«Die Bilanz des Konzern-Herzens VW ist eine Katastrophe»

Was ist los im VW-Konzern? Es tobt ein Machtkampf, dabei wächst der Autobauer mit hohem Tempo. Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer erklärt im Interview.

Tolles Autos, schwierige Stimmung: VW-Manager vor einem Concept-Auto in Berlin. (März 2015)

Tolles Autos, schwierige Stimmung: VW-Manager vor einem Concept-Auto in Berlin. (März 2015) Bild: Frank Augstein/Reuters

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Der VW-Konzern ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Trotzdem will Verwaltungsratspräsident Ferdinand Piech den Chef Martin Winterkorn loswerden. Er ging letzte Woche in einem Interview mit dem «Spiegel» öffentlich auf Distanz zu Winterkorn. Weshalb?
Es gibt zwei Bilanzen im VW-Konzern. Die Bilanz von Porsche, Skoda und Audi, diese sieht sehr gut aus. Die Bilanz des Konzern-Herzens VW jedoch ist eine reine Katastrophe. Das hat Piech jetzt gemerkt. Er musste deshalb handeln. Die Luft wird dünn für Winterkorn.

Was ist denn so katastrophal bei der Marke VW?
Schlicht alles. Winterkorn hat kein Konzept für die Marke VW. Auf dem europäischen Markt muss er mit hohen Rabatten in den Markt gehen, um den VW zu verkaufen. Das drückt auf die Margen. Der Gewinn pro Auto bei VW ist verglichen zur Konkurrenz eine Schande. GM und Toyota schneiden viel besser ab.

Was macht die VW-Konkurrenz besser?
Sie ist viel effizienter. Das sieht man schon nur an der Mitarbeiterzahl. Toyota beschäftigt 350'000 Leute, VW 600'000 – und davon die meisten in Deutschland. Während Toyota mit vielen Zulieferern arbeitet, stellt VW viele Komponenten selber her. Das kommt nicht nur viel teurer, sondern macht VW auch austauschbar.

Was meinen Sie damit, VW sei austauschbar?
Toyota hat eine klare Markenstrategie. Lexus beispielsweise unterscheidet sich deutlich von der Hauptmarke Toyota. Bei VW ist das komplett anders. Weil der Konzern viele Teile selber herstellt, steckt in allen Konzernmarken dasselbe drin. Das zu ändern, hat Winterkorn nicht geschafft. Die Konkurrenz kommt so aus dem eigenen Haus. Das führt dazu, dass preissensible Kunden einen Skoda kaufen, anstelle eines VW. Im oberen Preissegment weichen die Kunden auf Audi aus.

Liegt der ganze Schlamassel wirklich in der alleinigen Verantwortung von Chef Winterkorn?
Winterkorns Hauptaufgabe war es, die Herz-Marke VW wieder flott zu kriegen. Das hat er nicht geschafft. In den USA ist Winterkorns Strategie gänzlich gescheitert. Er wollte mit einem preisaggressiven Passat-Modell wachsen. Doch der Marktanteil von VW im am stärksten wachsenden Automarkt weltweit ist in den letzten Jahren nur gesunken. Er liegt mit 2 Prozent aktuell auf dem gleichen Niveau wie vor sechs Jahren. Für den Erfolg anderer VW-Marken wie Porsche, Audi und Skoda sind andere verantwortlich. Ohne diese Marken wäre VW ein Sanierungsfall.

Wie wird es jetzt für Winterkorn weitergehen?
Winterkorn ist nicht tragfähig als Piech-Nachfolger. Er ist öffentlich demontiert und gilt als schwache Führungskraft. Die Leute werden sich im Lauf der Zeit deshalb von Winterkorn abwenden.

Die Familie Porsche hat ihm aber indirekt den Rücken gestärkt. Piechs Aussage, er sei auf Distanz zu Winterkorn, sei dessen private Meinung, liessen Porsches verlauten. Hilft das nicht?
Nicht wirklich. Diese Äusserung kam von Wolfgang Porsche. Er gilt als eher schwache Persönlichkeit und vertritt nicht die Meinung der ganzen Familie. Die Mehrheit der Familie Porsche will einen langfristig erfolgreichen VW-Konzern. Und Piech wird die Familie mit seiner Meinung überzeugen, Winterkorn werde VW nicht erfolgreich führen können.

Dann wird Piech den Machtkampf gewinnen?
Die Zeit spielt für Piech. Er hat schon jeden Machtkampf gewonnen und wird es auch bei diesem tun. Es ist nur eine Frage der Zeit: Wie lange hält es Winterkorn aus? Wie lange will er sich in der Öffentlichkeit selber demontieren und lächerlich machen.

* Ferdinand Dudenhöffer ist Professor am CAR-Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 12:49 Uhr

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