Zum Tod von Carsten Schloter

Ein Visionär und ein Getriebener

Der 49-jährige Swisscom-Chef Carsten Schloter ist tot. An seine Grenzen zu stossen, sich ständig zu verbessern, danach suchte er – in der Arbeit wie im Sport.

Ehrgeiz war sein Antrieb: Carsten Schloter, aufgenommen im Februar 2012.

Ehrgeiz war sein Antrieb: Carsten Schloter, aufgenommen im Februar 2012. Bild: Christian Schnu/Keystone

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Zwei Dinge fielen auf, wenn man Carsten Schloter das erste Mal begegnete. Zum einen, wie er sprach. Ein Singsang, melodiös – aber eigenartig. Mit ausgeprägten Pausen, gern am falschen Ort. Und er baute Schlaufen ein: Er wiederholte Satzteile, um etwas zu betonen. Am irritierendsten aber war der Gegensatz zwischen Inhalt und Ausdruck: Er artikulierte jedes Wort sorgfältig, baute Sätze in komplexen Strukturen – aber haute beim Rhythmus meist daneben.

Zum anderen fiel auf, wie klein er war. Nicht in absoluten Zahlen; er mass bestimmt über 1,70 Meter. Aber wie viel kleiner er wirkte, wenn man ihm direkt gegenüberstand, im Vergleich dazu, wenn er vor Publikum sprach. Dabei hatte er eine beeindruckende Präsenz, ein unglaubliches Selbstbewusstsein. Diese Präsenz und sein eigenartiger Sprach-Habitus, gepaart mit seinem Äusseren – braun gebrannter Teint, blonde, nach hinten gegelte Haare – und dem deutschen Pass, waren wohl der Grund, wieso seine Ernennung zum Swisscom-Chef Anfang 2006 mit reichlich Misstrauen quittiert worden war. Er wirkte affektiert. Ein bisschen wie ein Geck.

Nichts ist davon hängen geblieben. Seine Art zu sprechen etwa hatte nur vordergründig etwas Gekünsteltes: Es war bloss ein ausländischer Akzent – was immer dann deutlich wurde, wenn der ansonsten so wortgewandte Schloter ausnahmsweise einen Artikel verwechselte oder einen Fallfehler machte. Schloter wurde zwar in Deutschland geboren, ist aber in Frankreich aufgewachsen und sozialisiert worden.

Entscheidungen mit Weitblick

Gut sieben Jahre nach seiner Ernennung hört man – neben grosser Betroffenheit – vor allem Lob und Anerkennung; aus der Politik, von der Konkurrenz, selbst von Behörden und vom Bundesrat. Man erinnert sich an ihn als charismatischen Mann, der jeden persönlich begrüsst, den er kannte, ein Lachen im Gesicht und Schalk in den Augen. Kaum jemand, der ihn kannte, erinnert sich nicht an eine Diskussion, die dank Schloters Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit nicht eskalierte.

Schloter hat die Swisscom in den letzten Jahren entscheidend geprägt. Allerdings fand er auch eine einzigartige Ausgangslage vor: Die Politik hatte der Ex-Monopolistin mit ihrer Swisscom-freundlichen Haltung einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft, den auch ein durchschnittlicher Manager hätte verwalten können. Man muss ihm hoch anrechnen, dass er sich damit nicht zufrieden gab. Er traf Entscheidungen, deren Tragweite und visionäre Kraft man erst Jahre später erkennen konnte. Ohne Schloter würde zum Beispiel ein Viertel der Mobilfunksparte noch immer der britischen Konkurrentin Vodafone gehören. Das Geschäft, so wie es heute aufgestellt ist, wäre nicht möglich.

Und Schloter setzte Standards – in der Schweiz wie auch international. Seine Kundendienst-Offensive prägt das Image der Swisscom bis heute. Mehrere seiner Preismodelle waren einzigartig – und fanden international Beachtung. Die neuesten Handytarife mit dem Namen Infinity etwa werden durch einen Abschnitt im Telecom-Bericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) geadelt. Einen ersten Schritt in diese Richtung hatte Schloter schon zu seiner Zeit als Chef der Mobilfunksparte gemacht, als er 2005 Stundentarife einführte – ein Vorläufer der Flatrate.

Als eine der ersten Telecomanbieterinnen entwickelte die Swisscom ein TV-Angebot. Schloters Vision, mit exklusiven Inhalten wie Fussballspielen Kunden zu gewinnen war so erfolgreich, dass die Kabelnetzanbieter bei der Wettbewerbskommission dagegen klagen. Demgegenüber stehen die Beteiligung an der italienischen Fastweb und die Glasfaserkooperationen mit den städtischen Elektrizitätswerken – bei beidem ist der langfristige Ausgang ungewiss.

