Designhäuschen von der Stange

Der japanische Designshop Muji hat ein Fertighaus für die Stadt entworfen. Die Designwelt ist begeistert. Ikea, Coop und Le Corbusier sind daran gescheitert.

Das vertikale Haus von Muji soll alles bieten, auf kleinstem Platz und erst noch stilsicher.

Das vertikale Haus von Muji soll alles bieten, auf kleinstem Platz und erst noch stilsicher. Bild: PD

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Erst war es das Fensterhaus, dann das Baumhaus – jetzt ist es das vertikale Haus. Es steht auf einem 67 Quadratmeter grossen Grundstück, hat einen Grundriss von 4,5 auf 8,2 Meter, drei Stockwerke, eine Treppe, die das Haus in zwei Hälften teilt – und im Innern weder Wände noch Türen. Der japanische Detailhändler Muji, der heute in fast allen europäischen Metropolen präsent ist, hat sein drittes Fertighaus präsentiert. Es ist das erste, das massgeschneidert ist für städtisches Wohnen.

Auf knappstem Raum und mit viel Licht soll eine kleine Familie (es gibt nur zwei Schlafzimmer – und wir erinnern uns, es hat weder Wände noch Türen) alles finden, was es für entspanntes Wohnen braucht. Im Erdgeschoss befinden sich ein Lagerraum, Garderobe und Waschküche; im ersten Stock sind Küche, Ess- und Wohnzimmer, und zuoberst sind zwei Schlafzimmer. (Das Badezimmer haben wir nur dank der Hilfe eines Lesers gefunden: Es ist im Erdgeschoss, neben der Waschküche.)

Die Designwelt ist begeistert vom minimalistischen Häuschen, das innen ganz in Weiss und mit hellem Holz daherkommt. Wohl auch wegen des Preises: Es soll je nach Ausführung (es kommt in 7 Varianten) rund 20 bis 25 Millionen Yen kosten – das sind zwischen 175'000 und 220'000 Franken. Wer jetzt schon über einen geeigneten Standort in der Nachbarschaft grübelt, muss enttäuscht werden: Muji verkauft das vertikale Haus derzeit nur in Japan.

Fünf neue Fertighäuser – pro Tag

Am Trend zum Fertighaus in der Schweiz ändert das allerdings nichts. Letztes Jahr wurden hierzulande 7779 neue Einfamilienhäuser gebaut, davon war mehr als jedes fünfte von der Stange. 22 Prozent beträgt der Anteil sogenannter vorfabrizierter Häuser laut dem Verband für geprüfte Qualitätshäuser in der Schweiz – das entspricht fünf neuen Fertighäusern pro Tag. Die überwiegende Mehrheit – 90 Prozent – besteht aus Holz. Noch vor gut zehn Jahren lag der Anteil lediglich bei 5 Prozent.

Trotz des wachsenden Marktes ist es für Anbieter offenbar nicht ganz einfach, sich durchzusetzen. Hierzulande sind Fertighäuser nicht a priori günstiger als Wohnträume, die zusammen mit einem Architekten realisiert werden. Allerdings fällt die Unsicherheit weg, mit der Neubauprojekte oft behaftet sind: Bei Fertighäusern gibt es kaum je Verzögerungen, weil das Wetter den Bau der modularen Teile nicht beeinflusst, und die Kosten laufen nie aus dem Ruder. Die Qualitätsansprüche ans Eigenheim sind aber genauso hoch – egal ob das Haus aus der Fabrik kommt oder vor Ort ein Stein auf den anderen getürmt wurde.

180'000 Euro für ein Ikea-Haus

Daran ist zum Beispiel Ikea gescheitert. Der Möbelkonzern bietet in Skandinavien seit den Neunzigerjahren Fertighäuser an. Holzhäuser aus vorgefertigten Modulen haben dort Tradition, das Ikea-Haus Bo Klok (clever wohnen) wurde bereits tausendfach verkauft. In Deutschland hingegen hatte der schwedische Konzern kein Glück. Er startete Anfang 2010 und verkaufte die Reihenhäuser ab 180'000 Euro– inklusive Grundstück, Anschlusskosten, Parkplatz und Gartengestaltung. Nach zwei Jahren musste er aufgeben, Qualitätsprobleme und geringe Absatzzahlen gaben den Ausschlag. Den Sprung in die Schweiz haben die Reihenhäuser darum nie geschafft.

Auch in der Schweiz sind Billiganbieter wie Coop und Otto's Warenposten gescheitert. Coop hatte ein 3½-Zimmer-Haus für 270'000 Franken im Programm, bei Otto's kostete es 369'000 Franken. Die Verkäufe blieben bei beiden deutlich unter den Erwartungen: Coop brachte es auf 20, Otto's auf 25 verkaufte Häuser. Mehr Erfolg haben offenbar spezialisierte Anbieter in der Schweiz – etwa Marty Häuser, Renggli, Furter oder Swisshouse. Günstig sind diese Häuser aber alle nicht.

Übrigens sind selbst bekannte Designer mit ihren Ideen schon gescheitert. Ein Projekt von Le Corbusier aus den Vierzigerjahren für Fertigmehrfamilienhäuser, die Unités d'Habitation, wurde nur gerade 5-mal realisiert. Auch Frank Lloyd Wright oder Jean Prouvé waren mit ihren Entwürfen nicht viel erfolgreicher. Und ob der deutsche Modedesigner Harald Glööckler mit seiner Vorstellung des Fertighauses erfolgreich ist, liess sich spontan leider nicht überprüfen.

Erstellt: 20.10.2014, 14:06 Uhr

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