Die grössten Irrtümer beim Kassenwechsel

Bis Ende November ist der Wechsel noch möglich – was es dabei zu beachten gilt.

Ein Satz, eine Unterschrift und schon wird die Gesundheitsversorgung günstiger: Die allermeisten Erwachsenen könnten bei einem Wechsel der Krankenkasse Prämien sparen.

Ein Satz, eine Unterschrift und schon wird die Gesundheitsversorgung günstiger: Die allermeisten Erwachsenen könnten bei einem Wechsel der Krankenkasse Prämien sparen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Es gibt kaum etwas Einfacheres, als die Krankenkasse zu wechseln: Für das Kündigungsschreiben reichen ein Satz, die Versichertennummer und die Unterschrift aus.

Das Schreiben muss spätestens am 30. November, beim bisherigen Versicherer eintreffen. Dann die Offerte des neuen Versicherers unterschreiben und ebenfalls bis am 30. November einsenden – fertig.

Leider stehen dem oft Irrtümer und falsche Annahmen im Weg:

1. Wer jedes Jahr die Krankenkasse wechselt, macht sich unbeliebt.
Falsch. Die Grundversicherer behandeln Stammkunden nicht besser als Neukunden. Die obligatorische Grundversicherung deckt alle gängigen medizinischen Leistungen ab. Diese Leistungen sind für alle Versicherten gleich – egal, wie lange sie schon Kunde sind.

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2. Man muss Grundversicherung und Zusatzversicherungen beim gleichen Anbieter haben.
Falsch. Kein Versicherer darf seine Kunden daran hindern, die Grundversicherung zu einem günstigeren Anbieter zu zügeln. Viele Zusatzversicherungen haben mehrjährige Laufzeiten. Die Grundversicherung hingegen wird immer nur vom 1. Januar bis zum 31. Dezember ­abgeschlossen. Die Versicherer dürfen jedoch einen Rabatt auf Zusatzversicherungen gewähren, wenn die Grundversicherung am gleichen Ort abgeschlossen wird. Oft ist die Ersparnis bei einem Wechsel der Grundversicherung jedoch grösser als der wegfallende Kombirabatt.

3. Frauen und ältere Menschen zahlen mehr für die Grund­versicherung.
Falsch. Das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) erlaubt für die Grundversicherungs-Prämien nur die Unterscheidung nach Alterskategorien und nach Regionen. Die Alterskategorien sind 0 bis 18 Jahre, 19 bis 25 Jahre und ab 26 Jahre. Sprich: Eine Krankenkasse muss vom gesunden 26-jährigen Mann exakt die gleiche Prämie verlangen wie von der kranken 100-jährigen Frau, wenn die beiden in der gleichen Prämienregion wohnen. Jeder Kanton ist, je nach Grösse, in eine bis drei Prämienregionen eingeteilt.

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4. Wer alt oder krank ist, wechselt besser nicht mehr die Kasse.
Falsch. Es gilt: Die Grundversicherung ist für alle obligatorisch – und die Ver­sicherungen müssen alle Kunden aufnehmen. Anders ist es bei den Zusatzversicherungen, die selbst entscheiden können, wer als Kunde erwünscht ist. Und: Wer der bisherigen Grundversicherung noch Prämien schuldig ist, der kann den Anbieter nicht wechseln.

5. Ohne Zusatzversicherung geht es nicht.
Grundsätzlich deckt die Grundversicherung die medizinische Versorgung ab – inklusive der fünf anerkannten alter­nativmedizinischen Methoden und ­inklusive Notfallkosten, die im Ausland ­anfallen. Bei Behandlungen im Ausland werden jedoch maximal die doppelten Kosten dessen vergütet, was die Behandlung in der Schweiz gekostet hätte. Dies ist für die meisten Destinationen unproblematisch; unter anderem in den USA, Kanada, Japan, Australien und Neuseeland sind medizinische Leistungen jedoch oft mehr als doppelt so teuer wie hierzulande. Dort kann eine Reiseversicherung sinnvoll sein.

