Die Entrümpelung von Vincenz' Erbe

Raiffeisens Notenstein-Verkauf ist auch ein Eingeständnis von Chef Patrik Gisel.

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Die Wende ist abrupt. «Einen Verkauf schliesse ich aus», sagte Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am 14. Januar der «SonntagsZeitung» mit Blick auf die darbende Privatbanktochter Notenstein La Roche. Doch schon im Februar machte die Geschäftsleitung der Bankengruppe erste Schritte, die Problemtochter zu verkaufen. Vergangenen Donnerstag wurde der Deal bekannt gemacht: Vontobel kauft die Privatbank für 700 Millionen Franken. «Unsere Ambitionen im Privatbankengeschäft konnten nicht eingelöst werden, das müssen wir eingestehen», sagte Gisel vor den Medien.

Nagt der abrupte Strategiewechsel nicht an der Glaubwürdigkeit von Gisel? Er selber findet, nein. Doch selbst intern gibt es Stimmen, die den Kurswechsel als No-Go bezeichnen. Wurde Gisel vom Verwaltungsrat nach dem 14. Januar in Sachen Notenstein überstimmt, hat er aus eigenem Antrieb die Meinung ge­ändert – oder hat er im Interview geschwindelt? Gisel verteidigt sich, er habe gar keine andere Wahl gehabt, als öffentlich zur Privatbank zu stehen: «Hätten wir Zweifel gelassen, ob wir Notenstein behalten, hätten wir noch mehr Kunden verloren.» Doch die öffentliche Rückendeckung nützte wenig: Die Notenstein-Führung konnte den anhaltenden Vermögensabfluss nicht stoppen.

Notbremse gezogen

Gisel vollzieht nun die Strategiewende in einer Zeit, in welcher er bereits unter Druck steht. Jahrelang war er die Nummer zwei unter Raiffeisen-Übervater Pierin Vincenz. Dieser sitzt seit drei Monaten in Untersuchungshaft, weil er bei mehreren Beteiligungskäufen von Raiffeisen privat mitverdient haben soll. Gisel beteuert, er habe von den Doppelgeschäften seines Chefs nichts gewusst.

Nun zieht er bei Notenstein die Notbremse und verkauft die Bank. Intern kommt das gut an. «Das war eine alte Forderung von uns», sagt ein hochrangiges Mitglied der Raiffeisen-Gruppe. «Gisel übt sich jetzt in Schadenbegrenzung», sagt ein weiter Raiffeisen-Banker. Da Gisel den Verwaltungsrat von Notenstein leitete, sei der Flop mit der Privatbank aber auch seine Niederlage.

Gisel räumt ein, dass das Engagement bei Notenstein in der Gruppe stets umstritten war. Es gibt aber keine Anzeichen, dass ihn der Verwaltungsrat oder die Regionalfürsten der Bankengruppe zum Verkauf gezwungen haben. Gemäss Gisels Darstellung wurde der Strategiewechsel im Februar bei einer Klausurtagung der Geschäftsleitung eingeleitet – und zwar von ihm selbst. Als Grund gibt er den nicht enden wollenden Abfluss von Kundengeldern an.

Video: Weshalb Raiffeisen die Notenbank abstösst

«Gisel zieht jetzt die Konsequezen»: Wirtschaftsredaktor Holger Alich über den Notenstein-Verkauf. Video: Kathrin Egolf

Ursprünglich sollte Notenstein einmal 50 Milliarden Franken Kundengelder verwalten. Am Ende waren es weniger als 17 Milliarden Franken. Eine Ursache für den Abfluss ist, dass es stets Unsicherheit darüber gab, wie lange Raiffeisen an ihrer Privatbanktochter festhalten würde. Notenstein steckte in einer Negativspirale. «Privatbanken wollen nicht bei einer Bank sein, die permanent Kundengelder verliert», so Gisel. Das Hauptproblem bestand jedoch in einer Fehlüberlegung von Vincenz: Dieser wollte, dass die Raiffeisen-Banker reiche Kunden an Notenstein übergeben. Damit hätten sie sich jedoch ins eigene Fleisch geschnitten, sprich ihren Bonus gefährdet. Viele Kundenbetreuer weigerten sich deshalb schlicht, die Vermittlungstätigkeit zu übernehmen. «Diese Kooperation kam nie richtig in Gang», räumte Gisel am Donnerstag ein.

