Hintergrund

Chinesische Sitten in der Schweiz?

Die chinesische Firma Huawei liess offenbar ausländische Mitarbeiter ohne Arbeitsbewilligung hier arbeiten. Obwohl der Schweizer Chef die hiesigen Gesetze kennen müsste.

Die Kantonspolizei verzeigte in Dübendorf zehn Mitarbeiter von Huawei, die ohne Bewilligung arbeiteten. Angestellte in den Büros des Telekom-Ausrüsters in Duebendorf am 5. Februar 2013.

Die Kantonspolizei verzeigte in Dübendorf zehn Mitarbeiter von Huawei, die ohne Bewilligung arbeiteten. Angestellte in den Büros des Telekom-Ausrüsters in Duebendorf am 5. Februar 2013. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Polizeirazzia bei der chinesischen Telecomfirma Huawei in Dübendorf schlug in den Leserforen der Online-Zeitungen hohe Wellen. «Dieser Firma sollte man jede Aktivität in der Schweiz verbieten», forderte ein Leser der Zeitschrift «Computerworld». Andere Forumsteilnehmer vermuten, dass der Netzwerklieferant von Swisscom, Sunrise und Orange sich das Einholen von Arbeitsbewilligungen ersparte, weil chinesische Spezialisten billiger sind und man es mit der Einhaltung von Gesetzen nicht so genau nimmt.

Der Leiter der kantonalen Standortförderung beim Amt für Wirtschaft und Arbeit, Markus Assfalg, warnt jedoch davor, vom Einzelfall Huawei auf chinesische Firmen im Allgemeinen zu schliessen. Dass Huawei nicht wusste, dass Nicht-EU-Ausländer ohne Arbeitsbewilligung nicht in der Schweiz arbeiten durften, schliesst Assfalg jedoch aus. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Firmenleitung die hiesigen Gesetze nicht bekannt waren», erklärt Assfalg Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

«Konstruktive und angenehme Leute»

Als Standortförderer hat Assfalg des Öfteren mit chinesischen Firmenvertretern zu tun, die sich im Kanton Zürich ansiedeln wollen. «Ich erlebe sie durchgehend als konstruktive und angenehme Leute, die sich an die hiesigen Rahmenbedingungen halten», so der Leiter der Standortförderung.

Assfalg geht nicht davon aus, dass chinesische Unternehmen, die sich in der Schweiz niederlassen, ihre heimischen Gepflogenheiten hier weiterführen oder dass es kulturelle Unvereinbarkeiten gibt. «Die Chefs der Firmen sind ja in der Regel Schweizer und kennen die gesetzlichen Rahmenbedingungen hier aus dem Effeff. Wo das nicht der Fall ist, sorgen einheimische Rechtsberater oder Personalfachleute für die korrekte Erledigung der Formalitäten.»

Chef war Swisscom-Manager

Brisant am Fall Huawei ist tatsächlich, dass der Chef der Firma, Felix Kamer, zuvor bei der Swisscom gearbeitet hat und selbst Schweizer ist. Für die korrekte Beschäftigung der 450 Huawei-Angestellten ist somit ein Schweizer zuständig. Ob Kamer vom chinesischen Mutterhaus unter Druck gesetzt wurde, günstigere chinesische Spezialisten zu beschäftigen, könnte nur er selbst sagen. Eine Interviewanfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet lehnte die Sprecherin von Huawei Schweiz unter Hinweis auf das laufende Verfahren ab.

Leser der «Computerworld», die angeben, die Verhältnisse bei Huawei persönlich zu kennen, sprechen von Spezialistenlöhnen, die unter dem branchenüblichen Lohn lägen und davon, dass die Beschäftigung von Huawei-Mitarbeitern ohne Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis «intern allgemein bekannt» sei. Nach der gestrigen Razzia hat die Kantonspolizei acht chinesische, einen britischen und einen polnischen Angestellten verzeigt, weil sie keine gültige Arbeitsbewilligung hatten oder ihr Visum abgelaufen ist. Darüber, dass chinesische Unternehmen es in der Heimat mit gesetzlichen Bestimmungen nicht so genau nehmen, wurde schon viel geschrieben. «Es geht etwas rauer zu als in Europa», bestätigt der deutsche Chinaexperte Horst Löchel von der Frankfurt School of Finance and Management. «Die Durchsetzung des Umweltrechts oder von arbeitsrechtlichen Bestimmungen ist in China sicher schwieriger als in Europa», so Löchel. Die Freiräume seien grösser, das Verhältnis von Politik und Wirtschaft ohnehin ein anderes.

Laxe Beamte

«Beamte drücken öfter mal ein Auge zu, die Bürokratie passt sich den Anforderungen der Wirtschaft an», sagt Löchel Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Grundsätzlich kann man sagen, dass chinesische Unternehmen sehr viel konkurrenz- und profitorientierter arbeiten als europäische oder amerikanische», erklärt der Volkswirtschaftler, der acht Jahre in China gelebt hat und dort auch unterrichtet. «Die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen wird manchmal lockerer genommen als in Europa.»

Löchel hält es für denkbar, dass man bei Huawei auch in der Schweiz versucht hat, an den Vorschriften vorbei schnell und unbürokratisch Arbeitskräfte zu rekrutieren. Doch auch Löchel warnt davor, den Fall zu verallgemeinern. «Ich habe kürzlich eine Rede des Generalmanagers der deutschen Firma Putzmeister gehört, die von einem chinesischen Investor übernommen wurde. Nach seinen Aussagen hat sich an den Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten nichts geändert.»

Wenn eine Firma sich nicht an die Regeln im Gastland halte, müsse das schlicht sanktioniert werden, ist für Löchel klar. Für typisch chinesisch hält der Volkswirtschaftler die Vorkommnisse bei Huawei in Dübendorf nicht. «Vergleichbare Verstösse gibt es auch bei deutschen Bauunternehmen», so der Frankfurter Professor. Bei der Kantonspolizei Zürich macht man die gleiche Erfahrung. «Auch auf Baustellen, im Gastgewerbe oder in Privathaushalten kommt es nicht selten zu Festnahmen wegen illegaler Beschäftigung», erklärt Kaposprecherin Esther Surber. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2013, 09:43 Uhr

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