«Die langfristigen Hypozinsen werden ansteigen»

Safra-Sarasin-Chefökonom Karsten Junius sagt, was das Festhalten der Nationalbank an der Tiefzinspolitik bedeutet und warum er optimistischer ist als Thomas Jordan.

Steigen die US-Zinsen, dürfte sich das auch auf langfristige Hypothekarzinsen in der Schweiz auswirken, sagt Safra-Sarasin-Chefökonom Karsten Junius.

Steigen die US-Zinsen, dürfte sich das auch auf langfristige Hypothekarzinsen in der Schweiz auswirken, sagt Safra-Sarasin-Chefökonom Karsten Junius.

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Herr Junius, die SNB hält wenig überraschend die Zinsen weiter tief. Welche Risiken entstehen daraus für die Schweizer Wirtschaft?
Es gibt in erster Linie zwei Risiken: Erstens können sich Blasen bilden, beispielsweise auf den Aktien- oder den Immobilienmärkten. Zweitens kann die Volatilität der Märkte zurückgehen – was in den vergangenen Wochen ja bereits geschehen ist. Der Investor gewöhnt sich daran und könnte plötzlich mehr Risiken eingehen. Doch die SNB will ja mit ihrer Politik in erster Linie auf Risiken aufmerksam machen. Sie sieht die Gefahr, dass die Inflationsraten ins Negative rutschen. Deshalb muss man die Tiefzinsphase als Instrument anschauen, das dies verhindert.

SNB-Chef Jordan unterscheidet in seiner Rede gezielt zwischen Negativinflation und Deflation.
Das macht Sinn, Deflation meint die lang anhaltende Phase fallender Preise, welche weiter durch die Erwartungen angekurbelt wird. Das ist ja in der Schweiz nicht der Fall. Unter Negativinflation verstehe ich einen Sprung unter die Nullmarke, der aber innerhalb weniger Quartale wieder korrigiert werden kann.

Das Risiko einer Negativinflation gewichtet die SNB höher als den Verlust der Preisstabilität – was halten Sie davon?
Die Aussage hat mich überrascht, ist aber wohl vor dem Hintergrund der aktuellen Nullinflation zu verstehen. Gleichzeitig ist Herr Jordan etwas vorsichtig und schätzt die Wachstumsrisiken höher ein, als ich dies erwartet hätte. Das ist nach meinem Erachten nicht notwendig. Denn wir befinden uns in einer Phase der Normalisierung, die Konjunktur zieht in der Eurozone an, die Importpreise werden wieder steigen. Eine optimistischere Betrachtungsweise wäre meiner Meinung nach nicht falsch gewesen.

Ein Exit aus der Tiefzinsphase ist für Jordan bis auf weiteres keine Option – teilen Sie diese Ansicht?
Ja. Bis 2017 ist hier keine Änderung zu erwarten.

Was bedeutet das für den Hausbesitzer?
Die Zinsen der kurzfristigen Hypotheken bleiben weiterhin tief, bei den langfristigen Hypotheken dürften die Zinsen aber in den nächsten Quartalen ansteigen. Dies, weil ich davon ausgehe, dass die Amerikaner künftig die Zinsen anheben. Damit erhöhen sich auch Zinsen der US-Staatsobligationen, was wiederum auch die Rendite der Schweizer Staatsanleihen steigen lässt. Im Zuge dessen werden darum auch die langfristigen Hypothekarzinsen steigen.

Wer ein Haus kaufen will, sollte das also jetzt tun?
Das will und kann ich so nicht sagen (lacht). Ich halte aber fest: Kurzfristige Hypotheken bleiben nach wie vor günstig.

Könnte denn die SNB den Mindestkurs anheben, auch wenn die EZB ihrerseits weiterhin an der Tiefzinspolitik festhält?
Technisch ist dies sicher möglich. Ob es sinnvoll wäre, das ist fraglich. Ich wundere mich aber mehr, weshalb sich der Franken nicht selbst stärker abwertet. Die Eurozone ist in den letzten Jahren institutionell wieder stärker geworden, verzeichnet gar Wachstum, das Argument des Safe Haven und der Angstzuflüsse gilt nicht mehr. Trotzdem blieb der Franken unverändert. Darauf habe ich momentan keine Antwort.

Wo liegt der faire Franken-Euro-Kurs?
Unsere Bank prognostiziert auf Ende 2014 einen Kurs von 1.24.

Negativzinsen sind für Jordan nach wie vor ein mögliches Instrument – ist dies Kampfrhetorik oder ein ernst zu nehmendes Szenario?
Das ist zunächst ein Weiterführen der eigenen Linie, die SNB sagt, wir sind bei Bedarf zu weiteren Massnahmen bereit. Ich bin aber beruhigt, dass die SNB dieses Instrument nicht angewandt hat und es sich weiterhin in der Hinterhand hält.

In ihren Berichten schreibt die SNB, sie habe Angst vor Negativinflation, und gleichzeitig warnt sie vor einem Zinsschock – ist das nicht ein Widerspruch?
Nein, denn die Aufgabe der Zentralbanken ist – das haben die letzten fünf Jahre gezeigt –, dass sie sich mit allen Risiken auseinandersetzen. Genau dies macht die SNB hier.

Der gestrige Fed-Bericht zeigt, die USA schaffen es, die Inflation zu steuern. Die Schweiz hingegen, aber auch Japan und Europa tun sich schwer damit – weshalb?
Zwischen der Schweiz und den USA gibt es grosse Unterschiede: Der Anteil der importierten Güter in der Schweiz ist wesentlich höher als in einem grossen Land wie den USA, dazu hatten die USA schon immer im Durchschnitt eine höhere Inflation. Europa und Japan sind wiederum eine andere Geschichte: Diese Währungszonen litten oder leiden immer noch unter grossen strukturellen Problemen, deshalb hat sich die Inflationsrate hier nicht normal entwickelt.

Sie haben das Szenario angetönt, dass die USA und Grossbritannien in naher Frist die Zinsen erhöhen könnten – was würde dies bedeuten?
Die EZB wird nicht reagieren, die SNB ebenso. Doch eine Zinserhöhung wäre so oder so ein gutes Zeichen für die Weltwirtschaft – das würde bedeuten, die Voraussetzung für anhaltendes Wachstum wäre da –, das wäre quasi ein weiterer Schritt zur Normalisierung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2014, 16:22 Uhr

Karsten Junius ist Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin.

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