Der grosse Zürcher Taxikrieg

Der Fahrdienst Uber bringt Zürcher Taxis mit Tiefpreisen in Bedrängnis. Der Letzte, der in diesem Ausmass am Zürcher Tarifgefüge gerüttelt hat, war Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler – 1951.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und seine Taxis: Das Migros-Magazin hat am 11. Oktober 2010 ein Bild aus dem Archiv ausgegraben.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und seine Taxis: Das Migros-Magazin hat am 11. Oktober 2010 ein Bild aus dem Archiv ausgegraben. Bild: Ausriss Migros Magazin

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Die Empörung der Zürcher Taxifahrer ist riesig. Da will sie einer mit einer grossen Maschinerie im Rücken auf ihrem Heimterrain angreifen und ihnen mit Dumpingpreisen den Markt kaputt und die Kunden abspenstig machen. Einer, der sich nicht an die Regeln hält.

Die Rede ist nicht vom amerikanischen Fahrdienst Uber, der mit Kapital des Internetriesen Google auch in Zürich expandiert und bis zu 40 Prozent günstiger ist als ein herkömmliches Taxi. Und wir schreiben auch nicht das Jahr 2014. Nein. Es ist Juli 1951, als der grosse Zürcher Taxikrieg beginnt.

Am Anfang steht eine Wahlveranstaltung

Am Anfang steht eine Wahlveranstaltung. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler wirbt für seine Wiederwahl in den Ständerat – und lanciert ein aufsehenerregendes Projekt: Sein Ziel ist es, das Zürcher Taxiwesen zu revolutionieren. Dazu will er 100 neue, leuchtend gelbe Taxis anschaffen und zu 40 Prozent günstiger betreiben als die Konkurrenz. Seine Motivation: Das Taxi soll ein erschwingliches Transportmittel für alle werden. Nicht nur «der kleine Mann der Strasse, der mit seiner Alten nach dem Kino nach Hause fährt, sondern auch der Gewerbetreibende, der Arzt und der Rechtsanwalt haben ein Interesse an billigen Taxis», wird Dutti in der NZZ zitiert. Und: «Die eigenen Wagen würden zu Hause gelassen, so dass der Parkierungskalamität im Stadtinnern begegnet wird.»

Die Taxiunternehmer sind schockiert und streuen die Befürchtung, mit derart tiefen Preisen würden mittelständische Taxiunternehmer zerstört. Der Präsident des Taxichauffeur-Verbandes erklärte, es wäre «bei der heutigen Verkehrssituation in Zürich nicht zu verantworten, noch mehr Taxis auf die Strasse zu bringen».

Die heftige Reaktion der Taxiunternehmer

Der Ärger schlägt schnell in Aktivismus um. Am 6. August 1951 lancieren die Taxifirmen ihren Gegenschlag: mit 50 neuen blau-weissen Taxis – in Kontrast zu den gelben, die Duttweiler angekündigt hat – und fast so günstigen Tarifen. Sie senken die Grundtaxe von 1.50 Franken auf 1 Franken und den Kilometerpreis auf 50 bis 70 Rappen – 50 Rappen für einen Passagier, 60 Rappen für bis zu 4 Passagiere oder 70 Rappen in der Nacht. Auf der durchschnittlichen Fahrstrecke von 2,3 Kilometern wären die blau-weissen Taxis damit nur 23 Rappen teurer als die gelben – rund 25 Prozent. Gleichzeitig werben die Taxiunternehmen, wären ihre «amerikanischen Wagen» deutlich komfortabler als die engen britischen Autos der Marke Vauxhall, die Duttweiler in Aussicht stellt.

Am 23. August schreibt die NZZ: «Es ist heute noch nicht sicher, ob die Zürcher den Kampf der ‹blauen› gegen die ‹gelben› Kleintaxis, von dem seit einigen Wochen so intensiv die Rede ist, wirklich auch erleben werden.» Sicher sei einzig, dass die blauen am 1. September starten. Duttweilers gelbe Taxis dürften erst ein bis anderthalb Monate später den Wettbewerb aufnehmen. «Es scheint uns nicht ganz ausgeschlossen, dass Duttweiler angesichts der energischen und geschlossenen Gegenaktion der Taxihalter sein gegenwärtiges Steckenpferd, den ‹Taxitürgg›, von einem Tag auf den anderen preisgibt.»

Taxichauffeure sind besorgt

Die Zeitung liegt falsch. Zwar bietet Duttweiler den Taxiunternehmen die Hälfte seiner Bestellung von 100 Vauxhall-Taxis zum Kauf an – für 8000 Franken das Stück –, aber er hält trotzdem an seinem Plan fest. Die NZZ schreibt, die gewerkschaftlich organisierten Taxichauffeure beobachteten diesen «Taxikrieg» mit wachsendem Unbehagen – «betrachten sie ihn doch vor allem als Preiskampf zwischen Duttweiler und den Taxihaltern, der für sie mit einer Schmälerung ihres Einkommens endigen könnte».

Am 22. Oktober startet Duttweiler – vorerst mit 11 gelben Taxis und einem Wochenende mit Gratisfahrten. Die NZZ kommentiert: «Für die anwesenden Journalisten, die nun bei den Chauffeuren placiert wurden, um die nicht schwer vorauszusehenden Reaktionen des Publikums studieren zu können, war diese ständerätliche Manifestation ein Signal, die Pressekonferenz als einen recht leichten Stoff der Berichterstattung zu betrachten und ihn rein feuilletonistisch zu behandeln.»

40 Taxis und ein Nichtangriffspakt mit Basel

Zwei Jahre später fahren immerhin 40 gelbe Taxis auf Zürichs Strassen. Die übrigen Autos konnte Duttweiler nach Basel verkaufen. Dort hatte die pure Androhung seines Markteintritts ebenfalls zu massiven Preissenkungen geführt – worauf sich der Migros-Gründer von einem Nichtangriffspakt überzeugen liess.

Erstellt: 02.07.2014, 17:25 Uhr

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