Das neue Leiden der Lachse

Um Antibiotika zu vermeiden werden Zuchtlachse oft geimpft. Für die Tiere ist das brutal.

Rauchlachs ist als Delikatesse hoch begehrt: Die Schweizer Lachsräucherei Dyhrberg setzt nie mehr ab als an den Festtagen. Foto: Pascal Leibundgut

Rauchlachs ist als Delikatesse hoch begehrt: Die Schweizer Lachsräucherei Dyhrberg setzt nie mehr ab als an den Festtagen. Foto: Pascal Leibundgut

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Nie konsumieren die Schweizerinnen und Schweizer mehr Lachs als an Weihnachten und Neujahr. «In dieser Zeit machen wir 20 Prozent unseres Jahresumsatzes», sagt Ralf Weidkuhn, der bei Dyhrberg, der ältesten Lachsräucherei der Schweiz, für den Verkauf verantwortlich ist. Von Ende November bis Ende Jahr verlassen 64 Tonnen von Hand verarbeiteter Lachs die Manufaktur in Balsthal.

Das Weihnachtsgeschäft kurbelt den Lachsabsatz auch bei Migros, Coop, Aldi und Lidl kräftig an. Genaue Zahlen wollen die Detailhändler nicht bekannt geben. Die Migros verrät aber, dass allein der Dezember rund ein Fünftel des gesamten Jahresumsatzes mit Lachs ausmacht.

Weil der Hunger nach dem Fisch grösser und grösser wird, werden in Norwegen, Irland, Schottland oder Südamerika immer mehr Lachse gezüchtet. Wie bei anderen Massentierhaltungen auch wirken sich die nicht artgerechten Haltungsbedingungen negativ auf die sonst als Einzelgänger lebenden Tiere aus. Der Dauerstress schwächt die Immunabwehr der Lachse, was sie krankheitsanfälliger macht. Die enorme Dichte in den Netzgehegen fördert zudem die Übertragung von Parasiten und Krankheiten. Die Industrie antwortet darauf mit Chemie und Medikamentenkeulen.

Jahrelang versuchten die Züchter, mithilfe von Antibiotika präventiv Krankheiten in den Fischgehegen zu vermeiden. Mit fatalen Folgen für Tier und Mensch: Bakterien wurden gegen die Arzneien immer resistenter.

Heute werden die Lachse mehrheitlich gegen bakterielle und gewisse virale Infektionserkrankungen geimpft. Die Impfungen werden entweder direkt in das Tier eingespritzt, durchs Futter aufgenommen oder mittels Bad- oder Tauchimpfung verabreicht.

Ein Vorreiter ist der Zuchtlachsweltmeister Norwegen. In den 1970er-Jahren wurden in den Zuchtlachsfarmen viele antibio­tikaresistente Krankheitserreger nachgewiesen. Deshalb fing man an, die Tiere zu impfen. «Seither ist die Zuchtlachsproduktion um das Fünfzigfache gestiegen, der Antibiotikaverbrauch jedoch praktisch auf null zurückgegangen», sagt Joachim Frey, emeritierter Professor an der Fakultät für Veterinärmedizin der Universität Bern.

Die Prozedur führt zum Verlust des natürlichen Verhaltens

Der bekannte norwegische Umweltaktivist Kurt Oddekalv bestätigt, dass die Impfungen den Einsatz von Antibiotika verringern. Für den Tierschützer sind das jedoch keine Good News. Den Fischen wird die Impfnadel in den Bauch gesteckt. «Wir beobachten, dass die Hoden der Lachse durch den Einstich mit dem Bauch zusammenwachsen, was extrem schmerzhaft für den Fisch ist.» Die Tiere würden nach der Prozedur jegliches natürliche Verhalten verlieren, weil sich ihr ganzer Körper versteift. «Aber solange die Firmen Geld machen können, kümmert sich niemand um das Wohl des Fischs», sagt Oddekalv. Auch die langfristigen Auswirkungen solcher Impfungen auf den Menschen seien nie getestet worden.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen sieht keine Gefahren beim Verzehr von geimpftem Fisch oder Fleisch. «Für Konsumentinnen und Konsumenten bedeuten die Impfungen, kurz gesagt, gesunde Tiere und somit auch gesunde Produkte», sagt Sprecherin Eva van Beek. Die Impfung bei immer mehr Tieren sei eine Möglichkeit, den Antibiotikaeinsatz einzudämmen, was Priorität habe.

Auch der Biolachs von Aldi, Migros oder Manor kommt geimpft auf den Teller. Mit einer Ausnahme: Die Bio-Knospen-Fische von Coop werden seit dem vergangenen Jahr nicht mehr mit einer Impfung behandelt. Welche Bedenken dazu geführt haben, dass die Bio-Suisse-Lachse aus Irland heute nicht mehr geimpft werden, will der Kommunikationsleiter der Labelorganisation, Lukas Inderfurth, nicht sagen. Die Entscheidung liege beim Produzenten: «Gemäss Bio-Suisse-Richtlinien sind Impfungen erlaubt, es besteht aber kein Impfzwang.»

Antibiotika werden bei einem Krankheitsbefall in der gesamten Lachszucht weiterhin eingesetzt. «Auch die strengen Schweizer Grenz- und Lebensmittelkontrollen können nicht hundertprozentig verhindern, dass Zuchtfisch mit Antibiotika über dem Grenzwert in den Verkehr gelangt», warnt Heinzpeter Studer, Gründer des Vereins Fair Fish.

Konsumentinnen und Konsumenten sollten auch wissen, dass im konventionellen und im Biozuchtlachs Ethoxyquin und weitere gefährliche chemische Substanzen vorkommen. Ethoxyquin kann die DNA schädigen und den Leberstoffwechsel stören. Es wird von der Industrie eingesetzt, damit das Fischmehl, mit dem die Lachse gefüttert werden, nicht ranzig wird und sich nicht plötzlich selbst entzündet.

Die industrielle Lachszucht sei höchst problematisch für die Tiere und die Umwelt und teilweise eben auch für die Konsumenten, sagt die Stiftung für Konsumentenschutz. Die Leiterin Ernährung, Josianne Walpen, sagt: «Die Impfung ist eine Symptombekämpfung und ein Teil einer Zucht, die weder art- noch umweltgerecht ist.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2018, 16:21 Uhr

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