Hintergrund

Ein Aussteiger liess Kino.to auffliegen

Das grösste deutschsprachige Videoportal ist tot. Ermittler sprechen von organisierter Kriminalität.

Gratis aktuelle Kinohits und US-Serien: Vier Millionen Nutzerinnen und Nutzer sollen das deutschsprachige Videoportal täglich angesteuert haben.

Gratis aktuelle Kinohits und US-Serien: Vier Millionen Nutzerinnen und Nutzer sollen das deutschsprachige Videoportal täglich angesteuert haben. Bild: Keystone

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Der entscheidende Tipp kam im April. Über drei Jahre lang hatten Filmindustrie und Behörden in mehreren europäischen Ländern vergeblich versucht, den deutschen Drahtziehern hinter der populären Videoplattform Kino.to auf die Spur zu kommen. Hinweise führten immer ins Leere. Bis ein Szene-Aussteiger sich bei der deutschen Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen meldete – einem Ableger der Filmindustrie.

250 Polizisten, Steuerfahnder und Datenspezialisten durchsuchten darauf in einer europaweit koordinierten Razzia 42 Büros und Privatwohnungen in 20 Städten und 4 Ländern. Sie verhafteten 13 Leute und nahmen die Server vom Netz, auf denen die Website gespeichert war.

Vier Millionen Nutzer sollen das deutschsprachige Portal jeden Tag angesteuert haben, um sich via Computer gratis aktuelle Kinohits und US-Serien anzusehen – darunter wohl Zehntausende aus der Schweiz. Die deutsche Polizei geht von einem Verbrecherring aus, der mit illegalen Raubkopien jeden Monat einen einstelligen Millionenbetrag Gewinn erwirtschaftete. Das Geld stammte nach ersten Erkenntnissen aus Werbebannern für Porno- oder Pokerseiten, aber auch aus sogenannten Abzockerfallen: scheinbar harmlosen Software-Downloads, die unbedarften Nutzern ein teures Abo aufzwingen.

Eine legale Alternative fehlt

Kino.to pries sich jahrelang selbst, legal zu sein. Grund: Das Portal stellte selbst keine Inhalte zur Verfügung, sondern verwies nur auf die Datenquelle. Damit würde sich der Dienst tatsächlich in einer Grauzone bewegen. Die Ermittler haben aber offenbar Hinweise darauf, dass zumindest ein Teil der Seiten, welche die illegalen Kopien zur Verfügung stellten, ebenfalls zu Kino.to gehörten. Ausserdem sollen Zulieferer dafür bezahlt worden sein, die illegalen Raubkopien zu beschaffen.

Das Resultat: ein schier unerschöpflicher Fundus an Videos – und zwar nicht nur an aktuellen Kinofilmen wie «Hangover 2» oder «Tree of Life», sondern auch an amerikanischen Serien wie «Grey’s Anatomy», «Dr. House» oder «Boardwalk Empire», die bei uns erst mit Verzögerung oder noch gar nicht gezeigt werden. Ein vergleichbares legales Angebot existiert in Europa derzeit nicht, auch nicht ein kostenpflichtiges – ganz im Gegensatz zu den USA. Eine Tragödie sei das, sagte diese Woche sogar die zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes und ortet die Ursache in den komplizierten Urheberrechtsbestimmungen. Geht es nach ihr, soll sich das nun ändern.

Welche Seiten bieten Ersatz?

In der Schweiz sind die Regeln zwar deutlich Internetfreundlicher, was etwa dazu geführt hat, dass Web-TV-Dienste wie Zattoo und Wilmaa boomen. Die Anbieter von Online-Videotheken bekunden hingegen Mühe, ihre Datenbanken mit attraktiven Filmen zu bestücken. Serien etwa sind bislang kaum verfügbar.

Bis sich das ändert, werden sich viele Schweizer Nutzer wohl weiterhin unbescholten (siehe Text links) im Internet bedienen. Bereits Stunden nachdem Kino.to vom Netz ging, war bei Facebook und Twitter in der Schweiz nicht mehr die Razzia beim Videoportal das Hauptthema, sondern nur noch, welche Website als Ersatz infrage kommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2011, 08:24 Uhr

Schweizer können unbesorgt sein

Wer am Mittwoch versuchte, das Videoportal Kino.to zu erreichen, wurde von einer Nachricht der deutschen Behörden begrüsst, wonach die Website geschlossen worden sei. Und: «Internetnutzer, die widerrechtlich Raubkopien von Filmwerken hergestellt oder vertrieben haben, müssen mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen.» Mittlerweile findet man die Mitteilung nicht mehr, wer online nach Kino.to sucht, erhält bloss noch eine Fehlermeldung.

Trotzdem ist in Deutschland die Diskussion darüber angelaufen, ob das Streaming eines Videos – also das Abspielen, ohne die Datei vorher herunterzuladen – genauso strafbar ist, wie das Herunterladen. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob beim Streamen eine Kopie des Videos erstellt wird oder nicht. Während die Filmindustrie davon ausgeht, dass die Kino.to-Nutzer gegen das Gesetz verstossen, winken zahlreiche Rechtsanwälte ab. Ob es in Deutschland zu Klagen gegen die Nutzer kommt, ist laut den Behörden offen.

In der Schweiz ist diese Diskussion müssig. Hierzulande ist es grundsätzlich erlaubt, urheberrechtlich geschützte Videos oder Musik abzuspielen oder herunterzuladen – solange es sich um Eigengebrauch handelt. Das bedeutet, dass man die Filme zwar mit Familie und Freunden ansehen, aber nicht weiterverbreiten darf. Erst wer selbst Filme ins Internet stellt, macht sich strafbar. Schweizer Nutzer von Kino.to können also unbesorgt sein.

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