Der russische Gigant setzt auf die Schweiz

Das Firmengeflecht des Rohstoffkonzerns Gazprom ist weit verzweigt. Die Schweiz nimmt darin aber einen immer wichtigeren Platz ein. Eine Geschichte über die Freundschaft zwischen Spionen und Spitzenpolitikern.

Die Betreiberin der Ostseepipeline Nord Stream hat ihren Sitz in Zug: Verwaltungsratspräsident und Altbundeskanzler Gerhard Schröder nach der allerersten Sitzung des Gremiums. (5. Juli 2006)

Die Betreiberin der Ostseepipeline Nord Stream hat ihren Sitz in Zug: Verwaltungsratspräsident und Altbundeskanzler Gerhard Schröder nach der allerersten Sitzung des Gremiums. (5. Juli 2006) Bild: Keystone

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Im Konflikt um die Ukraine steigt die Wahrscheinlichkeit verschärfter Wirtschaftssanktionen. Nach dem Ende der Genfer Gespräche hat das Weisse Haus Russland offen mit Massnahmen gedroht, sollte die vereinbarte «Deeskalation nicht in kurzer Zeit» vollzogen werden. Danach sieht es derzeit nicht aus. Prorussische Gruppierungen halten weiter in mehreren ostukrainischen Städten Gebäude besetzt, und laut russischen Medienberichten hat es heute bei einem Schusswechsel in der Stadt Slawiansk Todesopfer gegeben.

Wird von Sanktionen gesprochen, steht unweigerlich der russische Rohstoffriese Gazprom im Fokus. Einerseits sind weite Teile Europas von seinen Gaslieferungen abhängig, andererseits würde dem russischen Staat ohne die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft rasch der Schnauf ausgehen. Russland hält 50 Prozent der Anteile am Konzern und dominiert den Verwaltungsrat.

Gazprom besass Ende 2012 laut eigenen Angaben rund ein Fünftel der weltweiten Gasreserven und war für knapp einen Sechstel der weltweiten Produktion verantwortlich. Auch im Erdölgeschäft ist das Unternehmen aktiv. Der Konzern beschäftigt über 400'000 Mitarbeiter und machte 2012 einen Gewinn von umgerechnet rund 36 Milliarden Franken.

Mitten in Zürich

Der Hauptsitz des Konzerns ist zwar in Moskau. Doch über unzählige Tochtergesellschaften und Beteiligungen ist er weltweit präsent. Und in diesem Firmengeflecht nimmt die Schweiz eine immer prominentere Rolle ein. Rund ein Dutzend Gazprom-Firmen sind oder waren in der Schweiz aktiv (siehe Liste). Sie sind vor allem im Gashandel tätig. Eine Recherche führt aber auch eine Bank, Pipelineentwicklungs- und Betriebsgesellschaften sowie den Sitz einer Gesellschaft zur Erschliessung eines der weltweit grössten Gasfelder zutage.

Das spektakulärste Unternehmen ist derzeit sicherlich die Gazprom Schweiz AG. Die Gesellschaft mit Sitz am Pelikanplatz 15, im Zentrum des Zürcher Finanzplatzes, handelt mit Gas aus Zentralasien. Das Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochter von Gazproms Deutschlandgesellschaft (Gazprom Germania), welche über eine weitere Zwischenstation wiederum zu 100 Prozent der russischen Muttergesellschaft gehört. Gazprom Schweiz selber ist laut Geschäftsbericht an mehreren anderen europäischen Gashandelsgesellschaften beteiligt.

Mit rund zwei Dutzend Angestellten erwirtschaftete die Schweizer Tochter 2012 einen Umsatz von 9,3 Milliarden Franken und einen Gewinn von 76,1 Millionen. Beide Werte sind in den letzten drei Jahren massiv angestiegen. Der Umsatz hat sich verfünffacht, der Gewinn vervierfacht.

Ein Ex-Stasi-Mitarbeiter an der Spitze?

