Das sind die umstrittenen Instrumente der Notenbanken

Die Zinsen sind im Keller. Welche Handlungsoptionen haben die Notenbanker Draghi, Jordan und Powell überhaupt? Die Übersicht.

Der Negativzins der SNB liegt mit minus 0,75 Prozent so tief wie nirgendwo sonst. Foto: Keystone

Der Negativzins der SNB liegt mit minus 0,75 Prozent so tief wie nirgendwo sonst. Foto: Keystone

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Mit Spannung wurde erwartet, welche Neuerung die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre Geldpolitik beschliesst. Am nächsten Mittwoch folgt die US-Notenbank Fed und heute in einer Woche die Schweizerische Nationalbank (SNB). Erwartet wird eine Fortsetzung oder eine Ausweitung der äusserst expansiven Geldversorgung überall. Doch die Instrumente, die sie dabei anwenden, sind nicht immer leicht zu verstehen.

Leitzins

Ein positiver Leitzins ist in gewöhnlichen Zeiten das einzige Instrument der Geldpolitik. Man spricht dann von einer konventionellen Geldpolitik. Dabei handelt es sich immer um einen kurzfristigen Zinssatz (für einen Tag bis zu wenigen Monaten), den eine Notenbank meist indirekt über ihre Geldversorgung der Banken steuert. Nur sie kann gesetzliches Geld per Knopfdruck schöpfen, und in gewöhnlichen Zeiten sind Banken auf Geld der Notenbank angewiesen. Die Zinsen, die eine Notenbank ihnen dafür verrechnet, beeinflussen direkt die Kurzfristzinssätze auf den Märkten. Weniger ausgeprägt ist der Zusammenhang zu den langfristigen (mehrjährigen) Zinssätzen, weil hier andere Einflüsse hineinspielen, insbesondere die Erwartung zur Konjunkturlage und zur Geldpolitik in der Zukunft. Tendenziell führen tiefere Leitzinsen auch zu tieferen Langfristzinsen.

Zweck: Bei einem Abschwung oder wenn eine Rezession droht, senkt eine Notenbank den Leitzins. Weil als Folge davon die Zinsen generell sinken, fallen die Kosten für Kredite und Hypotheken und damit für Investitionen und Immobilien. Ausserdem verbilligt sich die Währung, was den Exporten zugutekommt. Das alles befeuert die Wirtschaftstätigkeit. Einige Notenbanken haben mehrere Leitzinsen. Die EZB zum Beispiel hat drei. Von Bedeutung sind vor allem der Hauptrefinanzierungssatz – der die Kosten für Geld an die Banken ausdrückt – und der Depositensatz. Letzterer zeigt, was die Banken für ihre Einlagen bei der EZB erhalten oder – wenn der Satz wie aktuell negativ ist – was sie dafür bezahlen müssen.

Problem: Bei Zinsen von null Prozent und sehr viel Geld auf den Konten der Banken bei den Notenbanken funktioniert diese Art der Geldpolitik nicht mehr.

Bei der SNB: Die SNB führt seit Dezember 2014 keine konventionelle Geldpolitik mehr mit einem positiven Leitzins.

Negativzins

Bis vor wenigen Jahren war man überzeugt: Eine Notenbank kann die Zinsen nicht unter null Prozent drücken. Zinssätze im negativen Bereich bedeuten, dass man noch etwas bezahlen muss, wenn man ein Darlehen gibt oder Geld auf ein Konto bringt. Dann würde man lieber Bargeld horten, so die Annahme. Weil aber auch das Halten von Bargeld mit Kosten verbunden ist – vor allem für die Lagerung, den Transport und die Sicherheit –, erwies sich diese Annahme als falsch. Deshalb bezahlen die Banken der Notenbank Negativzinsen für ihre Einlagen dort, und sie verrechnen sie sich gegenseitig sowie wohlhabenden Kunden. So gelang es einigen Notenbanken – wie der SNB und der EZB –, generell ein negatives Zinsniveau bis in den langfristigen Bereich hinein durchzusetzen.

Zweck: Wie bei der konventionellen Geldpolitik mit (positiven) Leitzinsen soll damit die wirtschaftliche Aktivität befeuert werden. Weil mit Negativzinsen das Horten von Geld etwas kostet – so die Hoffnung –, müsste es vermehrt ausgegeben werden, was die Konjunktur befeuert. Die SNB verfolgt jedoch einen anderen Hauptzweck mit Negativzinsen. Sie hat sie vor allem eingeführt, um Anlagen in den Franken weniger attraktiv zu machen und damit einer zu starken Aufwertung der Schweizer Währung entgegenzuwirken.

