Der merkwürdige Absturz des Zürcher Finanzplatzes

Im «Global Financial Centres Index» fällt Zürich aus den Top 10 – allerdings nicht ganz selbstverschuldet.

Zürich ist laut einem neuen Ranking nicht in den Top 10 der Finanzplätze.

Zürich ist laut einem neuen Ranking nicht in den Top 10 der Finanzplätze. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Der Absturz ist bemerkenswert: Laut der jüngsten Ausgabe des «Global Financial Centres Index» spielen die Schweizer Finanzplätze Zürich und Genf im internationalen Vergleich nur noch in der zweiten Liga. Bei der zweimal jährlich erstellten Erhebung stürzt Zürich von Rang 9 auf Platz 16 ab. Genf verliert gar zehn Plätze und reiht sich neu auf Platz 26 ein.

Stabilität gibt es dagegen an der Spitze: Trotz Brexit kann London Platz 1 verteidigen, vor New York und Hongkong. In den Top 7 platzierten Finanzplätzen hat es keine Veränderungen gegeben. Auffällig ist, dass US-Zentren wie Boston oder Chicago viele Plätze gutmachen. Dagegen werden auch Zürichs europäische Wettbewerber wie Frankfurt oder Luxemburg nach hinten durchgereicht: Frankfurt zum Beispiel fällt von Rang 11 auf 20.

Das Ranking wird seit 2007 zweimal im Jahr vom Londoner Beratungsinstitut Z/Yen erhoben. Seit 2016 arbeitet das Unternehmen dabei mit dem China Development Institute zusammen.

Ergebnisse schwanken stark

Die Ergebnisse sind recht volatil: Stand Zürich in der 17. Ausgabe des Rankings noch auf Rang 6, rutschte es in der Erhebung Nummer 21 im vergangenen März auf Platz 11 ab. Nach einer Zwischenerholung auf Platz 9 im September-Ranking folgt nun der Absturz auf Platz 16.

«Wir stehen zu den Schwankungen in der Erhebung», sagt Michael Minelli, Direktor bei Z/Yen. Sie seien Ergebnis der gewählten Methodik. Das Ranking basiert zum einen auf der Auswertung von 2340 Antworten auf eine Onlineumfrage unter Finanzplatzvertretern. «Sie gibt vor allem eine Bewertung ab, wie die künftige Wettbewerbsfähigkeit eingeschätzt wird», sagt Minelli. Zweite Grundlage sind Erhebungen anderer Institute, etwa zur Wettbewerbsfähigkeit. Hier greift Z/Yen zum Beispiel auf den «Ease of Doing Business Index» der Weltbank zurück, der untersucht, wie geschäftsfreundlich ein bestimmter Standort ist.

Hochgerechnete Meinungen

Z/Yen reklamiert für sich, mit dem Ranking ein Prognosemodell entwickelt zu haben. Interessant ist, dass das Modell auch Hochrechnungen macht, wie ein Umfrageteilnehmer einen ihm nicht bekannten Finanzplatz bewertet hätte.

Beispiel: Gibt ein Investmentbanker seine Einschätzung zu Singapur und Sydney ab, so vergleicht das Modell diese Einschätzung mit den Standortdaten dieser beiden Orte und setzt sie in Beziehung zu den Daten von zum Beispiel Paris. Über diesen Quervergleich errechnet das Modell dann, wie der Befragte Paris einschätzen würde.

Minelli verteidigt die Aussagekraft dieser Vorgehensweise: Sie sei getestet worden, und die so gewonnenen Aussagen seien gesichert.

Wichtig sind auch Subindizes

Zudem rät er, bei der Lektüre des Ratings nicht allein die Gesamtplatzierung anzuschauen, wichtig seien auch Subindizes. Blickt man nur auf die europäischen Plätze, kann Zürich seinen Platz 2 hinter London verteidigen. Genf erreicht Rang 5.

Doch auch bei den Unterkategorien schwanken die Ergebnisse stark. Der Bereich «Wettbewerbsfähigkeit» setzt sich demnach zusammen aus den Bereichen Geschäftsumfeld, Humankapital (wie Zugang zu Fachkräften), Infrastruktur, Entwicklung des Finanzsektors und Reputation.

Im Bereich Geschäftsumfeld kann Zürich seinen Platz in den Top 10 halten, doch beim Faktor Humankapital fällt Zürich im jüngsten Rating gar aus den Top 15 heraus, nachdem die Limmatstadt in der September-Ausgabe noch auf Platz 7 lag. Auch in der Kategorie Reputation fliegt Zürich aus den Top 15.

Finanzplatzvertreter sind kritisch

Vertreter des Finanzplatzes sehen die Studie skeptisch: Die in der Umfrage erhobenen Fragen seien «mehrheitlich trivial und auf subjektive Einschätzung ausgerichtet», sagt Christian Bretscher, der Geschäftsführer des Zürcher Bankenverbands.

«Man dürfte gut beraten sein, dieses Ranking sehr kritisch zu beurteilen und kurzfristige Ausschläge nicht zu stark zu gewichten, sondern eher als Stimmungsbild auf den internationalen Finanzplätzen zu bewerten», erklärt er.

Erstellt: 27.03.2018, 13:59 Uhr

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