Hintergrund

Die Bundesanwaltschaft auf Mission Hellas

Berner Ermittler fliegen nach Athen, um berühmte Häftlinge aus Rüstungsskandalen zu befragen. Ein wichtiges Thema ist dabei die Rolle von Vertretern des Schweizer Finanzplatzes.

Bringt Prominente hinter Gitter: Der frühere griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos vor Beginn des Prozesses im April 2013.

Bringt Prominente hinter Gitter: Der frühere griechische Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos vor Beginn des Prozesses im April 2013. Bild: Keystone

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Der frühere Verteidigungsminister Griechenlands hat entscheidenden Anteil daran, dass eine Abteilung des Athener Zentralgefängnisses Korrydalos VIP-Trakt genannt wird. Akis Tsochatzopoulos ist bei weitem nicht der einzige Prominente dort, aber der bekannteste Politiker. Vielleicht verlässt er die grösste Haftanstalt landesweit nicht lebend, denn er ist bereits 74 Jahre alt und hat – wenn kein juristisches Wunder passiert – noch eine lange Zeit hinter Gittern vor sich.

Anfang Februar kommt nun ein wenig Abwechslung in den Gefängnisalltag des tief gefallenen Spitzenpolitikers, denn Besuch aus dem Ausland hat sich angekündigt. Die Schweizer Bundesanwaltschaft entsendet eine Delegation nach Athen, um den Ex-Vertreter der jahrzehntelang übermächtigen sozialdemokratischen Partei Pasok zu befragen. Daneben interessieren sich die Ermittler aus Bern, wenn sie schon einmal am Fusse der Akropolis weilen, für Tsochatzopoulos’ deutlich jüngere zweite Ehefrau. Auch sie ist im Rüstungsskandal zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, die sie in einer Klinik absitzt. Am ertragreichsten für die Bundesanwaltschaft dürfte aber eine dritte anberaumte Befragung werden: jene eines Cousins des mehrfachen Ministers. Sein Name: Nikos Zigras.

Das Trio kann, sofern es will, einiges erzählen über ein Schmiergeldsystem bei der griechischen Rüstungsbeschaffung vor rund zehn Jahren, bei dem Abermillionen nicht nur, aber insbesondere in Genf und Zürich landeten. Aber nur Zigras scheint zu wollen.

Der Geldkofferträger

Tsochatzopoulos ist die Schlüsselfigur in einer Skandalserie, die Athen erschüttert. Akis, wie er in Griechenland von allen genannt wird, wurde im vergangenen März zu acht Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt und im Oktober sogar zu zwanzig Jahren wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche. Er hat Berufung angekündigt. Es ging vor Gericht um grosse Rüstungsdeals – unter anderem um U-Boot-Bestellungen in Deutschland und die Beschaffung von Raketenabwehrsystemen aus Russland – durch das mittlerweile ­rekordverschuldete Griechenland. Deutsche und russische Waffenschmiede hatten «Berater» und «Vermittler» vor Ort engagiert, die hohe Provisionen kassierten. Und die bestachen.

Falsch liegt, wer dachte, dass mit der Verurteilung von Tsochatzopoulos und über einem Dutzend seiner Verwandten und Mitarbeitern die Schlagzeilen abreissen. Ein Hauptgrund dafür ist Cousin Zigras, der sich als Mitangeklagter beim griechischen Volk für seine Rolle bei den kriminellen Machenschaften entschuldigte. Er, so etwas wie der Geldkofferträger seiner Sippe, kam auch wegen der Reue mit einer Bewährungsstrafe davon. Als eine Art Kronzeuge hat er nun nicht nur weitere prominente Griechen, darunter hohe Politiker und Beamte, stark belastet. In arge Bedrängnis geraten jetzt auch Vertreter des schweizerischen Finanzplatzes, wie gemeinsame Recherchen des TA mit der griechischen Zeitung «Kathimerini» und dem Athener TV-Sender Star ergaben.

Die Bundesanwaltschaft führt zwar Zigras als Hauptbeschuldigten in ihrem eigenen Geldwäschereiverfahren, doch im Visier stehen gemäss TA-Informationen auch zwei Geldverwalter aus Genf und ein Topmanager einer Grossbank in Zürich. Weitere Verdächtige aus der hiesigen Vermögensverwaltung könnten nach der anstehenden Dienstreise der Wirtschaftsermittler des Bundes hinzukommen. Die Fragen, welche die Bundesanwälte vorbereitet haben, drehen sich unter anderem um Geschäfte über die Schweizer Ableger der US-Bank Morgan Stanley (der betroffene Unternehmensteil wurde an die Crédit Suisse verkauft) und der Crédit Agricole. Über den Schweizer Ableger dieser französischen Bank zahlte Vlassis Kambouroglou, Vertreter eines Vorläufers des grössten russischen Waffenkonzerns Almas-Antei, Millionensummen auf Konten der UBS und der Privatbank UBP.

