind die wertvollsten Marken der Schweiz

Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» und die Marktberatungsfirma Interbrand haben die wertvollsten Schweizer Marken gekürt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Grosszügig: Ein Mann in Istanbul füttert Möwen mit Fisch. (22. November 2019)
(Bild: Sedat Suna) Mehr...