Der Schoggiboom macht Pause

Die Verkaufsmengen von Schokolade sinken weltweit – zum ersten Mal seit fünf Jahren. Warum Inder und auch Schweizer weniger davon essen.

Den Asiaten ist die Lust auf Schokolade vergangen.

Den Asiaten ist die Lust auf Schokolade vergangen. Bild: Kim Kyung Hoon/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schokolade war bisher ein fast sicheres Geschäft. Die Zahlen zeigten nur in eine Richtung: nach oben. Neue Kunden in neuen Märkten sorgten für einen ständig steigenden Absatz. Vor allem bei der rasch wachsenden Mittelklasse in Schwellenländern war die «kleine Sünde» immer mehr wert. In den letzten fünf Jahren stieg das weltweit verkaufte Schokoladenvolumen im Schnitt um fast 2 Prozent.

Das hat sich nun geändert. Bereits Ende letzten Jahres begann der Verbrauch zu sinken. Seither hat sich das Minus akzentuiert. Zwischen September 2014 und Mai 2015 wurden weltweit 2,1 Prozent weniger Schokolade verkauft, wie aktuelle Zahlen des Marktforschungsinstitutes Nielsen zeigen. Das entspricht etwa 67'000 Kilo.

Lustkiller Preis

Die Lust vergangen ist vor allem den Konsumenten in den bisherigen Wachstumsländern: Indien, China und Russland. Als Lustkiller geben Experten neben einer schwächelnden Weltwirtschaft vor allem die rekordhohen Kakaopreise an. «Die asiatischen Länder, China, Indien und auch die ehemalige Sowjetunion, mit einer rasch wachsenden Mittelklasse scheinen auf Preiserhöhungen besonders feinfühlig zu reagieren», schrieb jüngst der Rohstoffexperte der AWP, Hansjürg Saager.

Aktuell kostet eine Tonne Kakao 2156 britische Pfund (3164 Franken). Das sind 10 Prozent mehr als noch vor einem Jahr und liegt nur wenig unter dem Rekordniveau, welches der Preis letztes Jahr wegen der Ebola-Epidemie in Afrika erreicht hatte. Neben den Bohnen ist auch die Kakaobutter so teuer wie selten. Und auch weitere für die Schokoladenproduktion wichtige Rohstoffe wie Haselnüsse und Mandeln werden an den Börsen zu hohen Preisen gehandelt.

Als Folge davon haben Schokoladenhersteller die Preise erhöht. Der US-Fabrikant Hershey beispielsweise verteuerte seine Produkte um 8 Prozent. Der Schweizer Weltmarktproduzent Lindt & Sprüngli hat nach Preissteigerungen im letzten Jahr «auch im ersten Semester 2015 punktuelle Preisanpassungen auf selektive Produkte vornehmen müssen», sagt Sprecherin Nathalie Zagoda.

Weitere Verteuerung nicht ausgeschlossen

Auch in der Schweiz sind die Verkaufspreise von Schokolade gestiegen. Das Sortiment der Migros-Tochter Chocolat Frey hat sich um 5 Prozent verteuert seit 2014. Weitere Preiserhöhungen seien nicht ausgeschlossen, sagt Migros-Sprecherin Monika Weibel. Und auch Produkte wie Ragusa von Camille Bloch kosten in den Verkaufsregalen mehr.

Diese Preiserhöhungen haben sich auch hierzulande im Verbrauch niedergeschlagen. Auch hierzulande ist der Schoggikonsum rückläufig. Im vergangenen Jahr ist der Konsum um drei Tafeln pro Kopf auf 11,7 Kilogramm gesunken.

Über den Grund rätselt die Industrie. «Der Konsum schwankt über die lange Frist in einem engen Band von ungefähr 11 Kilo pro Kopf pro Jahr und 12,5 Kilo», sagt Urs Furrer, Direktor des Branchenverbands Chocosuisse. Bei der Schweizer Marktleaderin im Schokoladenbereich, der Migros, heisste es, dass auch die Gesundheitstrends diese Entwicklung unterstützten.

Und dass die Schweizer, zumindest in einem bestimmten Schokoladesegment, eben doch auf den Preis reagieren, zeigt sich in den Importzahlen. Diese nehmen 2005 kontinuierlich zu. Stammten vor 10 Jahren weniger als 30 Prozent der hierzulande verkauften Schoggi aus dem Ausland, sind es heute schon gegen 40 Prozent.

Unsichere Aussichten

Ob der jüngste Rückgang lediglich eine Delle oder eine Trendwende darstellt, darüber sind sich Marktteilnehmer uneins. Während einige Marktteilnehmer von anhaltend hohen Kakao- und anderen Rohstoffpreisen ausgehen, rechnet Schokoladenhersteller Barry Callebaut mit tieferen Marktpreisen. Das Zürcher Unternehmen beliefert andere Schoggiproduzenten mit Halbfabrikaten. «Wir bewerten die aktuellen Kakaopreise als eher hoch», sagt Sprecher Raphael Wermuth. Dies vor allem wegen guter Ernteprognosen. «Wir erwarten, dass die aktuelle Ernte ein leichtes Überangebot bringen wird», so Wermuth. Die Befürchtungen anderer Experten, dass der Markt weiterhin an Knappheit leiden wird, nachdem das Kakaoproduktionsland Ghana seine aktuelle Ernteprognose um 100'000 auf 750'000 Tonnen reduziert hat, teilt Barry Callebaut nicht. «Ghana hat keine strukturellen, sondern temporäre Schwierigkeiten», so Wermuth.

Mit der Normalisierung der Preise werde auch der Konsum wieder steigen, ist man bei Barry Callebaut überzeugt – auf das gewohnte Niveau von ein bis zwei Prozent pro Jahr.

Erstellt: 08.07.2015, 14:01 Uhr

Artikel zum Thema

Barry Callebaut verkauft mehr Schokolade

Der Umsatz des weltgrössten Schokoladen- und Kakaoherstellers Barry Callebaut ist um 22 Prozent in die Höhe geschnellt. Wer dafür vor allem verantwortlich ist. Mehr...

Schweizer essen immer mehr Schokolade aus dem Ausland

In den letzten 15 Jahren hat sich der Konsum von ausländischer Schokolade in der Schweiz beinahe verdoppelt. Mehr...

Eine harte Nuss für die Schokoladehersteller

Wegen einer Missernte in der Türkei sind Haselnüsse 60 Prozent teurer geworden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Touristenmagnet: Ein amerikanischer Oldtimer fährt die Malecon in Havanna entlang. (25. März 2019)
(Bild: Phil Noble) Mehr...