Zwei Brüder aus Genf

Hinter einem Teil der Konten stehen zwei Brüder aus Genf, die als Vermögensverwalter arbeiten. Nach Erkenntnissen der griechischen Ermittler richteten die beiden auch die Firma Clavis ein, die «Austausch» gehabt habe mit deutschen Lieferanten bei U-Boot- und Panzergeschäften. An der Clavis-Spitze soll ein Strohmann gestanden haben. Der wahre Besitzer war gemäss Zeugen Vlassis Kambouroglou, der Griechenland das russische Flugabwehr­raketensystem Tor-M-1 vermittelt hatte. Er wurde im Herbst 2012 tot in einem Hotel in Jakarta aufgefunden. Die Fragen, welche die Schweizer Ermittler in Athen stellen wollen, betreffen auch ­diesen Verstorbenen.

Weitere Spuren, die zu verfolgen wären, gibt es bereits jetzt viele. Mindestens ein halbes Dutzend Banken in der Schweiz hat seit der Verhaftung Tsochatzopoulos’ und seiner Getreuen im Frühjahr 2012 Geldwäschereimeldungen erstattet. Betroffen vom Rüstungsskandal sind neuerdings auch die Grössten der Finanzbranche: UBS, Credit Suisse und Julius Bär (TA vom 4. Januar). Aber bei der Reise der Bundesanwaltschaft nach Athen sind die Grossbanken vorerst nicht das Ziel der Ermittlungen, denn die Vorwürfe an ihre Adresse sind jüngeren Datums.

Vielmehr geht es im Rahmen dieses Rechtshilfeverfahrens unter dem Aktenzeichen CV-12.0528-CH vor allem darum, Zigras’ Aussage vom 18. Juni 2013 bei einem Athener Staatsanwalt zu überprüfen. Griechische Ermittler halten die Worte des Kronzeugen für glaubhafter als widersprechende Beteuerungen anderer Involvierter, denn Zigras belastet sich selber stark. Detailreich hat er erzählt, wie er das Geld seiner prominenten Verwandten angelegt hatte. Er hat geschildert, wie er Tarnfirmen und Offshore-Konstrukte einrichten liess und half, viel, viel Geld zu waschen.

Verschoben wurden – das zeigen sichergestellte Kontounterlagen – 30 Millionen Franken über Checks. Die Summe soll vom Schweizer Konto eines syrischen Waffenhändlers, der auf Zypern residiert, bei der Crédit Agricole stammen. Ein Teil der Transaktionen lief über eine Firma namens Morelia mit Sitz in Panama und über Morgan Stanley. Ebenfalls über die Ableger der US-Bank in Europa floss Geld im Zusammenhang mit dem deutsch-griechischen U-Boot-Geschäft. Es wurde auf einem Konto mit dem Namen Kyros zwischengelagert. Über die zypriotische Firma Torcasso landete es dann in Griechenland – zum Teil sogar in bar.

Was musste der Mann in Zürich?

Bei Morgan Stanley in Zürich war ein griechischer Kundenberater für das Geschäft in seiner Heimat zuständig. Er war überaus erfolgreich im Umwerben der Elite Hellas’ und machte eine steile Karriere: Frisch von der Universität hatte er bei Morgan Stanley angeheuert. Nach zwei Jahrzehnten dort verliess er den Europa-Ableger als Topmanager. Die Branche war überrascht, als er vor wenigen Monate zur UBS wechselte. «Mein Abgang hatte mit dem griechischen Thema nichts zu tun, sondern allein mit dem Verkauf der europäischen Vermögensabteilung von Morgan Stanley, der sich damals abzeichnete», hat er, angesprochen auf das Korruptionsthema, dem TA dazu erklärt.

Diesen Banker hat Kronzeuge Zigras im vergangenen Juni belastet. Entscheidend ist, ob dieser sich als Kundenberater bei Morgan Stanley tatsächlich bewusst war, dass er Tarnkonstrukte für den damaligen griechischen Verteidigungsminister eingerichtet haben könnte. Gegenüber dem TA erklärt er, dies sei nicht der Fall gewesen. Er habe nicht gewusst, dass Zigras der Cousin eines prominenten Politikers sei. Anders als von Zigras behauptet, kenne er Tsochatzopoulos nicht. Sagt der Banker nicht die Wahrheit, müsste die Bundesanwaltschaft ihn ebenfalls als Beschuldigten führen. Dies tut sie, soweit bekannt, allerdings nicht. Tsochatzopoulos hatte stets behauptet, er habe mit dem Geld in der Schweiz nichts zu tun. Bislang hat ihm die griechische Justiz keinen Glauben geschenkt. Jetzt kann Akis versuchen, wenigstens die Schweizer zu überzeugen.

Erstellt: 21.01.2014, 10:12 Uhr

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