Der Industrieökonom und das ungelöste Internetproblem

Der französische Wirtschaftsforscher Jean Tirole erhält den Nobelpreis.

Ein Meister seines Fachs: Jean Tirole mit Studenten in Toulouse. Foto: Reuters

Ein Meister seines Fachs: Jean Tirole mit Studenten in Toulouse. Foto: Reuters Bild: Reuters

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Die EU-Kommission steht im Clinch mit Google. Missbraucht das Unternehmen, das in Europa über 90 Prozent der Suchanfragen bearbeitet, seine Marktmacht, indem es Suchtreffer von hauseigenen Diensten weit oben platziert? «Auf Fragen wie diese hat die Ökonomie derzeit keine klare Antwort.» Das sagt Jean-Charles Rochet, Ökonom und Forscher an der Universität Zürich.

Die Aussage zeugt vom Respekt, mit dem die Wirtschaftswissenschaften der neuen Internetökonomie begegnen. Was genau heisst Marktmissbrauch im Kontext des Suchmaschinenbusiness? Wie definiert sich eine marktbeherrschende Stellung im Zusammenhang mit Smartphones und Apps? Oder bei Spielkonsolen, Gratiszeitungen, Datingportalen? Wann sind staatliche Eingriffe gerechtfertigt, wann nicht?

Immerhin: Ganz ahnungslos sind die Ökonomen nicht. Zu verdanken haben sie dies im Wesentlichen einem Forscher: dem Franzosen Jean Tirole. Ihm hat die Schwedische Reichsbank gestern den Preis zum Andenken an Alfred Nobel verliehen – «für seine Analysen zur Marktmacht und zur Regulierung».

Tirole gilt als grosse Figur der Industrial Organisation, einer Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften, die sich für das Verhalten von Unternehmen in Oligopolen interessiert. Von einer solchen Konstellation spricht man dann, wenn wenige Anbieter einen Markt dominieren und unvollständiger Wettbewerb herrscht. Mit dem Amerikaner George Stigler erhielt letztmals 1982 ein Forscher dieses Fachgebiets den Wirtschaftsnobelpreis.

Fragen der Liberalisierung

Seither hat sich vieles getan – sowohl in der Akademie als auch auf dem Feld. Die 80er-Jahre waren die Zeit der grossen Deregulierung; Telecom, Post, Flugverkehr, viele staatliche Industrien wurden damals in die Privatwirtschaft überführt. Mit der Liberalisierung stellten sich neue Fragen: etwa nach dem Preis, den die gewinnmaximierenden Firmen für ihre Leistungen fortan verrechnen sollten, oder nach den Marktmechanismen, die weiterhin eine zuverlässige Versorgung garantieren würden.

Dass mit Tirole ausgerechnet ein Franzose zur Koryphäe auf diesem Gebiet avancierte, ist angesichts des dortigen Flairs für einen starken Staat wohl kein Zufall. Wie der Zürcher Ökonom Jean-Charles Rochet sagt, habe Tiroles grosse Leistung darin bestanden, die bis dahin ziemlich verstreuten Forschungsstränge zu einem einheitlichen und in sich schlüssigen Analyserahmen zu verarbeiten. Rochet kennt Tirole gut: Lange Zeit hatte er mit dem Franzosen an der Universität in Toulouse geforscht, wo Tirole noch immer tätig ist. Die beiden Ökonomen haben mehrere Arbeiten zusammen verfasst. Rochet hält viel von seinem Kollegen, der gestern als dritter Franzose den Nobelpreis erhielt. «Sein Verständnis über verschiedene Teilgebiete hinweg ist enorm.»

Tatsächlich wäre die moderne Arbeitsweise von Kartellbehörden ohne Tiroles Vorarbeiten nicht denkbar. Diese stützen sich heute auf mathematische Modelle, um etwa die Wirkung einer Fusion abzuschätzen.

«Traditionell hat man vor allem auf den Preis geschaut», sagt Ökonom Rochet. Kostenberechnungen wurden angestellt, sodann wurden Preise genehmigt oder abgelehnt. Das Vorgehen ist begrenzt nützlich, weil Unternehmen typischerweise einen Informationsvorsprung gegenüber den Behörden haben. An seine Stelle sind komplexere, spieltheoretisch inspirierte Methoden getreten. Ein Beispiel einer verhinderten Fusion ist jene von Sunrise und Orange. Sie wurde 2010 von der Weko untersagt.

Zweiseitige Märkte

Die vielleicht überraschendste Schlussfolgerung aus der modernen Industrieökonomie ist indes eine andere: Selbst für Experten ist es im Voraus schwierig, abzuschätzen, ob ein Oligopol letztlich nützlich oder schädlich für die Wohlfahrt der Konsumenten ist.

Nichts zeigt dies deutlicher als das Feld der sogenannt zweiseitigen Märkte, das Rochet und Tirole in den Nullerjahren beackert haben. Social-Media-Portale sind ein Beispiel dafür. Sie agieren auf zwei Seiten: Einerseits wird um Nutzer und andererseits um Werbekunden gebuhlt. Wäre Facebook ein traditioneller Monopolist, so hätte die Firma vermutlich längst begonnen, Nutzungsgebühren zu erheben, um maximalen Profit abzuschöpfen. Dank dem Geld aus den Werbeklicks braucht Facebook dies aber nicht zu tun. Ein klassisches Problem aus Sicht des Konsumentenschutzes ist Facebook damit nicht.

Oder doch? Ändert es etwas, wenn Facebook seine finanzielle Macht ausnutzt, um sich Konkurrenten wie Whatsapp durch einen Aufkauf vom Leibe zu halten? Schadet dies der Wohlfahrt?

Und was ist mit Google? Hat der Konzern die 2-Milliarden-Strafe, die im Raum steht, verdient? «Das Internetzeitalter stellt die Industrieökonomie vor neue Herausforderungen», sagt Jean-Charles Rochet. Für die Schwedische Akademie bedeutet dies wohl, dass in einigen Jahren erneut ein Nobelpreis fällig wird – für Jean Tiroles Nachfolger, der das Internetproblem vollständig löst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2014, 17:43 Uhr

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