Der Kampf nach dem Boxkampf

Mayweather gegen Pacquiao ist Geschichte. Jetzt wird um Urheberrechte gestritten: Hunderttausende verfolgten das Spektakel an ihren Handys und Tablets – ohne dafür zu bezahlen.

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Es ist der umsatzstärkste Boxkampf aller Zeiten: 400 Millionen Dollar sollen die Veranstalter HBO und CBS/Showtime allein mit Pay-per-View eingenommen haben, als Floyd Mayweather Manny Pacquiao am Wochenende in einem spektakulären Kampf über zwölf Runden besiegte. Der bisherige Rekord steht bei 150 Millionen Dollar – damals boxte Mayweather gegen Saul Alvarez, das ist anderthalb Jahre her (siehe auch Bildstrecke). Wer das Spektakel auf offiziellem Weg am TV verfolgen wollte, zahlte dafür 100 Dollar (das günstigste Ticket für die Halle kostete 1500 Dollar). Selbst wer bereits ein kostenpflichtiges Sportpaket bei einem Pay-TV-Anbieter abonniert hat, musste zusätzlich in die Tasche greifen.

Doch statt dem Pay-per-View-System zum Durchbruch zu verhelfen, wird der Kampf zum Triumph für die Piraterie: Zehntauschende von Menschen verfolgten die Keilerei nämlich an ihren Handys, Tablets oder Computern – ohne dafür zu bezahlen.

Neue Apps, neue Möglichkeiten

Dass kostenpflichtige Inhalte an den offiziellen Kanälen vorbei den Weg ins Internet finden, ist eigentlich nichts Neues. Dass die internationalen Medien sich dennoch überschlagen bei der Berichterstattung, liegt vor allem daran, dass dieses Mal neue Player im Spiel sind: sogenannte Streaming-Apps. Dienste wie Meerkat (zu Deutsch: Erdmännchen) oder Periscope verwandeln das Smartphone im Grunde in eine Webcam und übertragen das, was man gerade filmt, live ins Internet. Die Videos werden nirgends gespeichert, und wenn die Webcam ausgeschaltet wird, ist der Film auch nicht mehr verfügbar (ausser man speichert ihn zusätzlich ab, was bei Periscope möglich ist). Die Qualität ist je nach Stream stark schwankend.

Dutzende von zahlenden Boxfans haben ihr Vergnügen auf diese Art mit der Aussenwelt geteilt – und ihr TV-Bild per App live ins Internet übertragen, mindestens ein Zuschauer soll sogar live aus der Halle in Las Vegas gefilmt haben. 10'000 Zuschauer verfolgen dabei zeitweise einen einzigen Stream, schreibt Rich Greenfield, Telecomanalyst bei der US-Marktforschungsfirma BTIG.

Meerkat ist eine unabhängige App, Periscope gehört dem Kurznachrichtendienst Twitter. Beide Dienste gibt es erst seit einigen Wochen – sie erfreuen sich allerdings einer stark steigenden Beliebtheit. Twitter erklärte jüngst bei der Präsentation seines Quartalsergebnisses, dass das Programm in den ersten 10 Tagen etwa 1 Million Mal heruntergeladen worden sei. Vom britischen Dienst Meerkat sind keine aktuellen Zahlen bekannt. Er war zwar als Erster auf dem Markt und löste den Hype rund um das persönliche Live-Streaming überhaupt erst aus, gerät aber immer mehr ins Hintertreffen.

Jeder wird zum potenziellen Piraten

Den Hollywood-Studios und TV-Kanälen wie HBO ist es egal, ob nun Meerkat oder Periscope aktuell die Nase vorn hat. Was ihnen Sorgen bereitet, sind die Funktionalität und die plötzliche Popularität, die sie dem Live-Streaming verschaffen. Grundsätzlich hätte man den Boxkampf nämlich auch mit einer Webcam abfilmen und ins Internet stellen können. Technisch ist das aber deutlich aufwendiger. Mit den beiden neuen Apps wird jeder Smartphone-Besitzer zum potenziellen Piraten. Im Gegensatz zur Schweiz, wo das Streaming oder der Download von urheberrechtlich geschützten Inhalten für den privaten Gebrauch legal ist, verstösst dies in den USA und Europa gegen das Gesetz.

Kommt hinzu, dass die üblichen Taktiken der mächtigen amerikanischen Studios nicht greifen. Bis ihre Abmahnungen bei den Plattformen eintreffen und bearbeitet werden, sind die Veranstaltungen bereits vorbei, die Streams beendet, die Urheberrechtssünder abgetaucht. Zwar ermahnen Periscope und Meerkat die Nutzer in ihren Richtlinien, Urheberrechte zu respektieren und keine verbotenen Inhalte zu übertragen. Um das aktiv durchzusetzen, brauchte es allerdings einen Mechanismus, der aktiv urheberrechtlich geschützte Inhalte erkennt – und das ist bislang nicht der Fall.

Abmahnungen nach Staffelstart von «Game of Thrones»

Wie ernst die amerikanische Filmindustrie die neue Bedrohung nimmt, sieht man am Beispiel von HBO. Der Pay-TV-Kanal hat vor einigen Wochen schon einmal schlechte Erfahrungen mit Periscope gemacht, als die neue Staffel der Serie «Game of Thrones» startete. HBO reagierte darauf mit Abmahnungen und forderte Periscope auf, die Streams zu entfernen. Ein Vorgehen, das eigentlich nicht zur Strategie des HBO-Mutterkonzerns Time Warner passt. Dessen Chef Jeff Bewkes bezeichnete Onlinepiraterie einst publikumswirksam als beste Form der Gratiswerbung – «besser noch als ein Emmy».

Ein weiteres Indiz dafür, dass Periscope und Meerkat gerade die geballte Wut von Hollywood auf sich ziehen, ist die Reaktion auf einen Tweet, den Twitter-Chef Dick Costolo nach dem Kampf absetzte:

Übersetzt: «Und der Gewinner ist… Periscope!» Sowohl Twitter-Investor Chris Sacca wie auch Periscope-Chef Kayvon Beykpour beeilten sich zu erklären, dass sich Costolo damit nur auf die offizielle Nutzung von Periscope in der Berichterstattung rund um den Event bezogen habe. So hat HBO vor dem Event selbst Periscope genutzt, um Bilder aus der Kabine von Manny Pacquiao live ins Internet zu übertragen. Beykpour erklärte sogar, dass er während des Events selbst dafür gesorgt habe, dass illegale Streams entfernt würden. Und tatsächlich gibt es Leute, die berichten, dass ihre Übertragung mit Verweis auf das Urheberrecht abgeklemmt wurde. Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie Periscope und Meerkat in Zukunft mit solchen kostenpflichtigen Live-Events umgehen wollen. Sämtliche Streams von Hand zu entfernen, dürfte keine Option sein. Zumindest am Wochenende hat das nicht geklappt, wie dieser Nutzer hier berichtet: «Ich habe keine Sekunde verpasst.»

Erstellt: 05.05.2015, 18:57 Uhr

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