Die weitverbreitete Zusatzversicherung «Allgemeine Abteilung Schweiz» ist nur sinnvoll, wenn man in Spitälern ausserhalb seines Wohnkantons behandelt werden möchte. Zwar können sich alle Versicherten in jedem Schweizer Spital behandeln lassen, das sich auf der Spitalliste befindet. Die Grundversicherung deckt allerdings maximal den im Wohnkanton geltenden Tarif. Lässt man sich in einem teureren Kanton behandeln, zahlt man die Differenz ohne Zusatzversicherung selbst. Sofern man in einem teuren Kanton und/oder in einem mit grosser Spitalauswahl wohnt, kann man auch auf die Zusatzversicherung verzichten.

Wer mindestens 8 Stunden pro Woche bei einem einzelnen Arbeitgeber fest angestellt ist, verfügt auch über eine Unfallversicherung und muss diesen Zuschlag selbst nicht mehr bezahlen. Wer dies seiner Krankenkasse nicht meldet, bezahlt jahrelang doppelt.

6. Ein Kassenwechsel lohnt sich finanziell nicht.
Falsch. Berechnungen verschiedener Vergleichs­portale zeigen: Erwachsene Versicherte könnten mit dem Wechsel ihrer Kasse im Schnitt Hunderte von Franken sparen, und dies, ohne dass sie ihre Franchise oder das Versicherungsmodell anpassen müssten. Mit dem Wechsel zu einem Hausarzt-, HMO- oder Telmed-Modell wären es noch mehr.

Angesichts des geringen Wechsel­aufwands von maximal einer Stunde rechnet sich schon eine Prämienersparnis von monatlich 10 Franken – immerhin 120 Franken pro Jahr. Alle Preise findet man auf dem Prämienrechner des Bundes unter www.priminfo.ch.

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7. Bei der Franchise wählt man am besten einen Mittelweg.
Falsch. Bei der Franchise ist für grundsätzlich gesunde Versicherte nur die höchste Franchise (2500 Franken) sinnvoll. Denn die Prämienersparnis ist so gross, dass man – über mehrere Jahre gesehen – damit auch gut fährt, wenn man einmal ins Spital muss und hohe Gesund­heitskosten hat. Ausnahme: Personen, die im kommenden Jahr Arzt-, Spital- und Medikamentenkosten von über 2000 Franken erwarten, sollten die tiefste Franchise (300 Franken) wählen. Wichtig: Die Franchise kann auch wechseln, wer bei seiner Kasse und in seinem Versicherungsmodell bleiben will.

8. Wer zur Billigkasse geht, ist asozial.
Falsch. Es ist zwar so, dass oft junge, ­gesunde Versicherte zu den günstigen Grundversicherern wechseln. Diese müssen jedoch pro Versicherten einen gewissen Betrag in den Risikoausgleichstopf bezahlen. Davon profitieren wiederum Kassen mit teuren Versicherten. Dazu kommt, dass die Billigkassen dank ihrer schlanken, effizienten Organisation und dank dem Verzicht auf Kundenbindungsmassnahmen Geld sparen.

9. Am sinnvollsten ist es, die Prämien per Dauerauftrag zu bezahlen.
Falsch. Ein Dauerauftrag ist zwar deutlich angenehmer als die Bezahlung einzelner Rechnungen. Doch wer Geld sparen will und über flüssige Mittel verfügt, sollte die Prämie fürs gesamte Jahr bereits im Voraus bezahlen, also bis Ende Dezember des Vorjahres. Die meisten Krankenkassen gewähren dann einen Rabatt (Skonto) von 1 oder 2 Prozent.

10. Guter Rat kommt aus dem Callcenter.
Falsch. Alle Jahre wieder, wenn es Herbst wird, telefonieren sie sich durch die Schweizer Haushalte: die Callcenters, die sich «Finanzinformationszent­rale», «Infocenter Schweiz» oder «Ver­sicherungsberatung Bern» nennen. Der Anrufer, der trotz Schweizer Nummer meist im Ausland sitzt, will rasch einen Beratungstermin vermitteln. Eine Beraterin oder ein Berater kommt dann mit vorgedruckten Versicherungsabschlüssen für Grund- und Zusatzversicherung vorbei. Vor allem der Abschluss von Zusatz­versicherungen ist für sie oder ihn interessant – denn das bringt eine Provision von 300 bis 400 Franken ein. Echte, unabhängige Beratung gibt es keine. Deshalb: am besten bereits am ­Telefon dankend ablehnen.

(Eine frühere Version dieses Textes wurde im September 2016 veröffentlicht. Der Artikel wurde am 28. September 2017 aktualisiert.) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.09.2017, 16:11 Uhr

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