Disziplin und Willensstärke

Schloters Antrieb war dabei sein persönlicher Ehrgeiz: An seine Grenzen zu stossen, sich ständig zu verbessern, danach suchte er – bei der Swisscom wie im Sport, wo er bei Extremanlässen wie dem Radrennen Tortour oder dem Skitouren-Marathon «Patrouille de Glacier» mitmachte. Schloter selbst nannte Disziplin und Willensstärke als seine herausragenden Eigenschaften. Trotzdem wirkte er nicht hart. Er hatte im Gegenteil die Fähigkeit, die Menschen einzubinden und zu begeistern – damit sie zu Höchstleistungen aufliefen.

Schloter hatte auch die Gabe, sich ganz auf eine Sache zu fokussieren. Egal, wie viele Menschen um ihn herum standen – er blendete die Umgebung aus und gab seinem Gegenüber das Gefühl, die Welt drehe sich in diesem Moment nur um ihn. In Diskussionen machte er keinen Hehl daraus, dass sein Weg auch der falsche sein könnte – und nahm damit Journalisten in Interviews gerne den Wind aus den Segeln. Er brachte kritische Fragen auf, um sie selbst zu beantworten und damit zu entkräften. Ein rhetorischer Kniff, der es erschwerte, im Gespräch die Oberhand zu gewinnen.

Trennung als Wendepunkt

Schloter bezeichnet seine Trennung von seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern selbst als grösste Niederlage – er sei gescheitert im realen Leben. Dieses Erlebnis markierte auch einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie Schloter gegen aussen auftrat. Zuvor definierte er sich in der Öffentlichkeit ausschliesslich über seine Leistung in der Telecombranche und im Sport. In den letzten Monaten kam plötzlich das persönliche Element dazu. Er erklärte öffentlich, dass vielleicht auch sein Egoismus zur Trennung geführt hätte, und er sprach mehrfach über Verpflichtungen, die heute sein Leben dominierten.

Um sich Freiräume zu schaffen, passte er letzten Herbst die Organisation der Swisscom an, gab formal einen Teil der Verantwortung ab – und schuf erstmals die Funktion des Stellvertreters. Dieser, Schloters langjähriger Wegbegleiter Urs Schaeppi, übernimmt jetzt auch interimistisch seine Funktion.

Erstellt: 23.07.2013, 23:13 Uhr

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Swisscom
Hunderte kondolierten

Die Nachricht traf in den Swisscom-Büros genauso unerwartet ein wie in der restlichen Schweiz. Carsten Schloter war in der Schweiz Chef von über 16'000 Angestellten und weiteren 3000 in Italien.

Betroffenheit machte sich breit bei den Mitarbeitern, nachdem sie am Dienstag kurz nach halb zwei von Schloters Tod erfahren hatten. Swisscom hatte über das firmeneigene Kommunikationsportal Intranet informiert. Dort gab es eine Kommentarfunktion, die den Mitarbeitenden ermöglicht, sich auszudrücken.

Laut Swisscom-Medienstelle waren bis gestern mehrere Hundert Kondolenz­bekundungen eingegangen. Zudem wurde eine Care-Nummer aufgeschaltet und breit kommuniziert. Für die nächsten Tage seien intern weitere Kommunikationsmassnahmen geplant. So beispielsweise auch eine Videobotschaft des Verwaltungsratspräsidenten für Mittwoch. «Es wurde schon sehr still», sagt Swisscom-Mitarbeiter Beat Zurbuchen, der am Konzernhauptsitz in Worblaufen auch mit Schloter zu tun hatte. «Er war einer der charismatischsten Menschen, die ich je getroffen habe», sagt er.

Die Angestellten seien Schloter fast ehrfürchtig begegnet, sagt ein Swisscom-Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte. Schloter sei kompetent und rhetorisch begabt aufgetreten. «Im Umgang mit seinen Untergebenen war er freundlich und bescheiden.» So hat Schloter im Konzern auch die Duz-Kultur gefördert.
Dass sich Schloter in der Chefetage nicht abschottete, betont auch Gewerkschafter Giorgio Pardini: «Die Angestellten konnten sich mit Anliegen direkt an ihn wenden.»

Pardini, der für die Gewerkschaft Syndicom die Verhandlungen über den Gesamtarbeitsvertrag leitete, lobt Schloter als ehrlichen Verhandlungspartner: «Er schenkte uns bei den Verhandlungen reinen Wein ein. Er war eine der Personen, auf deren Wort man sich verlassen konnte.» Auch die Gewerkschaft Transfair lobt ihn für seine Dialogfähigkeit. Adrian Sulc

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