Der harte Kampf der Schweizer Hotels gegen Booking.com

Mit einer eigenen Plattform wollen Hoteliers ihren Marktanteil am Online-Buchungsgeschäft vergrössern.

Übernachtungen buchen schweizweit noch immer 57 Prozent der Gäste direkt beim Hotel.<br />Foto: Alamy

Übernachtungen buchen schweizweit noch immer 57 Prozent der Gäste direkt beim Hotel.
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Eine Dreiviertelmillion sollte es richten. Mit rund 750'000 Franken baute die Schweizer Tourismusindustrie vor fünf Jahren eine neue Buchungsmaschine. Dank der technologischen Aufrüstung sollten Touristen aus aller Welt künftig einfacher und schneller Zimmer in Schweizer Hotels reservieren können. Die hiesige Branche wollte damit fremde Zwischenhändler ausschalten, welche die ohnehin oftmals schon hauchdünne Marge noch weiter schmälern.

Vor zwei Jahren wurde der Kampf verschärft. Swiss Travel Centre – ein Gemeinschaftsunternehmen des Verbandes Hotelleriesuisse, der Landesorganisation Schweiz Tourismus und der SBB – schaltete im November 2014 ein eigenes Buchungsportal auf. Swisshotels.com basiert auf der neuen Technik. Das Ziel des neuen Angebots war klar: Statt bei Booking.com, Expedia und Co. sollten Araber, Chinesen oder Deutsche künftig über die hiesige Plattform buchen.

Weit weg vom Ziel

Die Buchungsportale sind im Tourismus innerhalb von zwanzig Jahren zur Grossmacht geworden. Rund ein Viertel aller Buchungen von Schweizer Hotels werden heute über Onlineanbieter getätigt – Tendenz stark steigend. Von diesem Kuchen schneidet sich die niederländische Booking.com ein 70-Prozent-Stück ab.

Diese Dominanz ist für die Schweizer Hotels ein Segen. Denn die Portale bringen ihnen Gäste, die sie sonst nie erreichen könnten, und so zusätzlichen Umsatz. Sie ist aber auch ein Fluch. Denn die Buchungsvermittler verlangen von Hotels hohe Kommissionen. Im Schnitt müssen sie 15 Prozent abliefern. Zudem enthalten die Verträge mit den Portalen restriktive Klauseln. Selbst auf ihrer eigenen Webseite dürfen die Gasthäuser keine günstigeren Tarife offerieren.

«Realistisch sein»

Swisshotels.com sollte aus diesem Dilemma ein Ausweg sein. Zusammen mit den auf der gleichen Technik basierenden Partnerangeboten wie Myswitzerland.com, SBB oder Ticino.ch wollte die helvetische Tourismusbranche auf einen Marktanteil von 10 Prozent kommen. Davon ist sie noch meilenweit entfernt. Gemäss einer Studie der Fachhochschule Westschweiz Wallis von 2015 erreichen sie bislang gerade mal 1,5 Prozent. Über die letzten 12 Monate wurden über die nationalen Onlineangebote 38 759 Buchungen getätigt.

Bei Swiss Travel Centre weiss man das inzwischen. «Wir müssen realistisch sein. Wir kämpfen mit Zahnstochern gegen eine Armee», sagt Geschäftsführer Michael Maeder. Er hat ein Gesamtbudget von rund 70 Millionen Franken. Booking.com gibt allein für das Marketing jährlich 3 Milliarden aus. Damit sichert sich das Portal Topplatzierungen bei Suchen nach konkreten Hotels bei Google.

Maeder versucht es deshalb mit Überzeugungsarbeit. Er will den Hoteliers zwischen Genf und Samnaun besser aufzeigen, was ihnen eine Bevorzugung der helvetischen Portale bringt. «Unser Vorteil ist, dass wir tiefere Kommissionen bieten», argumentiert er. Statt 15 Prozent wie bei den Grossen müssen sie nur 10 Prozent abgeben. «Zudem bewerben wir das gesamte Paket Schweiz, nicht nur die Übernachtung im Hotel.»

