Hintergrund

Die UBS, der Grieche und ein gesperrtes Konto

Die Weissgeldstrategie hat ihre Tücken. Wenn der Kundenberater Fingerspitzengefühl vermissen lässt und an der Ehre des Kunden kratzt, kann auch ein Gentleman in Rage geraten.

Nikolaos Tsioumanis – ein stolzer Grieche lässt sich nicht von einem UBS-Mann auf der Nase herumtanzen.

Nikolaos Tsioumanis – ein stolzer Grieche lässt sich nicht von einem UBS-Mann auf der Nase herumtanzen. Bild: Sabina Bobst

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Es war in den Räumlichkeiten der UBS am Paradeplatz 6 in Zürich. Kundenberater O. Z. bohrte und bohrte. Woher sein Vermögen komme? Wie er sein Geld in den 50er-Jahren verdient habe, in den 60ern, den 70ern? Und wovon er lebe, seit er nicht mehr arbeite? Irgendwann platzte Nikolaos Tsioumanis der Kragen: «Sie haben mich jetzt vieles gefragt. Nur eine Frage stellten Sie bisher nicht: Wie lang ist Ihr Penis?»

Tsioumanis stand auf und ging. Eine Stunde später kündigte er sein Konto. Er wies die UBS an, 80 000 Franken an die Sparkasse in Singen zu überweisen. 20 000 Franken wollte er bar in die Hand. 15 000 erhielt er, 5000 Franken hielt die Bank zurück, angeblich zur Deckung von Spesen.

Mann für heikle Fälle

Der quicklebendige 81-jährige Grieche blickt auf eine Karriere als Chirurg zurück. Als junger Arzt war er in Nordafrika tätig, auch in Mali und Senegal. Ab den 70er-Jahren betätigte er sich als freiberuflicher Chirurg. Schnell machte er sich einen Namen als Mann für heikle Fälle. In der langen Liste seiner Patienten finden sich prominente Namen, die man aus Diskretionsgründen nicht erwähnen darf. Tsioumanis verdiente gutes Geld und leistete sich zwischenzeitlich einen Rolls-Royce. Heute ist der Wahlzürcher nur mehr mit dem Halbtax-Abo der SBB unterwegs.

Geld bedeute ihm nicht viel. Dagegen legt er Wert auf Stil. Krawatte und Anzug sind Pflicht. Um die Nase zu reinigen – versteht sich –, greift er zum Stofftaschentuch. O. Z., erzählt er mit hörbarer Verachtung in der Stimme, habe ein Papiertaschentuch benutzt – «so ein Tempo, Sie verstehen?»

Tsioumanis’ offizieller Wohnsitz ist in Athen. Seit rund 20 Jahren bewohnt er aber in Zürich ein Appartement. Seit bald 40 Jahren gilt seine Liebe einer Schweizerin. Täglich liest er sechs Zeitungen in vier verschiedenen Sprachen. Er weiss, wie via Kaspisches Meer das Embargo gegen den Iran umgangen wird. Er weiss, wie die Schlacht bei den Thermopylen im 5. vorchristlichen Jahrhundert vonstattenging. Tsioumanis ist gebildet und hellwach.

Zusammenprall zweier Welten

An jenem Tag Anfang März prallten am Paradeplatz 6 zwei Welten aufeinander: Der distinguierte Grieche stiess auf einen «sehr jungen und arroganten» UBS-Mann, der später auch einmal gesagt haben soll, die Griechen seien Fakelaki. O. Z. dementiert. Fakelaki – wörtlich der kleine Umschlag – steht im Griechischen für Bestechungsgeld. Sollte der Satz in dieser Pauschalisierung gefallen sein, wäre Tsioumanis’ Empörung nachvollziehbar.