Erst im Oktober wurde mit Patrick Fürer ein neuer Notenstein-Chef installiert.

Notenstein sollte aber nicht nur im Geschäft mit reichen Privatkunden, sondern auch bei der Vermögensverwaltung für Versicherer und Pensionskassen eine grosse Nummer werden. Daher kaufte Vincenz einige Anbieter zusammen. Doch auch dieses Geschäft entwickelte sich schlecht. Noch im März 2016 sprach Gisel davon, dass die Vermögensverwalterin Vescore «in zwei oder drei Jahren» eine Erfolgsgeschichte werden könnte. Drei Monate später verkaufte er die Sparte – an Vontobel. Im Sommer 2017 folgte das Osteuropa-Geschäft Notensteins.

Erst im Oktober wurde mit Patrick Fürer ein neuer Notenstein-Chef installiert. Doch schon da war die Zeit für die Privatbank, die Vincenz 2012 ohne sorgfältige Prüfung der finanziellen Verhältnisse und der Risiken für 577 Millionen Franken erworben hatte, fast abgelaufen. Im Februar beschloss die Geschäftsführung von Raiffeisen, nach Käufern Ausschau zu halten. Gleich vier Interessenten, darunter solche aus dem Ausland, hoben die Hand. Wer sie waren, dazu schweigt Raiffeisen. Im März legte Gisel dem Verwaltungsrat die Verkaufsabsichten vor. Zu diesem Zeitpunkt sass sein früherer Chef Vincenz bereits in Untersuchungshaft. Daher betont Gisel, der Verkauf von Notenstein habe «absolut nichts» mit der Affäre um seinen Vorgänger zu tun.

Mit dem Verkauf von Notenstein beendet Gisel endgültig die Ära Vincenz. Dieser hatte in kurzer Zeit ein Sammelsurium an Beteiligungen zusammengekauft, unter anderem Leonteq, einen Anbieter strukturierter Wertpapiere. Gisel war als Nummer zwei bei diesen Deals stets mit dabei. Das hindert ihn aber nicht daran, seit zwei Jahren das Beteiligungsgeflecht zu entrümpeln.

Ausgerechnet Vontobel

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun Vontobel das Kapitel Notenstein zu beenden hilft. Denn es war die Übernahme der ehemaligen Bank Wegelin, die zu einem Zerwürfnis beider Finanzhäuser führte. Vontobel war lange Partner von Raiffeisen im Wertpapiergeschäft und wickelte für sie Handelsgeschäfte ab. Dann griff 2012 Raiffeisen den langjährigen Partner mit der Übernahme von Notenstein frontal an.

Für die familiendominierte Privatbank ist der angekündigte Deal ein grosser Schritt nach vorn. Bisher stand das Geschäft mit der Vermögensverwaltung für Privatkunden immer im Schatten der Vermögensverwaltung für Grosskunden wie Versicherer und Pensionskassen.

Dank Notenstein kann Vontobel das Volumen der verwalteten Vermögen im Geschäft mit Privatkunden auf einen Schlag um 30 Prozent auf 73 Milliarden Franken ausbauen. Bankchef Zeno Staub glaubt, dass im Zug der Übernahme nur wenige Kunden abspringen werden. Daher akzeptierte er Gisels Bedingung, dass der Verkaufspreis fix ist und nicht davon abhängt, wie viele Kundenvermögen am Ende tatsächlich zu Vontobel wechseln. Den Namen «Notenstein» will er aufgegeben. Dem wird wohl aber niemand nachweinen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 08:04 Uhr

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