Gazproms starker Mann in der Schweiz ist Matthias Warnig, unter anderem Verwaltungsratspräsident von Gazprom Schweiz. 2005 enthüllte das «Wall Street Journal», Warnig habe für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet. Der Ostdeutsche war zum Zeitpunkt der Enthüllung Russland-Chef der Dresdner Bank. Ausgerechnet seinen damaligen Arbeitgeber soll er vor der Wende ausspioniert haben. Gemäss seiner Stasi-Akte soll sein Deckname «Arthur» gewesen sein. In seiner Zeit als Spion soll Warnig auch Wladimir Putin kennengelernt haben. Das «Wall Street Journal» belegte dies mit Aussagen ehemaliger Arbeitskollegen. Russlands heutiger Präsident war in den 80er Jahren für den KGB in der DDR stationiert. Gegenüber der Dresdner Bank hatte Warnig laut Aussage des damaligen CEO allerdings angegeben, Putin erst 1991 in St. Petersburg erstmals begegnet zu sein. Fakt ist jedoch, dass er nach der Wende erst bei der Dresdner Bank und dann im russischen Energiesektor Karriere machte. 2012 wurde er mit dem russischen Orden der Ehre ausgezeichnet.

Warnig ist auch Direktor bei Nord Stream, der Betreiberin der Ostsee-Pipline zwischen Russland und Deutschland mit Sitz in Zug. Von hier aus überwachen rund 50 Mitarbeitern die 1200 Kilometer lange Leitung. Verwaltungsratspräsident ist der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder. In diesem Fall ist die persönliche Beziehung zu Putin offensichtlich. Laut der «Bilanz» erhält Schröder für vier bis fünf Sitzungen im Jahr 250'000 Euro.

Der Gang an die Öffentlichkeit

In der Öffentlichkeit ist Gazprom in der Schweiz noch wenig präsent. Bekannt ist das Sponsoring von zwei Veranstaltungen klassischer Musik in Zürich. Als Nebeneffekt der Qualifikation des FC Basel für die Champions League hing während der Spiele Gazprom-Werbung im Stadion. Die Russen sind eine der Hauptsponsoren des Wettbewerbs und deshalb automatisch überall präsent, wo der Fussballzirkus halt macht.

Viel offensiver geht der Konzern in Deutschland vor. Hier zielt das Sponsoring auf die Massen: Gazprom ist zum Beispiel einer der wichtigsten Geldgeber des deutschen Spitzenfussballvereins Schalke 04. Und wer im Europapark auf einer der Hauptattraktionen fahren will, muss sich zwangsläufig mit russischem Gas auseinandersetzen. Die Warteschlange zum Blue Fire Megacoaster führt durch eine Gazprom-Informationshalle. Die blaue Flamme, das Logo des Konzerns, ist überall präsent.

Erstellt: 20.04.2014, 13:58 Uhr

Gazprom und die Schweiz

Eine Übersicht über Gazprom-Gesellschaften in der Schweiz:

- Gazprom Schweiz (Zürich, Gashandel Zentralasien)

- Gazprombank Schweiz (Zürich, Bank)

- South Stream Serbia (Zug, Bau und Betrieb einer Pipeline)

- Nord Stream (Zug, Betrieb einer Pipeline)

- Shtokman Development (Zug, Erschliessung eines Gasfelds in der Barentsee)

- Wintershall Erdgas Handelshaus (Zug, Gashandel)

- Gas Project Development Central Asia (Baar, Gasförderung und -handel in Zentralasien)


Ausserdem wurden in den letzten Jahren mehrere Schweizer Gesellschaften, die ganz oder teilweise im Besitz von Gazprom waren, geschlossen. Unklar ist die Situation wegen der Ukraine-Krise derzeit bei RosUkrEnergo (Zug), die für den Gashandel mit der Ukraine zuständig ist. Laut Handelsregister ist die Firma aktiv.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Gazproms starker Mann in der Schweiz: Matthias Warnig. (Bild: Nord Stream AG)

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