Der Sündenbock der Finanzkrise

Einst viel gepriesen, werden strukturierte Produkte heute vielerorts verteufelt – trotzdem weiter gekauft.

Schrottpapiere. An den Börsen wird die Vergangenheit beseitigt - bekommen Finanzpapiere nun eine zweite Chance?

Schrottpapiere. An den Börsen wird die Vergangenheit beseitigt - bekommen Finanzpapiere nun eine zweite Chance? Bild: Keystone

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Verbriefte Hypotheken, Zweckgesellschaften oder toxische Papiere. Diese Worte wecken seit der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers mehrheitlich negative Assoziationen. Der einst boomende Markt für strukturierte Produkte – kurz Struki – erlebte einen dramatischen Einschnitt. Ein Grund dafür ist, dass man bis zur Lehman-Pleite das sogenannte Emittentenrisiko, das Risiko, dass der Herausgeber von Produkten Konkurs geht, nicht berücksichtigt hatte. Die Folgen waren fatal. Als wie «sicher» gewisse Papiere auch verkauft wurden, durch den Ausfall des Herausgebers waren sie Schrott.Das Wort «Kapitalschutz» musste plötzlich kritisch hinterfragt werden. Durch die weltweite Vernetzung der Finanzmärkte mussten überall Wertberichtigungen vorgenommen werden.

Doch trotz dem fatalen Imageverlust wurden vergangenes Jahr über die Schweizer Börse für strukturierte Produkte Scoach rund 50 Milliarden Franken umgesetzt. 2007, vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, erreichten die Umsätze an die 75 Milliarden Franken. Damit ist die Derivatebörse Scoach eine der grössten ihrer Art weltweit. Ein Grund für die vielleicht nicht mehr so hohe, aber immer noch respektable Nachfrage nach Strukis ist, dass diese Anlageklasse viele Vorteile bringt, die gerade in Zeiten wie diesen sehr nützlich sein können.

Viele Anlagemöglichkeiten

So kann man mit strukturierten Produkten auf fast alles setzen. Auch auf Dinge, für die es sonst keinen Markt gibt. Nicht nur Aktien, Obligationen, Währungen oder Rohstoffe, auch Indizes, Zinsen oder sogar Volatilität und das Wetter sind einige der vielen Möglichkeiten. Entgegen anderen Anlageklassen hat man mit dem Struki für alle Markterwartungen ein Instrument, um zu investieren.

Einige Besipiele: Geht man von steigenden Aktienpreisen aus, kann man mit Hebelprodukten überproportional am Kursgewinn partizipieren; will man sein Geld sicher parkieren, kann man Kapitalschutzprodukte kaufen. Bei seitwärts tendierenden Märkten empfehlen sich Renditeoptimierungsprodukte. Ein solches Renditeoptimierungsprodukt ist der Barrier Reverse Convertible. Der Barrier Reverse Convertible, in Fachkreisen kurz BRC genannt, ist das beliebteste strukturierte Produkt auf dem Schweizer Markt.

Fixierte Laufzeit

Der BRC hat eine fixierte Laufzeit, während der der Anleger das Papier hält. Entschädigt wird der Investor, ähnlich einer Obligation, mit einem fixen Coupon oder Zins und der Rückzahlung seines Kapitals zum Ende der Laufzeit.

Der BRC ist ein Finanzkonstrukt, das sich an einem Basiswert orientiert, beispielsweise eine Aktie. Das Wort Barrier, zu Deutsch Barriere, gibt diesem Produkt seinen Charakter: Unterschreitet der Basiswert, also die Aktie, während der vorab definierten Laufzeit die Barriere oder den Grenzkurs, erhält der Anleger anstatt der Rückzahlung des eingesetzten Kapitals eine Lieferung von Aktien zum Marktwert. In jedem Fall aber erhält er den Coupon.

Adrenalin langsam abgebaut

Christian Reuss, Geschäftsführer von Scoach Schweiz, kann nicht nachvollziehen, dass die strukturierten Produkte als «Schwarzer Peter» dargestellt werden. Alle anderen Anlageklassen, beispielsweise Geldmarktfonds, erleiden ebenfalls Umsatzeinbrüche, nur werde dies viel seltener thematisiert. Was die Anlegerschaft zurzeit von Investitionen abhalte, seien die Ermüdung und Orientierungslosigkeit. Die Quote an Bargeldhaltung sei noch selten so hoch gewesen, meint Reuss. Eine Krise sei wie ein Ausnahmezustand, ­Adrenalin werde freigesetzt, die Umsätze an den Börsen schiessen in die Höhe.

