«Die Anzahl Beitragsjahre sollte berücksichtigt werden»

Das Rentenalter sollte der Lebenserwartung entsprechend erhöht werden, sagt Martin Eling von der Hochschule St. Gallen. Im Interview erklärt Eling, warum wir mit der Rentenreform nicht warten können.

Das Rentenalter sollte erhöht werden, sagen Experten der HSG. Doch für körperlich anspruchsvolle Berufe brauche es spezielle Lösungen: Strassenarbeiter. (August 2012)

Das Rentenalter sollte erhöht werden, sagen Experten der HSG. Doch für körperlich anspruchsvolle Berufe brauche es spezielle Lösungen: Strassenarbeiter. (August 2012) Bild: Keystone

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Ihre Studie kommt auf ein Defizit der Rentenversicherungen AHV und PK von 110 Milliarden Franken bis im Jahr 2030. Was ist daran so schlimm?
Das Defizit entspricht exakt der heutigen Verschuldung des Bundes und geht zulasten derjenigen, die zurzeit im Arbeitsleben stehen. Die jetzigen Pensionäre bekommen Geld, das eigentlich nicht vorhanden ist. Vor allem bei den öffentlichen Pensionskassen gibt es schon heute eine erhebliche Unterdeckung. Damit stellt sich die Frage, ob das aktuelle Leistungsniveau in 20 Jahren noch zu halten ist. Wer heute in die Pensionskasse einzahlt, muss mit Kürzungen rechnen. Je früher eine beherzte Reform in Angriff genommen wird, desto besser.

Sie sagen, das AHV-Renteneintrittsalter müsste bis 2030 eigentlich um drei Jahre erhöht werden. Warum? Und warum wird das nicht getan?
Heute leisten für jeden AHV-Bezüger drei aktive Arbeitnehmer Beiträge. Im Jahr 2030 kommen auf jeden Bezüger nur noch zwei Beitragszahler. Um dieser Entwicklung zuvorzukommen, müsste das Renteneintrittsalter erhöht werden. Doch die BVG-Abstimmung im Jahr 2010 hat gezeigt, dass das politisch nicht durchsetzbar ist. Heute findet sowohl in der AHV wie bei den Pensionskassen ein Transfer von den Jungen zu den Alten statt, der klar zulasten der jüngeren Generation geht.

Sie sagen, jeder PK-Bezüger bekomme heute 40'000 Franken zu viel. Wie kommen Sie darauf?
Der aktuelle Umwandlungssatz geht von einer zu geringen Lebenserwartung aus. Die Pensionäre bekommen deswegen mehr, als ihnen aufgrund des angehäuften Kapitals zusteht. Auch das geht zulasten der heutigen Beitragszahler.

Besteht das Problem nicht darin, dass die Kapitalmärkte zu wenig Zinsen abwerfen?
Die aktuelle Mindestverzinsung ist mit 1,75 Prozent tatsächlich sehr niedrig. Bei der Gründung der Pensionskassen im Jahr 1985 ging man noch von einer jährlichen Verzinsung von 4 Prozent aus. In den nächsten 5 bis 6 Jahren wird die Verzinsung voraussichtlich niedrig bleiben. Was wir aber sicher wissen, ist, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt.

Sie schlagen eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung vor. Wie sieht dieses Modell genau aus?
Eine automatische Erhöhung des Rentenalters, die sich an der steigenden Lebenserwartung orientiert, halten wir für eine gute Lösung. Die Rentendiskussion müsste dann nicht alle paar Jahre neu geführt werden. In Dänemark tritt eine solche Kopplung an die Lebenserwartung bereits ab 2015 in Kraft. Im Jahr 2045 wird das Renteneintrittsalter damit bei etwa 71 Jahren liegen, im Jahr 2060 bei 72,5 Jahren. Dabei geht man davon aus, dass ein Pensionär im Durchschnitt 14,5 Jahre lang eine Rente beziehen wird.

Die Erhöhung des Rentenalters klingt vernünftig. Aber in vielen Branchen ist es schon ab fünfzig schwierig, noch eine Stelle zu finden.
Es ist klar, dass man zum Beispiel in der Baubranche nicht bis ins hohe Alter arbeiten kann. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die den Betroffenen eine angemessene Rente sichern. Da Menschen in handwerklichen Berufen sehr viel früher anfangen zu arbeiten als Akademiker, sollte auch die Anzahl der Beitragsjahre berücksichtigt werden. Wer zum Beispiel in Deutschland 45 Jahre lang in die Rentenversicherung eingezahlt hat, darf weiterhin mit 65 in Rente gehen.

Erstellt: 04.12.2012, 12:22 Uhr

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Martin Eling ist Professor am Institut für Versicherungswirtschaft der HSG. Sein Lehrstuhl wird von den grossen Schweizer Versicherungsgesellschaften finanziert.

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