Der blinde Fleck im Leben des neuen Raiffeisen-Präsidenten

Die Rolle von Guy Lachappelle beim ASE-Anlagebetrug ist bis heute ungeklärt.

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Eines kann man dem designierten Präsidenten der Raiffeisen-Gruppe nicht absprechen: Krisenerfahrung. Rund 160 Millionen Franken an Bussengeldern und Vergleichszahlungen zahlte Guy Lachappelle in seiner Amtszeit als Chef der Basler Kantonalbank (BKB).

Als Lachappelle Ende 2012 Chef wurde, erst interimsmässig, drei Monate später definitiv, brannte es an allen Ecken und Enden. Brandherd Nummer eins lag in Zürich, wo die BKB von 1996 bis 2013 eine Filiale betrieb. Mit aggressivem Private Banking und durch hohe Boni motivierte Mitarbeitern wollte man es den Zürchern zeigen. Ähnlich wie die Zürcher Kantonalbank konnte die BKB der Versuchung nicht widerstehen: Sie versuchte, mit ehemaligen UBS-Kunden aus den USA ein Geschäft zu machen.

Die Folge: Die BKB war eine der zwölf Banken, die wegen Beihilfe zum Steuerbetrug ins Visier der USA gerieten. Erst kürzlich zahlte sie dafür 60 Millionen Franken. Und in Deutschland war sie eine der ersten Banken, die eine Busse zahlen mussten.

Hinzu kamen der Betrugsfall ASE, eine Art Schweizer Fall Madoff im Kleinformat mit einer Schadenssumme von 170 Millionen Franken, sowie zwei Kursmanipulationen: Zwischen Januar 2009 und Ende September 2012 wurde der Börsenkurs der BKB-Partizipationsscheine manipuliert – ein schwerer Verstoss gegen die Standesregeln. Bei der Bank Coop, einer Tochtergesellschaft der BKB, passierte Ähnliches. Dort wurde zwischen 2009 und 2013 der Kurs der eigenen Inhaberaktien manipuliert. Für Letzteres war allerdings der Tatort in Basel.

«Hallo – haben wir diese Position noch im Griff?»

Als dies nach und nach herauskam, mussten Präsident und Bankchef gehen. So kam Lachappelle an die Macht. Während er bei den Kursmanipulationen und beim US-Geschäft nie persönlich in die Schlagzeilen geriet, ist das beim gross angelegten Anlagebetrug rund um die Firma ASE Investment, dem dritten Skandal in der jüngeren BKB-Geschichte, anders.

Die ASE war eine externe Vermögensverwalterin und lockte ihre Kunden mit Renditeversprechen von bis zu 18 Prozent. Depotbank war die BKB. Die ASE hatte die Vollmacht über die Konten – und schickte ihren Kunden manipulierte Auszüge mit satten Gewinnen.

Das ging gut, bis ein Kunde der BKB merkte, dass die Abrechnung der Bank und jene von ASE nicht übereinstimmten. Die BKB zahlte später in einem Vergleich über 50 Millionen Franken.

Guy Lachappelles Name kommt im Bericht der Kanzlei Bär & Karrergleich dutzendfach vor.

Aufgearbeitet wurde die ASE-Affäre BKB-intern durch die Anwälte der Kanzlei Bär & Karrer. Sie führten eine Untersuchung durch, deren zusammengefasste Erkenntnisse bis heute im Internet zu finden sind. Die vollständige Version des Berichts mit den Namen der Verantwortlichen hielt die BKB jedoch stets zurück, gegenüber der Aufsicht wie auch gegenüber den Gerichten. Und vor allem gegenüber jenen Gläubigern, die noch immer auf ihr Geld warten.

Vor zwei Jahren veröffentlichte der «Tages-Anzeiger» erstmals Auszüge aus dem Dokument. Es zeigt sich, dass Guy Lachappelles Name darin gleich dutzendfach vorkommt. Als er im Oktober 2010 in die Konzernleitung berufen wurde, begann seine Beschäftigung mit der ASE. Lachappelle hatte keine direkte Weisungsbefugnis gegenüber Zürich, verfügte aber als Mitglied des Kreditausschusses der Geschäftsleitung über indirekten Einfluss.

Dem Ausschuss gehörten zwei Leute an: Hans Rudolf Matter, der damalige Bankchef, der nach dem ASE-Zusammenbruch sein Amt niederlegte, und Lachappelle. Noch im Oktober schrieb er einem Teamleiter der Zürcher Filiale: «Hallo – haben wir diese Position noch im Griff, oder aber läuft diese aus dem Ruder? Sind sich die Kunden überhaupt und insbesondere nachweislich über ihre Positionen bewusst, ansonsten wir hier nebst dem Verlustrisiko ein enormes Reputationsrisiko fahren?» Trotzdem passierte eineinhalb Jahre nichts.

«Der Verantwortung nicht ausreichend nachgekommen»

Anwälte von Bär & Karrer kritisieren denn auch in ihrem Bericht, die Mitglieder des Kreditausschusses seien ihrer «Oberverantwortung für die Einhaltung der Compliance nicht in ausreichendem Umfang nachgekommen». Weitere Details kennt man nicht. Was genau zu diesem Schluss führte, weiss man bis heute nicht.

Der Bericht bleibt bis heute der blinde Fleck in Lachappelles Leben. Er wurde in dieser Angelegenheit auch von der Staatsanwaltschaft Zürich verhört. Sie stellte ihm 219 Fragen; vor allem ging es darum, warum nach den ersten Anfragen nichts mehr passierte. 34-mal antwortete Lachappelle mit «Weiss ich nicht», 28-mal mit «Nein». Er kam damit durch, an ihm blieb nichts hängen. Doch ein Versprechen für Transparenz bei der Aufarbeitung der zahlreichen Affären bei der Raiffeisen ist das nicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.09.2018, 12:46 Uhr

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