Problem: Obwohl sich Negativzinsen als umsetzbar erwiesen haben, gibt es noch immer eine untere Grenze, die nicht unterschritten werden kann. Irgendwann sind die Kosten durch Negativzinsen grösser als jene der Bargeldhaltung. Bereits bei den aktuellen Niveaus ist stark umstritten, ob sie noch eine positive Wirkung auf die Konjunktur haben. In den Fokus geraten immer mehr ihre Nachteile: Negativzinsen schwächen das Finanzsystem, und sie führen dazu, dass an den Kapitalmärkten gefährliche Risiken eingegangen werden, mit denen Investoren auch noch positive Renditen setzen. Zudem schaden sie dem privaten und institutionellen Sparen über Pensionskassen.

Bei der SNB: Ihr Negativzins liegt mit minus 0,75 Prozent so tief wie nirgendwo sonst. Er bezieht sich auf die Einlagen der Banken auf ihren Konten. Anders als bisher bei der EZB ist aber nur ein Teil – rund ein Drittel – der Bankeinlagen davon betroffen, weil die SNB Banken einen Freibetrag einräumt.

QE: Quantitative Easing

Diese Politik ist eine weitere Form der unkonventionellen Geldpolitik. Auch sie wurde dort eingeführt, wo die Leitzinsen bereits auf null Prozent gesunken sind. Bei diesem Instrument kaufen Notenbanken von den Banken Anlagen gegen neu geschaffenes Geld. Sie erwerben vor allem Staatsanleihen, aber auch verbriefte Kredite und Hypotheken sowie Anleihen privater Unternehmen. Entscheidend bei einem QE-Programm ist, dass sich eine Notenbank öffentlich darauf festlegt, in welchem Umfang sie pro Monat Anlagen kaufen will und wie lange ein solches Programm laufen soll.

Zweck: Eine Notenbank kann zum einen durch Käufe von langfristigen Anleihen direkt die Langfristzinsen nach unten drücken, weil das über Leitzinsen nicht mehr möglich ist. Wenn durch Anleihenkäufe deren Preise steigen, bedeutet das, dass ihre Rendite sinkt und damit das Zinsniveau. Durch den Kauf verbriefter Kredite und Hypotheken sollen die Banken dazu ermuntert werden, vermehrt solche Darlehen zu tätigen.

Problem: Auch die Wirksamkeit dieses Instruments ist stark umstritten. Dazu kommen auch hier unerwünschte Nebeneffekte. So werden durch die Wertpapierkäufe die Bilanzen der Notenbanken aufgebläht. Weiter kommt es zu einer Vermengung von Geldpolitik und Fiskalpolitik. Die EZB setzt sich mit den Käufen von Staatsanleihen dem Verdacht aus, Staaten zu stützen, die ihren Finanzhaushalt nicht im Griff haben. Dem versucht sie auszuweichen, indem sie die Käufe pro Land beschränkt. Das aber mindert die verfügbaren Anleihen, die sie kaufen kann.

Bei der SNB: Die SNB kennt keine QE-Programme. Vergleichbar damit sind ihre Devisenkäufe, die ebenfalls über die Banken abgewickelt werden und sowohl ihre Bilanz als auch die Guthaben der Banken stark aufgebläht haben. Anders als beim QuantitativeEasing tätigt die SNB Devisenkäufe aber nicht regelmässig im Sinne eines Programms, sondern nur in Notlagen (bei massiven Aufwertungsschüben des Frankens), und sie informiert die ­Öffentlichkeit nicht darüber.

Forward Guidance

Damit ist gemeint, dass sich die Notenbanken auf eine Politik festlegen, die sie öffentlich für eine längere Zeit einzuhalten versprechen. Eine Möglichkeit ist, dass sie versprechen, ihren Leitzins bis weit in der Zukunft auf einem tiefen Niveau zu halten oder dass sie eine höhere Inflation als bisher anstreben.

Zweck: Damit erhoffen sich die Notenbanken, dass die Erwartung einer anhaltend expansiven Geldpolitik die Marktzinsen sinken lässt und dass die Inflation ansteigt. Beides soll die Ausgaben befeuern.

Problem: Die Notenbanken haben jüngst schon ihre bisherigen Ziele nicht erreicht und haben daher an Glaubwürdigkeit eingebüsst.

Bei der SNB: Auch die SNB setzt in der einen oder anderen Form auf eine Forward Guidance.

Erstellt: 12.09.2019, 11:18 Uhr

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