Firmen sehen in Russland Wachstumschancen

Im Fall von Wirtschaftssanktionen wären aus Schweizer Sicht noch keine gewichtigen Umsatzvolumen betroffen. Doch jetzt sistiert der Bundesrat die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen.

Rheinhafen Basel: Schweizer Exporte nach Russland sind vielfach eher Hoffnung als Realität.

Rheinhafen Basel: Schweizer Exporte nach Russland sind vielfach eher Hoffnung als Realität. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Als Reaktion auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland hat die Schweiz die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit dem östlichen Riesenreich sistiert. Den Entscheid hätten die vier Partnerländer der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta) gemeinsam getroffen, sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann gestern. Neben der Schweiz gehören noch Norwegen, Island und Liechtenstein zur Efta. Der Unterbruch der Freihandelsverhandlungen sei das «erste formellere Zeichen» der Schweiz, sagte der Bundesrat weiter gegenüber dem Schweizer Radio. Freihandelsverträge seien wichtig – «aber nicht um jeden Preis», so Schneider-Ammann.

Marcel Sennhauser, Sprecher von Scienceindustries, dem Branchenverband der Pharma-, Chemie und Biotechindustrie, wertet die Sistierung der Verhandlungen mit der russischen Seite als politisch motiviert. Er bezeichnet Russland als «prioritären und strategisch wichtigen Markt, mit dem die Schweiz mittelfristig ein Freihandelsabkommen schliessen sollte».

Viel einschneidender wären die Folgen, falls die EU-Staaten in einer dritten Stufe Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängen – und sich die Schweizer Unternehmen daran beteiligen würden (oder müssten). Welche Branchen wären von einem allfälligen Embargo besonders betroffen? Und welchen Stellenwert hat Russland überhaupt aus Schweizer Wirtschaftsoptik? Durch die Antworten diverser Unternehmen und Wirtschaftsverbände zieht sich wie ein roter Faden, dass dem russischen Markt Gewicht zukomme aufgrund seiner Grösse. Doch bemisst sich sein Stellenwert weit mehr aus dem Potenzial als aus dem aktuellen Volumen der beiderseitigen Handelsströme.

Klarer Wachstumstrend

Am Beispiel der Pharma- und Chemie- firmen lässt sich dies illustrieren. Vom Schweizer Gesamtexport nach Russland beanspruchten sie im letzten Jahr den Löwenanteil von gut 42 Prozent. Doch selbst für diese Branchen machten die Lieferungen nach Russland lediglich 1,6 Prozent der weltweiten Exporte aus. In absoluten Zahlen: Von den letztjährigen Gesamtausfuhren der Branche in Höhe von 81 Milliarden Franken gingen 1,3 Milliarden in den russischen Markt. Sennhauser streicht jedoch die langjährige Tradition der Ausfuhren nach Russland heraus. Im Fall von Roche und der damaligen Geigy reichen sie bis ins auslaufende 19. Jahrhundert zurück. Was die jüngere Vergangenheit betrifft, ist Russland in der Rangliste der bedeutendsten Märkte für die Pharma- und Chemiefirmen seit 2001 vom 29. auf den 14. Platz vorgerückt.

Darüber hinaus hat Russland eine gewisse Bedeutung als Produktionsstandort erlangt. So hat Novartis eine hochmoderne Produktionsstätte in St. Petersburg für 140 Millionen Dollar in Betrieb genommen. Rund 350 Beschäftigte produzieren dort seit kurzem Generika und patentgeschützte Medikamente. Novartis selbst wollte sich nicht äussern. Konkurrent Roche ist in Russland primär mit einer Verkaufsorganisation präsent. 2013 hat der Konzern im dortigen Markt einen Umsatz von 653 Millionen Franken erzielt, was 1,4 Prozent des Totals entspricht. Die Zahl sei von der russischen Nachrichtenagentur Interfax verbreitet worden, und sie treffe zu, bestätigt Konzernsprecher Nicolas Dunant (Roche weist, wie andere Unternehmen auch, keine Umsatzzahlen für einzelne Länder aus).

Die Maschinen-, Elektro- und Metallfirmen (MEM-Industrie) exportierten im letzten Jahr Waren im Wert von 1,08 Milliarden Franken in Wladimir Putins Reich, womit es Platz 11 im Ranking der wichtigsten Absatzmärkte einnimmt. In den vergangenen zehn Jahren konnte die Branche ihr Ausfuhrvolumen nach Russland mehr als verdoppeln, dennoch kommt der entsprechende Anteil an den Gesamtexporten der MEM-Industrie nicht über 1,6 Prozent hinaus.

Ivo Zimmermann, Sprecher des Branchenverbands Swissmem, stuft Russland als «interessanten Wachstumsmarkt» ein. Das Land investiere viel in die Modernisierung der Strassen, Transportinfrastruktur, Spitäler, Luftfahrt und der Informationstechnologie – allesamt Bereiche, in denen die hiesige MEM-Industrie über namhafte Firmen verfüge.

Fussball-WM im Blick

Ulf Schneider, Inhaber des Beratungsunternehmens Russia Consulting in Moskau, erinnert ferner daran, dass die Ausschreibungs- und Vergabeverfahren für Projekte in Zusammenhang mit der Fussball-WM 2018 in Russland am Laufen sind. Schweizer Unternehmen könnten sich gute Chancen ausrechnen, nicht zuletzt aufgrund ihrer oft guten Beziehungen zum Fussballverband Fifa.

Die Industriekonzerne selbst geben sich vorderhand gelassen in ihren Einschätzungen zu möglichen Sanktionen gegen Russland. Bei Firmen wie Geberit und Oerlikon ist dies primär darauf zurückzuführen, dass sie «keine substanziellen Geschäftsaktivitäten» im betreffenden Markt haben. Sulzer ist zwar gemäss Sprecherin Verena Gölkel mit allen drei Divisionen und rund 200 Mitarbeitenden in Russland präsent, der dort erzielte Umsatzanteil gemessen am Konzernerlös liege indes im «tiefen einstelligen Prozentbereich». Zudem sei Sulzer in der Lage, «kurzfristig und flexibel auf geänderte Rahmenbedingungen zu reagieren». Holcim-Sprecher Peter Stopfer beziffert den russischen Umsatz auf «weniger als 2 Prozent» des Gruppentotals.

Deutlich stärker engagiert im Land ist ABB mit fünf Fabriken und rund 1300 Beschäftigten, die unter anderem Schaltanlagen, Kommunikationssysteme für Kernkraftwerke, Automationssysteme und Transformatoren produzieren. Ein sechstes Werk für die Produktion von Niederspannungsanlagen sei im Bau, sagt Konzernsprecher Antonio Ligi. Gefertigt werde hauptsächlich für den russischen Markt. Bucher Industries, Hersteller von Maschinen und Fahrzeugen, lieferte im letzten Jahr immerhin 10 Prozent des Umsatzes mit Kommunalfahrzeugen und weitere 2 Prozent des Landmaschinenerlöses nach Russland. Würde dieser Markt für längere Zeit ausfallen, käme Bucher laut Firmensprecherin Vanessa Ölz wohl nicht umhin, die Kapazitäten im Bau von Kommunalfahrzeugen «anzupassen». Davon wäre unter anderem die Produktion in Niederweningen betroffen.

Die Uhrenindustrie setzte 2013 Waren für 280 Millionen Franken in Russland ab. Gemessen am Gesamtexport beträgt der russische Anteil rund 1,3 Prozent, was Platz 15 in der «Länderhitparade» bedeutet.

Erstellt: 19.03.2014, 21:37 Uhr

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