Kurz: Der Grieche dachte unter diesen Umständen nicht im Traum daran, die Fragen von O. Z. zu beantworten. Im Gegenteil: Er machte sich einen Spass daraus, ein paar falsche Fährten zu legen. Die UBS sperrte kurzerhand das Konto, oder – wie eine Sprecherin formuliert – man habe das Geld «zurückbehalten». Trotz Überweisungsauftrag kam es nicht in Singen an. Nach Darstellung der UBS war der Kunde nicht kooperativ. Er habe die gestellten Fragen nicht beantwortet, sondern auf stur geschaltet.

Tatsächlich ist eine Bank heute von Gesetzes wegen verpflichtet, Fragen zu stellen, wenn beispielsweise Unklarheit über die Herkunft des Geldes besteht. Hat sie entsprechende Anhaltspunkte, trifft sie weitere Abklärungen und kann gemäss dem stellvertretenden Bankenombudsmann, Rolf Wüest, das Konto vorsorglich sperren. Vermögen die Auskünfte des Kunden die Zweifel nicht auszuräumen, muss die Bank Meldung bei der Meldestelle für Geldwäscherei (MROS, Money Laundering Report Office Switzerland) erstatten. Um zu vermeiden, dass der betroffene Kunde in dem Fall seine Vermögenswerte abzieht, darf er nicht über die Meldung informiert werden. Zudem wird sein Vermögen zwingend blockiert – gemäss Gesetz für längstens fünf Werktage.

Die UBS will nicht preisgeben, ob sie im Fall Tsioumanis Meldung erstattet oder dessen Konto aus eigenem Antrieb gesperrt hat. Wäre Ersteres der Fall, hätte die Bank doppelt gegen das Gesetz verstossen. Erstens wurde Tsioumanis auf Anfrage, weshalb sein Geld nicht nach Singen überwiesen werde, in Kenntnis gesetzt, dass es wegen Verdachts auf Geldwäscherei gesperrt sei. Zweitens blieb das Geld statt der im Gesetz festgehaltenen maximal fünf mehr als 30 Tage blockiert. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die UBS gar nicht erst an die Meldestelle für Geldwäsche gelangt ist.

«Ich und Geldwäsche?»

«Ich und Geldwäsche?», Tsioumanis verdreht seine Augen. Die Schweizer Banken nahmen bis vor kurzem fast jedes Geld entgegen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bankkunden müssen sich heute Fragen gefallen lassen. Allerdings: Berater O. Z. interessierte sich zunächst gar nicht für das Woher des Geldes, als Tsioumanis Ende Januar sein Konto eröffnete und mit 100 000 Franken äufnete. Erst auf Intervention einer internen Fachstelle begann er nachzufragen, wie Tsioumanis sagt und die UBS bestätigt.

Unklar bleibt zudem, warum das Konto mehr als 30 Tage blockiert blieb, obwohl bereits zwei Wochen nach der Sperrung, am 21. März, ein UBS-Berater aus Rapperswil sich in Zürich mit dem Hinweis meldete, er kenne Kunde Tsioumanis seit langem als seriöse Persönlichkeit. Gemäss UBS wurde die Entsperrung in der Folge angeordnet, infolge eines internen Missverständnisses aber nicht umgesetzt. Am 10. April wurde der «Bund» bei der UBS in der Angelegenheit vorstellig. Am 11. April wurde das Konto entsperrt und das Geld «per sofort» nach Singen überwiesen.

Eigentlich wollte Tsioumanis über die UBS Goldgeschäfte abwickeln. Während des Krieges in Nordgriechenland aufgewachsen, in einem von Deutschen und Bulgaren besetzten Landstrich, hat ihn ein Kernsatz seines Vaters durch sein ganzes Leben begleitet: «Wer Gold hat, gewinnt den Krieg.» Jetzt tätigt er seine Goldgeschäfte halt über die Sparkasse Singen-Radolfzell.

Geld bedeutet Nikolaos Tsioumanis nicht viel. Dagegen legt er Wert auf Stil.

Nikolaos Tsioumanis – ein stolzer Grieche lässt sich nicht von einem UBS-Mann auf der Nase herumtanzen. Foto: Sabina Bobst (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2013, 06:29 Uhr

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