Hintergrund

Die Frau, die zu viel wusste

Stéphanie Gibaud ist die ehemalige Marketingchefin der UBS Frankreich. In ihrem Buch erzählt sie von illegalen Geschäftspraktiken, dem Glamour der Finanzwelt und ihrem Kampf gegen die Grossbank.

Sie ist eine der wichtigsten Zeuginnen der Anklage und berichtet von gigantischen Summen für Luxusveranstaltungen: Die ehemalige UBS-Marketingchefin Stéphanie Gibaud.

Sie ist eine der wichtigsten Zeuginnen der Anklage und berichtet von gigantischen Summen für Luxusveranstaltungen: Die ehemalige UBS-Marketingchefin Stéphanie Gibaud. Bild: zvg

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Im Juni 2008 merkte Stéphanie Gibaud, dass etwas nicht stimmt. Ihr Chef verlangte in Panik von der Marketingchefin der UBS Frankreich, dass sie ihre Festplatte zerstört. Darauf befanden sich alle Kundendaten, das Werkzeug ihrer täglichen Arbeit. Sie begann, Fragen zu stellen. Antworten bekam sie nicht. Dafür wurde sie von ihren Kollegen geschnitten und denunziert. Ihr dämmerte, dass die grossen Summen, welche für Veranstaltungen wie Golf- oder Tennisturniere, private Konzerte und Opernaufführungen ausgegeben wurden, nur die Spitze des Eisberges waren.

In einem Buch schildert die Französin, die mittlerweile nicht mehr für die Tochterfirma der UBS arbeitet, ihre Erlebnisse. Sie ist zu einer der unbequemsten Zeuginnen einer Zeit geworden, in der in der Bankenwelt alles möglich schien. Heute wird der Grossbank in Frankreich vorgeworfen, in den 2000er-Jahren französische Kunden dazu angestiftet zu haben, Konten in der Schweiz zu eröffnen und diese dem Fiskus zu verschweigen. Um die Affäre zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück.

Vom Fussballclub zur Grossbank

Der französische Markt war schon immer hart umkämpft, die Millionärsdichte ist hoch. Mit dem Ziel, an deren Gelder zu gelangen, eröffnete die UBS 1999 eine Zweigstelle in Paris. Die neuen Kunden sollten ihr Geld bei der Tochterfirma anlegen. Sie konnten dies entweder onshore, also im eigenen Land, oder offshore, im Ausland, tun. In diesem Fall wurde das Geld in die Schweiz transferiert – mutmasslich am französischen Staat vorbei. Die UBS genoss zu dieser Zeit einen sehr guten Ruf, und das Geschäft lief bald blendend. Auch wegen der Marketingchefin Stéphanie Gibaud.

Als die Zweigstelle kurz vor der Jahrtausendwende eröffnete, wehte ein Geist von Start-up durch die neuen Räume. Die junge Frau wurde vom Racing Club le Lens, einem Fussballclub in Nordfrankreich, abgeworben. Dort war sie für die Kommunikation zuständig. «War ich naiv?», wird sich Gibaud Jahre später fragen. Eine Bekannte stellte den Kontakt zur UBS her. Im Organisieren von sportlichen und kulturellen Veranstaltungen hatte die neue Marketingchefin grosse Erfahrung, weitaus weniger wusste sie über die Finanzwelt.

Verdächtige Milchbüchlein aus der Schweiz

Das Herzstück der UBS-Strategie waren die Einladungen zu mondänen Konzerten, Opern und Sportanlässen. So wurden potenzielle Kunden an Formel-1-Rennen geflogen, die sie von der VIP-Lounge aus verfolgten, lernten berühmte Künstler an Vernissagen und Sportler an Segelregatten kennen. Die UBS bot ihnen Glamour, sie dafür legten einen Teil ihres Vermögens bei der Bank an. Immer exklusivere Angebote dachte sich Gibaud aus, um die reichen Ärzte, Rechtsanwälte und Unternehmer zu gewinnen. Bis zu jenem Tag im Juni, als ihr Chef von ihr verlangte, Material zu vernichten. Stück für Stück erkannte sie, wie das System funktioniert, mit welchem die UBS die mutmassliche Steuerhinterziehung ermöglichte. Insbesondere die sogenannte «Milchbüchlein»-Praxis liess sie stutzig werden. In den «carnets du lait», wie sie die Franzosen nennen, erfassten Schweizer Abgesandte Transaktionen, die nie im Computersystem der Bank auftauchten. Involviert waren Kaderleute aus dem ganzen Land. Wer sich der Praxis widersetzte, wurde bestraft.

«Ich habe ein starkes Bewusstsein für Werte», sagt Gibaud im Interview mit der Zeitung «Mediapart». Dies sei schon in ihrem Elternhaus seit der Kindheit gefördert worden. Sie beschloss zu kämpfen. Gegen ihren damaligen Arbeitgeber, gegen die Ungerechtigkeit der Steuerhinterziehung von Millionären. Die Entscheidung bezeichnet sie im Nachhinein als «destruktiv für mein Leben». Sie wurde geschnitten, ihr wurden Aufgaben entzogen. Sie lebte in der permanenten Angst, als Mittäterin beschuldigt zu werden, und konnte nachts nicht mehr schlafen.

Neue Runde im Kampf gegen die Grossbank

«Es war die Hölle», sagt sie gegenüber «Le Temps». Doch sie erfuhr auch viel Solidarität. Lernte Menschen kennen, die gleich denken wie sie. Wenige trauen sich aber, offen über die Vorgänge jener Zeit zu sprechen. Sie fürchten, danach keinen Job mehr zu bekommen. Gibaud geniesst eine Sonderstellung. Sie ist eine «geschützte Mitarbeiterin» bei der Arbeitnehmervertretung und geniesst einen speziellen Kündigungsschutz. Die Veröffentlichung ihres Buches wird eine neue Runde im Kampf der ehemaligen Mitarbeiter gegen die Grossbank eröffnen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2014, 14:36 Uhr

Das Buch wird eine neue Runde im Kampf der ehemaligen Mitarbeiter gegen die UBS Frankreich einläuten.

Erschienen im: Editions Le Cherche-Midi, Februar 2014, 224 Seiten.

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