Der Nationalbank droht der Fluch des Midas

Das Anliegen der Goldinitiative klingt gut, würde der Nationalbank aber schaden. Muss sie allzu starre Regeln befolgen, kann sie nicht mehr zum Wohl der Volkswirtschaft handeln.

Nicht alles, was glänzt, ist gut: Goldreserven der Zürcher Kantonalbank. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Nicht alles, was glänzt, ist gut: Goldreserven der Zürcher Kantonalbank. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Eine griechische Sage erzählt die Geschichte des Königs Midas, der dem Gott Dionysos einen verheerenden Wunsch vorträgt. Alles, was er berührt, soll sich in Gold verwandeln. Dionysos erfüllt ihm das Begehren, und berauscht vom Glück, schafft sich Midas eine goldene Umwelt. Doch dann kommt das böse Erwachen. Am Abend zu Tisch verwandeln sich auch Brot, Käse und Wein zu hartem Gold. Verzweifelt greift Midas nach seiner Tochter, die augenblicklich erstarrt und glänzend und glitzernd leblos neben ihm sitzt. Die neue Gabe, die sich als Fluch erweist, hat Midas um sein Allerliebstes gebracht.

Ähnlich wie dem antiken König wird es der Schweizerischen Nationalbank ergehen, wenn die Stimmbürger am 30. November der Goldinitiative aus Kreisen der SVP und der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) zustimmen. Auf den ersten Blick sieht die Forderung verlockend, ja bestechend aus. Die Nationalbank soll mindestens einen Anteil von 20 Prozent ihrer Anlagen in Gold halten und einst gekauftes Gold nicht mehr veräussern dürfen. Der Grund: Gold sei seit Jahrhunderten ein bewährtes Zahlungsmittel, das im Gegensatz zu Papiergeld oder Aktien oder Obligationen nie seinen vollen Wert verlieren könne. Wer besässe also nicht gerne möglichst viel Gold?

Problem des teuren Frankens

Doch nur schon ein Blick auf die kurzfristigen Auswirkungen zeigt, wie verheerend sich eine starre Goldregel auswirken könnte. Die grösste Herausforderung der Nationalbank besteht derzeit darin, eine Verteuerung des Frankens zu verhindern. Um den einst unaufhaltsamen Trend nach oben zu brechen, kaufte sie in grossem Umfang fremde Währungen auf. Später definierte sie das Ziel eines untersten Wechselkurses von 1.20 Franken pro Euro. Die Spekulanten, die auf einen steigenden Franken gewettet hatten, erkannten, dass die Nationalbank entschieden dagegen antritt. Das entmutigte sie. Der spekulative Kauf von Franken nahm wieder ab.

Müsste die Nationalbank nun stets 20 Prozent ihrer Bilanz in Gold halten, würde ein entschiedenes Auftreten auf den Währungsmärkten stark erschwert. Die Spekulanten wüssten, dass die Zentralbank bei Stützkäufen zusätzlich Gold zu erwerben hätte. Ihre Bilanz würde noch grösser, als sie es heute schon ist. Hinzu käme, dass die Nationalbanker durch ihre hohe Nachfrage den Goldpreis in die Höhe treiben würden. In diesem Umfeld würde der Anreiz zu neuen Wetten auf einen steigenden Franken grösser. Die Spekulanten hätten einen guten Grund zu hoffen, dass die Nationalbank die Wette nicht durchhalten kann.

Die Musik spielt nicht mehr

Auch die mittel- und längerfristigen Auswirkungen eines Ja wären negativ. Es liegt in der Natur der Nationalbank-Bilanz, dass diese stark zu- und abnehmen kann. Schliesslich ist es ihre zentrale Aufgabe, für stabile Preise und eine günstige Konjunktur zu sorgen. Droht der Markt zu schrumpfen, schafft sie neues Geld, indem sie die Zinsen senkt und damit die Nachfrage erhöht. Ist der Markt überhitzt, erhöht sie die Leitzinsen und bremst die Nachfrage. Ihr Spiel ist wie jenes der Handorgel, das Öffnen und Schliessen des Blasebalgs macht die Musik.

Müsste die Nationalbank nun jedes Mal, wenn sie ihre Bilanz ausdehnt, auch Gold anschaffen, würde sie in diesem Spiel eingeschränkt. Weil sie das Gold nicht mehr verkaufen dürfte, könnte sie ihre Bilanz nicht mehr beliebig kürzen. Über den Verlauf mehrerer Konjunkturzyklen würde die Goldmenge im Vergleich zu den übrigen Anlagen immer grösser. Irgendwann bestünde die Bilanz allein aus Gold. Ähnlich wie Midas wäre die Nationalbank handlungsunfähig, weil sie nichts mehr berühren könnte.

Die Folgen für die Volkswirtschaft wären verheerend. Droht eine hohe Inflation, könnte die Nationalbank die Geldmenge nicht mehr reduzieren. Rutschte das Land in eine Rezession ab, könnte sie die Märkte nicht mit Liquidität beatmen. Ein glückliches Ende wie in der Sage des Midas zeichnete sich nicht ab. In jener zeigt sich der Gott Dionysos gnädig auf das Bitten des Midas um Erlösung. Er schickt den König zum Fluss Paktolos, wo er sich den Zauber vom Körper waschen soll. Midas befolgt den Rat, taucht in die Wellen ein und wird befreit. Fortan fanden die Menschen in den Flüssen immer wieder einzelne Körner aus Gold. Es ist besser, etwas Gold zu haben, als ausschliesslich nur Gold.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2014, 22:38 Uhr

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