Dieses Börenparadoxon war insbesondere an den Tagen nach Fukushima oder der Bonitätsabstufung der USA zu beobachten. Aber wenn Adrenalin zu lange im Blut ist, so wie es die anhaltende Krisenstimmung verursacht, macht das auf Dauer müde: «Das Adrenalin ist langsam abgebaut», so Reuss.

Daniel Manser, unter anderem Chefredaktor des führenden Schweizer Magazins für strukturierte Produkte «Payoff» und des gleichnamigen Internetportals, stört sich daran, dass strukturierte Produkte automatisch mit hohem Risiko und Spekulation verbunden werden. Ironischerweise sei es gerade umgekehrt: Mit keiner anderen Anlageklasse könne ein Anlagewunsch so gezielt umgesetzt werden, denn für jede Markterwartung und jedes Risiko gebe es die passende Anlagemöglichkeit.

Nur das kaufen, was man versteht

Man habe in den letzten Jahren viel unternommen, um die Anleger zu schützen und für mehr Transparenz zu sorgen. Durch Kennzahlen können Risiken numerisch dargestellt werden, weiter existiere die vom Schweizerischen Verband für strukturierte Produkte (SVSP) herausgegebene Swiss Derivative Map – eine Kategorisierung der gängigsten Produkte in deren Risikokategorie. Auf der Website des SVSP könne man sich auch einem Wissenstest unterziehen.

«Man soll sich nur das kaufen, was man auch versteht», meint Manser. «Im Vordergrund steht das Anlegen und nicht die Spekulation.» Was weder Reuss noch Manser begrüssen, ist das in Belgien geplante Verkaufsmoratorium für strukturierte Produkte. Wird ein Produkt in Belgien als «übermässig komplex» eingestuft, ist dessen Verkauf an Privatanleger verboten.

Keine Rendite ohne Risiko

«Man kann Komplexität nicht regulieren, da sie subjektiv wahrgenommen wird», kritisiert Reuss und setzt dabei auf die Eigenverantwortung der Anleger. Voreilige Regulierungsbemühungen seien häufig gefährlich, da die Gefahr einer Überregulierung bestehe. Gerade der Markt für gehandelte Optionen (Warrants) in Korea, welcher aufgrund von Regulierungen an Bedeutung verloren hat, biete dazu ein aktuelles Beispiel. In Bezug auf Belgien kann Reuss nicht verstehen, weshalb Produkte, die sich vom Goldpreis ableiten, für Privatanleger erlaubt, jedoch Produkte auf Silber verboten werden sollten. Manser zufolge reduziere eine verschärfte Regulierung nicht nur die Risiken, sondern nehme den Anlegern auch ihre Chancen. Anlegen sei wie Autofahren, man solle es lernen und nicht verbieten.

Als Alternative für die Schweiz könnte sich Manser eine zwingende Fachberatung durch die Banken vorstellen. Die goldene Regel dabei: «Ein hohes Renditeversprechen ist immer gepaart mit hohen Risiken.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.10.2012, 11:57 Uhr

Strukturierte Produkte

Ein strukturiertes Finanzprodukt ist ein Produkt, bei dem Finanzanlagen, wie beispielsweise Obligationen oder Aktien, mit Derivaten kombiniert und in einem Wertpapier verbrieft werden. Derivate sind meist Optionen und leiten sich von einem anderen Wert ab.

Plane ich beispielsweise für den nächsten Sommer eine Reise und kaufe schon heute bei der Fluggesellschaft das Recht, um für einen fixen Betrag zu fliegen, so wurde ich Besitzer einer Kaufoption auf ein Flugticket. Komme ich nächsten Sommer an den Flughafen und stelle fest, dass der Flugpreis teurer wurde, übe ich meine Option aus: Ich bezahle den abgemachten Betrag.

Ist aber der Flugpreis günstiger geworden, bezahle ich den normalen Flugpreis und lasse die Option verfallen. Optionen werden auch an der Börse auf alle möglichen Basiswerte (in unserem Beispiel den Flugpreis) gehandelt.

Die Konstruktion solcher Produkte ermöglicht es, unzählig verschiedene Börsenszenarien als Anlagechance nutzen zu können. Man kann so sogar auf fallende Kurse setzen. (hug)

Szenetreff in Zürich

Am 24. und 25. Oktober findet in Zürich die Messe für strukturierte Produkte statt. Präsentiert werden Trends und die Einsatzmöglichkeiten der Produkte –ganz nach dem Messemotto: «Ent­decken Sie das Pozential.» Eröffnet wird die Messe durch Rohstoffguru und Buchautor Jim Rogers.

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