Nationales Gratisportal

Maeder weiss aber, dass es mehr braucht. Auch die Gäste müssen begreifen, dass eine Buchung bei Swisshotels.com Vorteile hat. «Es braucht bessere Preise.» Man habe zwar nach anfänglichen Problemen gut hingekriegt, dass die Tarife gleich gut sind wie auf den anderen Portalen. «Besser wäre es aber, wenn wir billiger wären», sagt Mäder. Dass Hotels bei Booking.com aussteigen, sei aber kein Ziel. «Dafür ist der Kanal zu wichtig.»

Solange will die Politik nicht warten. CVP-Ständerat Pirmin Bischof kämpft mit einer Motion gegen «Knebelverträge der Online-Buchungsplattformen». Ziel ist es, die restriktiven Vorschriften von Booking.com und Co. zu verbieten. SP-Nationalrätin Silva Semadeni setzt auf eine andere Waffe. Sie will, dass der Bundesrat ein kommissionsfreies nationales Buchungsportal prüft. «Das könnte auf Swisshotels.com basieren», so die Bündner SP-Frau. Tourismuswerbung werde schliesslich auch unterstützt.

Vielleicht beruhigt Politik und Hoteliers aber auch ein Blick in die Zahlen: Noch immer buchen schweizweit 57 Prozent der Gäste direkt beim Hotel.


Streitpunkt «Knebelverträge»
Was Booking.com zum Vorstoss der Ständeräte sagt

Vor wenigen Tagen berichtete der TA über einen Vorstoss von 20 Ständeräten. Sie wollen gemeinsam gegen die «Knebelverträge» von Hotelbuchungsplattformen vorgehen. Kritisiert wird dabei besonders die Preisparitätsklausel. Mit ihr verbieten es die Plattformen den Hotels in ihren Verträgen, auf der eigenen Hotel-Website günstigere Übernachtungen zu offerieren als auf der Plattform.

Diesen Vorwurf lässt Booking.com nicht gelten. Laut der wichtigsten Hotelbuchungssite wurden diese Paritätsklauseln in den Anfängen der Online-Buchungsplattformen auf Anfrage von Hotels und Hotelverbänden eingeführt. Sie waren besorgt, dass Plattformen wie Booking.com ihre Preise unterbieten. «15 bis 20 Jahre später richten wir uns nach denselben Vereinbarungen und den gleichen Bedingungen, die ursprünglich die Hoteliers von uns gefordert haben», sagt Leslie Cafferty, Kommunikationschefin bei Booking.com.

Eine Top-Platzierung lässt sich aber offenbar nicht erkaufen.

Auch die Kritik an der Höhe der Vermittlungsgebühren versteht man bei der Buchungssite nicht. Die Kommissionen von Booking.com gehörten mit durchschnittlich rund 15 Prozent zu den niedrigsten auf dem Markt und sie seien seit Jahren nicht mehr erhöht worden, so Cafferty. Mit einer leicht höheren Kommission kann die Platzierung nur etwas verbessert werden. Eine Top-Platzierung lässt sich aber offenbar nicht erkaufen, wie dies von Hoteliers zum Teil behauptet wurde.

Die Kommission werde für ein Hotel erst fällig, wenn der Gast in der Unterkunft übernachtet und auch bezahlt habe, so Cafferty. Die Hotels hätten zudem weiterhin die volle Kontrolle über die Preise, die sie bei Booking.com listen. «Wir erwarten lediglich, dass sie unseren Kunden die gleichen Preise anbieten, die sie auf ihrer eigenen Website anzeigen», so Cafferty. Es sei kein Hotel und keine Unterkunft verpflichtet, ihre Angebote auf Booking.com zu vermarkten. Cafferty betont die hohen Investitionen in die eigene Website. Davon würden die Hotels profitieren.

Booking.com steht wegen der Verträge mit den Hotels nicht nur in der Schweiz in der Kritik. Auch Wettbewerbsbehörden anderer Staaten untersuchen die Praktiken von Booking.com.
Jorgos Brouzos

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2016, 22:22 Uhr

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