Datenklauer will ein edler Dieb sein

Die Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Haft für einen Informatiker, der Daten der Privatbank Hyposwiss verkaufen wollte. Er selbst sieht sich als Kämpfer wider die Geldwäscherei.

Ihr Streit inspirierte den Täter: Die Oligarchen Wladimir Potanin (l.) und Oleg Deripaska.

Ihr Streit inspirierte den Täter: Die Oligarchen Wladimir Potanin (l.) und Oleg Deripaska. Bild: Sergei Karpukhin/Reuters

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Der mit allen Mitteln ausgefochtene Streit der beiden russischen Oligarchen Wladimir Potanin und Oleg Deripaska um die Vorherrschaft beim Rohstoffgiganten Norilsk ist beendet. Noch nicht beendet ist hingegen ein Nebenschauplatz dieses Titanenduells, der sich in der Zürcher Filiale der damaligen Privatbank Hyposwiss abgespielt hat. Während die beiden Milliardäre sich längst anderen Geschäften zugewandt haben, wird Heinrich R. die Geister jener Zeit einfach nicht los.

Gestern stand der mittlerweile 70-jährige Pensionär vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona, weil er im Februar 2010, bei seinem Abschied als externer IT-Mitarbeiter der Hyposwiss, Kundendaten auf einem Memorystick hatte mitlaufen lassen. Fast zwei Jahre später versuchte er, einen Teil dieser Daten für zwei Millionen Franken an den Schweizer Anwalt von Oleg Deripaska zu verkaufen. Dafür hat ihn die Bundesanwaltschaft (BA) wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes sowie Verletzung des Geschäfts- und des Bankgeheimnisses angeklagt. In einem abgekürzten Verfahren hatte sich Heinrich R. mit der BA auf eine teilbedingte dreijährige Haftstrafe geeinigt, doch hat das Bundesstrafgericht diesen Deal im August zurückgewiesen. Gestern forderte Staatsanwalt Carlo Bulletti vier Jahre Haft.

Das doppelte Warum

Im Grunde drehte sich die Verhandlung vor dem dreiköpfigen Richtergremium um ein doppeltes Warum: Warum hat Heinrich R. die Daten mitlaufen lassen? Und warum hat er sie nach so langer Zeit dem Anwalt Deripaskas angeboten? Er habe die Daten «mehr aus Leichtsinn» nach Hause genommen, sagte R. gestern zur ersten Frage, und sicher nicht mit der Absicht, «Unfug anzurichten». Ein eindeutiges Motiv konnte auch Ankläger Bulletti nicht ausmachen. Immerhin zitierte er aus den Vernehmungen, in denen R. von einem neuen Chef gesprochen habe, der ihn schikaniert habe.

Fast noch verworrener wirds beim zweiten Warum. Unbestritten ist: Im Herbst 2011 las Heinrich R. im «Tages-Anzeiger» und in anderen Medien von den – bis heute unbelegten – Vorwürfen Deripaskas an Potanin, dieser habe über die Hyposwiss Milliardenbeträge gewaschen. Also holte der Informatiker die geklauten Datensätze aus dem Versteck im Büchergestell und analysierte sie in aufwendigen Prozeduren auf den Namen Potanin und auf Transaktionen von über 100 Millionen Franken hin. Das Resultat der mehrmonatigen Recherche wollte er anschliessend verkaufen.

Über das Motiv dafür gibt es zwei Versionen. Heinrich R. selbst sieht sich in aufklärerischer Mission. Er sei schockiert gewesen über die angebliche milliardenschwere Geldwäscherei, sagte er. Und er habe dem Rechtsanwalt Deripaskas Hinweise auf diese Machenschaften Potanins und der Hyposwiss liefern wollen. Dass er die zwei Millionen gefordert habe, sei «ungeschickt» gewesen. «Geld war nicht das primäre Ziel meines Mandanten», sagte Verteidiger Ralph George. Verleitet hätten ihn allenfalls Medienberichte, wonach Geld für Deripaska keine Rolle spiele. Insgesamt habe sich der Verkauf an den Rechtsanwalt als «ideale Lösung» präsentiert, so George: «Die Daten wären in fachkundigen Händen gewesen, und mein Mandant hätte erst noch etwas verdient.» Eine bedingte Haftstrafe von 12 Monaten sei die angemessene Sanktion dafür.

Der doppelte Boden

An solch hehre Motive mochte Staatsanwalt Bulletti nicht so recht glauben. R. habe vorsätzlich das Geschäfts- und das Bankgeheimnis verletzt. Zumindest Eventualvorsatz sei beim wirtschaftlichen Nachrichtendienst anzunehmen, weil R. in Kauf genommen habe, dass die Daten bei Deripaska landeten. Auch habe er gewusst, dass die zwei Millionen nicht vom Rechtsanwalt, sondern von Deripaska kommen würden. Auch wenn der Angeklagte vielleicht nicht direkt mit dem Oligarchen habe geschäften wollen, handle es sich insgesamt um einen schweren Fall.

Für eine gewisse kriminelle Energie des Angeklagten spricht dessen Vorgehen. Den Laptop mit den Daten hat er mittels doppeltem Boden so gut versteckt, dass ihn die Polizei bei der ersten Hausdurchsuchung nicht fand. Auf den versandten Dokumenten hinterliess Heinrich R. keine Fingerabdrücke, seine telefonischen Kontaktaufnahmen erfolgten aus unterschiedlichen Telefonkabinen und mit verstellter Stimme. Zum Verhängnis wurde ihm schliesslich, dass der Rechtsanwalt zum Schein auf das Verkaufsangebot einstieg, aber gleichzeitig die BA davon in Kenntnis setzte. Mit Telefonüberwachung und einem verdeckten Ermittler konnte diese den Datenhehler schliesslich überführen. Heute geben die Richter bekannt, wie lange er für seine Taten büssen muss.

Erstellt: 09.12.2013, 22:54 Uhr

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