Die abschreckende Macho-Kultur der Banken

Wer als Frau bei einer Bank nach oben will, muss sich «männliche Verhaltensweisen» antrainieren, zeigt eine Studie.

94 Prozent der befragten Bankerinnen sind überzeugt: Für die Karriere braucht es «männliche Verhaltensweisen». Foto: iStock

94 Prozent der befragten Bankerinnen sind überzeugt: Für die Karriere braucht es «männliche Verhaltensweisen». Foto: iStock

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Bemerkungen über ihre Kleider oder Schuhe waren an der Tagesordnung, wenn sie an der Kaffeemaschine stand. Einen grossen Teil der Zeit war sie damit beschäftigt, «die Ellbogen auszufahren, an den richtigen Sitzungen zu markieren». Offiziell sei Teilzeitarbeit grossgeschrieben worden, «aber de facto wurde eine 5-Tages-Kultur gelebt». So beschreibt eine ehemalige Kadermitarbeiterin die Kultur der Grossbank, für die sie bis vor kurzem gearbeitet hat.

Mit ihrer Meinung ist sie nicht allein, wie eine neue Studie mit dem Titel «Was hält Frauen von einer Führungsaufgabe in der Bankindustrie ab?» belegt. Das Resultat ist ernüchternd: 94 Prozent der Frauen, die bei Banken angestellt sind, sehen als eines der Hindernisse die männlich geprägte Kultur. 58 Prozent glauben, dass sie sich männliche Verhaltensweisen haben antrainieren müssen, um im Job erfolgreich zu sein. Für die Studie hat die Bankerin Nadia Aebli im Rahmen ihrer Masterarbeit am Swiss Finance Institute mehr als 1000 Frauen von Schweizer Banken befragt – darunter die UBS und Kantonalbanken.

Der Befund steht im Widerspruch zu den zahlreichen Anstrengungen der Banken, mehr Frauen nach oben zu bringen: Förderprogramme, Mentoring, interne Quotenziele. Top-Exponenten wie Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner betonen seit Jahren, wie wichtig Frauenförderung ist.

Die schwierigste Branche für Frauen

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Zwar sind fast die Hälfte der Bankangestellten Frauen. Im mittleren Management beträgt ihr Anteil laut dem auf das Thema spezialisierten Schilling-Report aber nur 19, im Topmanagement noch 11 Prozent. Durchschnittlich erreichen Schweizer Firmen einen Wert von 21 respektive 14 Prozent. Nur im Verwaltungsrat sind Frauen in der Bankenbranche mit 21 Prozent besser vertreten als im Schnitt.

Dass der Kulturfaktor Mitursache für den Frauenmangel an der Spitze ist, betont auch das renommierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In keiner anderen Branche sei es für Frauen so unwahrscheinlich, eine Position auf der Führungsebene zu erlangen, wie im Bereich der Finanzund Versicherungsdienstleistungen, schreibt das DIW in einem taufrischen Papier. Forcieren könnte die Entwicklung «eine Änderung der Unternehmenskultur». Denn diese sei im Finanzbereich besonders männerdominiert.

«Frauen investieren zu wenig Zeit in die Pflege des Netzwerkes.»Nadia Aebli, Studienautorin

Nadia Aebli erfragte in ihrer Studie auch, welche Aspekte dieser Kultur die Bankerinnen als männlich empfinden. Besonders oft genannt wurde die reine Überzahl von Männern im Management. Einige der Befragten hätten das Gefühl, dass die ungleiche Verteilung die Stimmung beeinflusse, etwa bei Sitzungen. «Sie beobachten mehr Machtdemonstrationen, härtere Diskussionen und weniger Rücksicht auf Emotionen.»

Auch die sogenannte Face-Time-Kultur werde oft als Problem genannt: Die Tatsache also, dass Engagement und Leistung mit Anwesenheit im Büro gleichgesetzt werde. «Da Frauen öfter Teilzeitpensen haben, empfinden sie das als benachteiligend.» Daneben zählt Studienautorin Aebli noch weitere bekannte Gründe auf für den Frauenmangel in den Chefetagen der Banken: Die Doppelbelastung durch Beruf und Familie mache zum Beispiel vielen Frauen zu schaffen. «Ausserdem fehlen ihnen die Rollenvorbilder, sie investieren zu wenig Zeit in die Pflege des beruflichen Netzwerkes.»

UBS-Chefs müssen neu Rechenschaft ablegen

Bei den Banken weist man auf die zahlreichen Initiativen hin, die es für Frauen gebe. Mehrere Institute haben das Ziel, den Anteil in Managementfunktionen auf ein Drittel zu erhöhen. Bei der UBS müssen Führungskräfte neu Rechenschaft darüber ablegen, was sie zur Stärkung der Diversität unternehmen. Die Bank führt auch Trainings durch, um den Einfluss von Vorurteilen zu verringern.

Neben der UBS hat auch die Credit Suisse ein spezielles Programm, mit dem Fachfrauen nach einer Pause wieder den Berufseinstieg schaffen sollen. Die CS bemüht sich laut einem Sprecher auch um «geschlechtsneutrale Stellenausschreibungen» und organisiert Mentoring-Programme, genauso wie die Bank Julius Bär. Kantonalbanken verweisen darauf, dass sie die Lohngleichheit überprüfen lassen. Raiffeisen und Postfinance setzen zudem auf flexible Arbeitszeiten auf allen Hierarchiestufen oder auf Workshops, um Rollenstereotype zu durchbrechen.

«Um das Problem definitiv zu lösen, bräuchte es verbindliche Zielvorgaben für den Frauenanteil.»Kristine Braden, Präsidentin von Advance – Women in Business

Doch all dem steht das Arbeitsklima im Wege. «Solche Dinge zu verändern, braucht viel Zeit», sagt Kristine Braden. Sie ist Länderchefin Schweiz, Monaco und Liechtenstein bei Citigroup Switzerland und Präsidentin von Advance – Women in Swiss Business, einem Frauennetzwerk von Schweizer Grosskonzernen. Sie habe sich im Job nie diskriminiert gefühlt, «aber ich habe die Unterschiede in der Kultur gespürt». Viele Banken hätten das Problem erkannt und einiges unternommen, andere stünden ganz am Anfang.

«Um das Problem definitiv zu lösen, bräuchte es verbindliche Zielvorgaben für den Frauenanteil – und Konsequenzen, falls diese nicht erreicht werden», sagt Braden. Noch sind solche Vorgaben in der Schweiz Sache der Banken. Der Bundesrat sieht in der Revision des Aktienrechts «Geschlechter-Richtwerte» vor: Im Verwaltungsrat der grössten Firmen soll es mindestens 30 Prozent, in der Geschäftsleitung 20 Prozent Frauen geben. Harte Sanktionen bei Verstössen sind indes nicht vorgesehen.

Umfrage: Was Bankerinnen brauchen, um aufzusteigen

Glauben Sie, dass Sie typisch männliche Verhaltensweisen haben oder sich antrainieren müssen, um in der Bankindustrie erfolgreich zu sein?

Quelle: Swiss Finance Institute/Masterarbeit Nadia Aebli 2017. Die Umfrage wurde vom 2. bis 30. September 2017 gemacht. 1044 Mitarbeiterinnen bzw. weibliche Mitglieder von 21 Banken, Vereinigungen und Verbänden nahmen auf www.onlineumfrage.ch daran teil. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.01.2018, 09:41 Uhr

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