Interview

«Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer wirkte zu leichtgewichtig»

Die Wirtschaft hat im Kampf gegen die Zuwanderungsinitiative mehrere Fehler gemacht, sagt Politikberater Mark Balsiger. Und führt diese im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet aus.

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Herr Balsiger, die SVP hat für einmal völlig anders kommuniziert. Sie ist während der gesamten Abstimmungskampagne relativ moderat aufgetreten. Wie entscheidend war das?
Die veränderte Tonalität hat der SVP bestimmt geholfen, unentschlossene Mittewähler anzusprechen. Während des gesamten Abstimmungskampfes hat man keine radikalen Stimmen wie die der Auns wahrgenommen.

Im Gegensatz dazu hat sich die Wirtschaft verhalten wie immer. Hat sie damit die Abstimmung verloren?
Die Wirtschaft und ihr Dachverband Economiesuisse kämpfen immer noch mit einem Glaubwürdigkeitsproblem. Das hat mit der Finanzkrise zu tun, ist aber auch selbst verschuldet. Economiesuisse steckt seit Jahren in einem Formtief. Hinzu kam die vermasselte Kampagne zur Abzockerinitiative und das daraus folgende Führungsproblem.

Auf die verlorene Abzockerinitiative hat der Verband mit einem Personalwechsel reagiert: Seit dem Sommer präsidiert der frühere Axpo-Chef Heinz Karrer Economiesuisse. Muss er die verlorene Abstimmung auf seine Kappe nehmen?
Heinz Karrer hat sicher die bessere Figur gemacht als sein Vorgänger Rudolf Wehrli während der Abzockerinitiative. Allerdings hat Karrer längst nicht die gleiche Bekanntheit und Glaubwürdigkeit wie der langjährige Präsident und FDP-Politiker Gerold Bührer. Das war in den letzten Monaten ein klares Defizit.

Daran kann er kurzfristig nichts ändern. Mich interessiert: Wie hat er seinen Job gemacht?
Mich hat er nicht zu 100 Prozent überzeugt. Seine Argumente haben zu wenig Druck entwickelt. Er wirkte insgesamt zu leichtgewichtig.

Seine Botschaft oder sein Auftritt?
Es ist eine Mischung aus beidem. Seine Inhalte waren zu wenig stringent. Bei öffentlichen Auftritten hat er sich in Details verloren. Gleichzeitig hatte sein Auftreten zu wenig Gewicht. Er wirkte nicht wie jemand, dem man sich auf einer mehrtägigen Bergtour anvertrauen würde. Für mich ist er immer noch zu sehr Manager.

War es ein Fehler, dass Economiesuisse die Kampagne geführt hat?
Nein, der Dachverband hat mit Abstand die grösste Erfahrung darin. Ein Fehler war meiner Meinung nach jedoch, dass nicht mehr bekannte und glaubwürdige Köpfe aus der Wirtschaft in Erscheinung getreten sind.

Ganz im Gegensatz zur 1:12-Initiative, als viele Unternehmen und Unternehmer sich persönlich gegen die Initiative eingesetzt haben.
Ja, das persönliche Engagement der Unternehmer war tatsächlich viel weniger ausgeprägt.

Wenn es um die eigenen Löhne geht, legt sich die Wirtschaftselite ins Zeug. Wenn es um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes geht, hält sie sich im Hintergrund. Ist das nicht entlarvend?
Ganz klar: Der Biss hat gefehlt. Ich glaube aber, dass dahinter eine Kombination von zwei Faktoren steckt. Erstens war eine gewisse Erschöpfung zu spüren nach der gewonnenen 1:12-Initiative vom letzten November, gleichzeitig wollte man die Kräfte für die anstehende Mindestlohninitiative schonen. Zweitens fehlten die Strippenzieher.

Nur: Woran liegt das? Eigentlich hätte die Wirtschaft nach der verlorenen Abzockerinitiative doch gewarnt sein müssen.
Die Wirtschaft hat sich zu Beginn in falscher Sicherheit gewiegt, nachdem die 1:12-Initiative so deutlich abgelehnt worden ist. Wie sich jetzt zeigt, war das ein grosser Fehler.

Die Wirtschaft hat also die Situation unterschätzt?
Ja. Es gab aber auch Fehler bei der Kampagne. Es wurde mit zu vielen Botschaften operiert. Wenn Sie jemandem zehn Bälle gleichzeitig zuwerfen, fängt er vermutlich keinen. Sind es bloss zwei, kommt in der Regel einer an. Man hätte stärker fokussieren müssen. Ausserdem wurde in der Kommunikation nur über die positiven Aspekte der Personenfreizügigkeit gesprochen. Die negativen – die es erwiesenermassen gibt – hat man einfach totgeschwiegen. Das ist Schönwetter-Rhetorik – und die hat nicht verfangen.

Wäre es nicht die Aufgabe der Wirtschaft gewesen, auf die Ängste der Bevölkerung einzugehen – und ihr vielleicht sogar ein Angebot zu machen?
Genau. Es hätte im letzten Jahr einen Vorschlag geben müssen, wie wir in der Schweiz mit Phänomenen wie dem Lohndumping umgehen wollen. Das hätte die Glaubwürdigkeit der Wirtschaft gestärkt und die Ängste im Zaum gehalten. Lohndumping ist in vielen kleinen Unternehmen ein Problem. Wer mag schon 6500 Franken pro Monat für eine Schweizer Grafikerin bezahlen, wenn jemand, der aus Berlin zuzieht, die gleiche Arbeit für 4000 Franken macht?

Das Glaubwürdigkeitsproblem der Wirtschaft geht nicht weg – und mit der Mindestlohninitiative und Ecopop stehen die nächsten beiden Abstimmungen schon vor der Tür. Was kann Economiesuisse noch tun?
Das Wichtigste ist, dass der Dachverband die Situation vor der nächsten Schlacht präziser analysiert: Wen betrifft die Abstimmung, wer sind die Absender, wer ist dafür am empfänglichsten, welches sind die besten Botschaften, mit denen man seinen Standpunkt klarmachen kann. Aber ja, das Glaubwürdigkeitsproblem wird der Verband nicht so schnell los. Und nach der gestern verlorenen Abstimmung wird es erst mal neue Schuldzuweisungen geben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2014, 14:48 Uhr

Zur Person

Mark Balsiger ist Politikberater und Kampagnenspezialist. Er führt seine eigene Beratungsagentur. (Bild: PD)

Auch Rudolf Strahm ortet Glaubwürdigkeitsproblem

Der frühere Preisüberwacher und SP-Politiker Rudolf Strahm ist nicht überrascht, dass die Wirtschaft und ihr Dachverband Economiesuisse die Abstimmung verloren haben. «Economiesuisse hat politisch schon länger an Gewicht eingebüsst», sagt Strahm. «Hinzugekommen ist ein Glaubwürdigkeitsproblem in der Bevölkerung.» Dieser Bruch zwischen Wirtschaft und Bevölkerung sei durch die Minder-Initiative zu den Abzockerlöhnen in der Wirtschaft erst offensichtlich geworden. Gespürt habe man ihn aber schon länger. «Das gleiche Resultat würden wir sehen, wenn wir heute in der Steuerfrage abstimmen müssten», sagt Strahm. Zur Figur, die der neue Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer während der ganzen Kampagne gemacht hat, wollte sich Strahm nicht äussern. (aba)

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

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